Druckkostenbeitrag D 3030Konstruktion und Dekonstruktion der ZeitBernd SCHMEIKAL29.11.1999
Der Autor zeigt, daß Zeit nicht als objektiv gegeben angesehen werden kann - etwa im Sinne der Physik - sondern
einer sozialen Konstruktion bedarf, die je nach sozialen und kulturellen Kontexten verschieden ausfällt. In dem
Buch werden grundlegende Formen der Konstruktion des Zeitkonzeptes untersucht und dessen Relativität
dargelegt. Dazu gehören die absoluten Konzepte des antiken Griechenland, der Scholastik, der klassischen Physik,
der genetischen Entwicklungspsychologie, sowie Konzepte segmentärer Gesellschaften, der alten Ägypter und
anderer Kulturkreise. Die Problernatik des linearen Konzeptes für die heutige mitunter als postmodern bezeichnete
Gesellschaft wird untersucht. Der ordinale Charakter der Zeit wird auf die fundamentalen Strukturen der
Orientierung im Raume zurückgeführt.
Es wird mitunter geglaubt, daß den Naturwissenschaften eine Exaktheit zukomme, die die Sozialwissenschaften
aufgrund ihres phänomenologischen, interaktionistischen und strukturalen Charakters niemals erreichen könnten.
Dies ist ein Irrtum, und zwar aus folgendem Grund: Auch der Physik und den Naturwissenschaften im allgemeinen
kommt diese Exaktheit nicht zu. Vielmehr haben sich die Physiker aus wissenschaftshistorischen Gründen eines
totalitären mittelalterlichen Erkenntnisstils bedient, urn ein bestimmtes Konzept plausibel zu machen, nämlich das
der seriellen, linearen Zeit. Diese Kritik hat im wesentlichen schon Alfred North Whitehead in den Tarner Lectures
geäußert. Sie haben eine exakte Raurn-Zeit konstruiert, die wirkliche Naturereignisse nur dürftig und soziale gar
nicht zu koordinieren vermag. Die Soziologen konnten sich den analogen Fehler auf Dauer nicht leisten, weil
einerseits der phänomenologische Charakter sozialer Wechselwirkungen nicht so leicht zu übersehen ist, und es
andererseits eine Vorprägung des Wissensbestandes im Sinne der Scholastik für sie ja nicht gegeben hat.