Des Kaisers Juden. Österreich-jüdische Lebensgeschichten aus der Habsburgermonarchie
Des Kaisers Juden. Österreich-jüdische Lebensgeschichten aus der Habsburgermonarchie
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Während sich die meisten autobiographischen Neuerscheinungen österreichisch-jüdischer Autoren auf die Zeit nach 1918 und den grauenhaften Nationalsozialismus konzentrieren, erschließt dieses Buch den Zeitraum der letzten Jahrzehnte der Habsburgermonarchie. Die umfassende Einleitung gibt einen Überblick über die neuesten Ergebnisse der Geschichtsforschung und stellt den subjektiv und emotional geprägten Autobiographien Informationen über die allgemeinen Veränderungen zur Seite. Die Leser können Themen wie zum Beispiel Patriotismus, Auswanderung und Binnenwanderung, religiöses Leben und Zusammenleben mit Nichtjuden, Integration und Assimilation, Diskriminierung und Emanzipation somit aus dem Blickwinkel der Wissenschaft und dem der subjektiven Erinnerung betrachten. Die auszugsweise veröffentlichten Lebenserinnerungen wurden vom New Yorker Leo Baeck Institute und dem Institut für Geschichte der Juden in Österreich gesammelt. Sie gewähren vielfältigste Einblicke in das damalige Leben der Juden in der österreichischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie. Besonderes Gewicht hat die Aufbruchstimmung nach der Gewährung der Gleichberechtigung im Jahre 1867, aber auch die Enttäuschung über den Erfolg des antisemitischen Nationalismus am Ende des 19. Jahrhunderts. Die autobiographischen Berichte zeugen einerseits vom enthusiastischen Engagement im Berufsleben, andererseits von einer neuen, für alle überraschenden Isolation. In der erneuten Bedrängnis durch den Antisemitismus mußten Auswege und Konzepte gesucht werden, von denen der Zionismus eine bis in die Gegenwart wirkende Bedeutung erlangen sollte. Für die politisch indifferent bleibenden Juden hingegen gewann der Kaiser als Garant der Emanzipation beinahe mystische Wertschätzung. In fiLst allen Memoiren wird seine Person gewürdigt. Wenn der aus Brünn stammende Architekt Norbert Troller über die Verehrung des "geliebten Kaisers schreibt, der "nur einen Strich der Skala unter dem lieben Gott" gewertet wurde, so darf nicht vergessen werden, daß er und viele Autoren ihre Berichte erst nach der Erfahrung des Holocausts schrieben. Das beinahe nostalgische Bild der Vergangenheit wird durch historisch- kritische Kommentare ergänzt. Die Memoiren behandeln das Leben der Juden in den Kronländern Böhmen und Mähren, Galizien und der Bukowina, den Alpenländern und vor allem der k.k. Haupt- und Residenzstadt Wien. Unter den Autoren befinden sich etwa der wegen seines Kontaktes mit Theodor Herzl berühmt gewordene, konservative Rabbiner Moritz Güdemann und der Maler Josef Floch. Die meisten der mehr als 30 Autorinnen und Autoren schrieben jedoch nicht, weil sie berühmt waren, sondern für die eigene Familie oder für Bekannte. Sie sprechen zahlreiche Themen an, über die bislang nur wenige veröffentlichte Quellen vorlagen: sei es das Alltagsleben oder das Wohnen, die Liebe zur Kultur in jüdischen Familien oder die Übernahme von Werten der bürgerlichen Gesellschaft, sei es das Abgehen von religiösen Formen des Lebens oder die Charakterisierung der verschiedenen Generationen und Geschlechterrollen, sei es die Vielfältigkeit des jüdischen Lebens je nach Herkunftsgebiet, nach religiöser und politischer Orientierung, sei es das konkrete Zusammenleben mit Nichtjuden im Bereich der Arbeit oder in der Schule, seien es die Erfahrungen von jüdischen Kindern und Jugendlichen. Wer gerne Memoiren liest, wird in diesem Buch genauso fündig wie diejenigen, die sich für die Geschichte der Juden und die Geschichte der Habsburgermonarchie interessieren.