Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Abstract
In der eingereichten Studie Ivan Franko und die "Moloda Muza". Zum System der ästhetistischen Motive in der
westukrainischen Lyrik der Moderne werden die spezifischen Rezeptionsbedingungen der europäischen
literarischen Moderne der Jahrhundertwende in der galizisch-ukrainischen Literatur jener Zeit untersucht. Unter
Heranziehung der Arbeiten von Zoran Konstantinovic und Aage Hansen-Löve wird die galizisch-ukrainische
Literatur in Kap. 1 in den Kontext der mitteleuropäischen Literaturen gestellt und gezeigt, daß sich gerade anhand
von Werken von zweitrangigen Autoren wie jenen der Lemberger Dichtergruppe "Moloda Muza" [Die junge Muse]
die literarischen Motive der Moderne in besonders deutlicher Weise systematisieren lassen - gerade solche Texte
erschöpfen sich bisweilen nämlich in der bloßen Neukombination vorgegebener Motive.
Kap. 2 zeigt, in welch ambivalenter und gleichsam ,gespaltener` Weise der ukrainische Nationaldichter Ivan Franko,
der von realistisch-mimetischen und rational definierten ästhetischen Positionen ausging, die Rezeption der
Moderne in der galizisch-ukrainischen Literatur bestimmte: Als Kritiker erteilte er sowohl der europäischen
Moderne (Huysmans, Verlaine, H. Bahr, Tetmajer) als auch deren ukrainischen Vertretern (eben der "Moloda
Muza") aufgrund deren Abkehr von gesellschaftlichen Fragen und der Hinwendung zu einem intuitiv bestimmten
Schaffensprinzip eine entschiedene Absage; als Künstler aber war er sich sehr wohl des Innovationspotentials der
Moderne bewußt und sorgte (in Widerspruch zu seinen Rezensionen und Aufsätzen) durch eigene Gedichte und
Übersetzungen etwa von Verlaine für die Rezeption der europäischen Moderne in der galizisch-ukrainischen
Literatur. Diese Vorbildfunktion Frankos für die nachfolgende Generation der ukrainischen Moderne wird dann in
Kap. 3 anhand ausgewählter Motive der Moderne (Verwelken, Umherirren, Versinken, Abgrund, Nirwana)
dokumentiert, die den Gedichtbänden der "Moloda Muza", die als ein einziger Gesamttext gelesen werden,
entnommen sind.
Die Ergebnisse der Arbeit belegen über die motivischen Parallelen zwischen ukrainischer und gesamteuropäischer
Moderne einerseits den supranationalen Charakter der Moderne und andererseits den Umstand, daß die ukrainische
Literatur der Jahrhundertwende in ihrer Bestrebung nach Europäisierung die utilitaristische Beengung (=Literatur
als Medium für nationale und soziale Ziele) des 19. Jhs. überwinden und das künstlerische Moment in den
Vordergrund rücken konnte. Ein Vergleich des Manifestes der "Moloda Muza" mit den Programmtexten des
"Jungen Polen`` zeigt aber, daß dabei nur jene Aspekte der europäischen Moderne übernommen wurden, die sich
für das System der galizisch-ukrainischen Literatur als kompatibel erwiesen. In dieser Hinsicht zeigt die Arbeit
paradigmatisch Verlauf und Bedingungen des Rezeptionsprozesses zwischen voneinander stark differierenden
Nationalliteraturen.