Hier wird erstmals versucht, die gesamte spätmittelalterliche Literatur der Region, also die deutsche und die
lateinische, vollständig zu dokumentieren und im Rahmen einer umfassenden Kulturgeschichte (Politik,
Gesellschaft, Wirtschaft, Kirche, Bildung, Wissenschaft, Kunst, Musik, Hofleben, Philosophie, Religion) historisch
darzustellen. Dadurch rücken einige aus anderen deutschen Literaturgeschichten vertraute Gestalten wie der
Romancier Heinrich von Neustadt, der Satiriker "Seifried Helbling" oder die Verschronisten Jans von Wien und
Ottokar aus der Gaal in neues Licht. Vor allem aber erfahren wichtige lateinische Autoren zum ersten Mal eine
angemessene literarhistorische Würdigung: der Theologe und Polyhistor Engelbert von Admont, der Historiograph
Johann von Viktring, die großartigen Lyriker Christan von Lilienfeld und Konrad von Hainburg u.v.a.
Gänzlich neue Erkenntnisse liefert schließlich die Einbeziehung von Werken, die bisher unveröffentlicht, nur in
Handschriften zugänglich und daher nur wenigen Spezialisten bekannt waren, z.B. die Schriften der Theologen
Nikolaus von Heiligenkreuz, Johannes von St. Lambrecht, Rudolf von Stams, die österreichischen Predigten von
Greculus, Sibote oder Leo, die Kirchenlieder aus Seckau, die "erste deutsche Bibel" (!) des Österreichischen
Bibelübersetzers.
In der Zusammenschau entsteht so das Panorama einer durchaus eigenständigen Literaturprovinz, die sich von dem
übrigen deutschen Sprachraum durch das nahezu völlige Fehlen weltlich-höfischer Romanfiktion und Liedkunst
und eine einseitige Vorliebe für geistliches, jedoch kaum mystisch angehauchtes Schrifttum, abhebt.