Body-Options. Körper - Spuren - Medien - Bilder
Body-Options. Körper - Spuren - Medien - Bilder
Wissenschaftsdisziplinen
Medien- und Kommunikationswissenschaften (100%)
Der Diskurs über die Neuen Technologien ist von Metaphern des Bruchs bzw. Metaphern der Inkorporation des Alten durch das Neue dominiert. Kein Stein werde mehr auf dem anderen bleiben, alles werde sich dramatisch verändern - und insbesondere jene Grenze, die als letzes Bollwerk gegolten hatte - nämlich der Körper - stelle jenes Terrain dar, auf dem die "letzte Schlacht" ausgetragen werde. ,,The body is unquestioned the next frontier - the body, and then cognition." (Druckrey 1994, 9) Diese Metaphern suggerieren jedoch gleichzeitig - über den Bruch - einen neuen Anschluß. Der Körper des Benutzers/der Benutzerin wird auf eigentümliche Weise an den Computer angeschlossen, eine Beziehung entsteht, die andere ,,Tiefen" der menschlichen Psyche anspricht - the human interface? Die Frage des Körpers ist jedoch keine ausschließlich der Neuen Medien, der Neuen Kommunikations-Techniken, sondern ist eine, die sich medial verzweigt, das heißt, wir finden die Spuren des Körpers in allen medialen Arrangements, wenngleich in sehr unterschiedlicher Manifestation und äußerst divergierender theoretischer Artikulation. Der vorliegende Band unternimmt nun ein zweifaches: 1. zum einen der Frage nach dem Körper und seiner ,,Fassungen" in den Theorien zu den Neuen Technologien sowie Film- und Fernsehtheorie (Cultural Studies) nachzugehen 2. zum anderen den Begriff des Körpers als ,leeres Körper-Bild" vorzustellen und in die medialen Felder einzuführen. Das heißt, wann immer ein Körper im Spiel ist, dann ist die Frage nicht nach seinem Verschwinden oder seiner Abwesenheit zu stellen, sondern vielmehr, wo dieser Ort des Körpers anzunehmen ist - und dies ist, wie ich ausgeführt habe, ein "anderer OW" im Sinne der Psychoanalyse, der sich in den medialen Arrangements mit der Psyche des Subjekts koppelt. Das Buch, das mit Hilfe des APART-Stipendiums der österreichischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt werden konnte, entstand zu einem großen Teil in den USA (San Diego und Santa Cruz), Kanada (Ottawa) sowie Australien (Sydney). Wichtige Gesprächspartnerinnen waren u.a. Ien Ang, Moira Gatens, Paul Patten, Zoe Sofoulis (Sydney), Donna Haraway, Wendy Brown (Santa Cruz), Judith Halberstam (San Diego), Rob Shields (Ottawa/Lancaster), Henry Krips (USA), Ernesto Laclau und Chantal Mouffe (UK), u.v.a.m. Die Arbeit ist vor einem philosophisch-psychoanalytisch-feministischen Hintergrund theoretisch angesiedelt. Das heißt, Sehmodelle/Subjektfassung/Körperdefinitionen werden sowohl in ihrer historischen Bestimmung als gegenwärtigen Diskussion analysiert. Hierbei sind Fragen anleitend wie z.B. die Feststellung von Allucquère R. Stone in Hinblick auf den cyberspace, daß immer ein Körper im Spiel ist. Oder was bedeutet es wohl, wenn der Widerstand sich am Körper festmacht, wenn dieser gleichzeitig Ort des Vergnügens ist, wie dies John Fiske für das Fernsehvergnügen formuliert hat. Wie ist es darüber hinaus zu verstehen, daß der Körper eingeführt wird durch eine erste originäre Leere (Jacques Lacan), wenn die Rede vom "leeren Bild" ist (Parveen Adams) oder von einem Körper, dessen Grenzen extrem flüssig sind (Eliszabeth Grosz) und dessen Geschlecht nie das ist, was es zu sein vorgibt (Judith Butler). Was diese Fragen deutlich machen, ist eine Entwicklung, die sich in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Feldern parallel ereignet. Von Piercen und Burning über Fitness-Kult bis zur Negation des Körpers im Sog der Neuen Medien reichen die Beispiele auf der einen Seite, von Gender als Performanz über die Instabilität des Körpers und seiner Sexualität bis zum Affekt, der einen anderen Ordnung angehört, die auf der anderen Seite. Dies heißt nun jedoch nicht, daß alle diese Beispiele das Gleiche nur unterschiedlich besagen, sondern vielmehr sind sie Belege für eine gesamtgesellschaftliche Restrukturierung, in der sich - aus dieser Zusammenschau - das Neue der Neuen Medien in Hinblick auf das Subjekt und den Körper differenzierter darstellen 1äßt. Die Frage nach dem Verhä1tnis von Realität und Virtualität und seinen Implikationen für die Subjektformation einerseits sowie das Denken des Menschen andererseits muß in ihrer "gesamten Medialität" begriffen werden. Das heißt, der Diskurs über die Neuen Medien erweist sich bei genauerem Blick als einer, der die historische Formulierung des Subjekts auf den Achsen Blick/Sehen und Seinsweise weiterführt. Und hierbei 1äßt sich als zentraler - alter/neuer - Begriff jener des Körperbildes einführen, um die "mediale Dependenz des Subjekts" an sich vorzuführen. Jede Ankunft eines Mediums hat für sich in Anspruch genommen, "sein" Subjekt neu zu formieren (Buch - zentralperspektivische Malerei - Fotografie - Kino - Fernsehen - Neue Medien). Und interessanterweise wurde dieser Anspruch immer wieder auf sehr ähnliche Weise artikuliert. Wie wir sehen bestimmt wesentlich, was wir sehen und darüber wie wir sind. Auch das Spiel der Neuen Medien mit dem Geschlechtertausch ist eines, das sich medial immer inszeniert hat, bzw. geschlechtliche Identitäten sind immer basaler Baustein medialer Inszenierungen gewesen. Die vorliegende Arbeit kann deshalb als differenzierte Zusammenschau zentraler medientheoretischer Diskurse bezeichnet werden, die es unternimmt, Begrifflichkeiten und Bestimmungen aufeinander zu beziehen und in der jeweiligen historisch-medialen Besonderheit zu benennen.