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Verkohlte Kultur- u. Wildpflanzenreste aus Stillfried

Verkohlte Kultur- u. Wildpflanzenreste aus Stillfried

Marianne Kohler-Schneider (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/D3206
  • Förderprogramm Buchpublikation
  • Status beendet
  • Projektbeginn 11.10.2000
  • Projektende 18.04.2001
  • Bewilligungssumme 10.152 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (100%)

Abstract

Druckkostenbeitrag D 3206Verkohlte Kultur- und Wildpflanzenreste aus StillfriedMarianne KOHLER- SCHNEIDER09.10.2000 Ausgehend von der Analyse verkohlter Pflanzenreste (Samen, Früchte, Holzkohlen), die im Zuge archäologischer Grabungen systematisch gewonnen wurden, unternimmt die vorliegende Untersuchung den Versuch einer umfassenden Rekonstruktion von Ackerbau, Wirtschaftsweise und Landnutzung der spätbronzezeitlichen Siedler von Stillfried. Obwohl Stillfried zu den bedeutendsten und am besten untersuchten prähistorischen Fundplätzen Ostösterreichs zählt, lagen bislang kaum Informationen zu den agrarischen Grundlagen der Siedlung vor. Es konnte gezeigt werden, daß sich der spätbronzezeitliche Ackerbau in Stillfried auf eine beträchtliche Vielfalt von Getreidearten, Hülsenfrüchten und Ölpflanzen stützte. Unter den Getreiden waren Dinkel (Triticum spelta) und Rispenhirse (Panicum miliaceum) von größter Bedeutung; gefolgt von Einkorn (Triticum monococcum) und Gerste (Hordeum vulgare). In geringerem Maß wurden auch Emmer (Triticum dicoccum) und Kolbenhirse (Setaria italica) genutzt. Bemerkenswert ist der Nachweis eines bislang nur von wenigen südosteuropäischen Fundplätzen bekannten "emmerähnlichen Spelzweizens" (Triticum sp. -"new glume wheat"), der möglicherweise Affinitäten zu Getreidesorten der Schwarzmeer- und Kaukasusregion zeigt. Das Getreidespektrum wird durch das (spärliche) Auftreten von Nacktweizen (T. aestivum/durumurgidum) und die anhand von Speiseresten belegte Nutzung der Roggentrespe (Bromus secalinus) vervollständigt; letztere dürfte allerdings nicht gezielt angebaut worden sein. An Hülsenfrüchten konnten immerhin 4 Arten nachgewiesen werden: Linse (Lens culinaris), Erbse (Pisum sativurn), Saubohne (Vicia faba) und Linsen-Wicke (Vicia ervilia). Ö1früchte waren durch Schlafmohn (Papaver somniferum) und Leindotter (Camelina sativa) vertreten. Als große Besonderheit sind die Weinfunde zu werten: aus einer geschlossen verfüllten, aufgrund von 14C-Daten und Keramikfunden eindeutig als spätbronzezeitlich anzusprechenden Grube konnten zwei vollständig erhaltene Kerne von Kulturwein (Vitis vinifera ssp.vinifera) geborgen werden; es handelt sich dabei um den ä1testen Kulturwein-Nachweis für Österreich und um einen der ä1testen Wein-Nachweise in Mitteleuropa überhaupt! Im überregionalen Vergleich fügt sich das Kulturpflanzenspektrum gut in das Gesamtbild spätbronzezeitlicher Siedlungen Mitteleuropas, es zeigt allerdings deutlich mediterranen bzw. südosteuropäischen Einfluß (Nachweise von Wein, Linsen-Wicke und "emmerähnlichem" Spelzweizen). Die Dinkel-, Rispenhirse- und Kolbenhirsefunde aus Stillfried verändern die bisherigen Vorstellungen über die Verbreitung dieser Kulturpflanzen während der Spätbronzezeit. Das Wildpflanzenspektrum von Stillfried ist mit 87 nachgewiesenen Taxa ebenfalls reichhaltig. Es konnten Arten der Verlandungsgesellschaften an Fluß- und Seeufern, Arten der Niedermoore und Naßwiesen, Pflanzen der Auwälder, Waldpflanzen durchschnittlicher Standorte, Arten der Waldschläge, Waldränder und xerothermen Buschwälder, Pflanzen aus Grasfluren und Rasengesellschaften sowie zahlreiche Ackerunkräuter und Ruderalpflanzen festgestellt werden. Das Artenspektrum liefert ein eher selektives Bild der Vegetationsverhältnisse im Umkreis der Siedlung, es erscheint jedenfalls stark vom Umfang und der Intensität menschlicher Aktivität in den verschiedenen Lebensraumtypen geprägt. Höchst bemerkenswert sind die sich ergebenden Hinweise auf anthropogenes Grönland (kombinierte Mäh- und Weidenutzung?) und auf einen möglicherweise bereits hohen Differenzierungsgrad der Grönlandnutzung insgesamt. Rund 75% der nachgewiesenen Wildpflanzenarten könnten auch als Sammelpflanzen in die Siedlung gelangt sein, im Artenspektrum sind potentielle Nahrungspflanzen (Obst- und Beerenfrüchte, Gemüse- und Salatpflanzen, Mehlfrüchte und Gewürzpflanzen) ebenso vertreten, wie mögliche Gift-, Heil-, Färbe-, Faser- und Bastpflanzen. Hinsichtlich des Ackerbaus ergeben sich aus dem Wildpflanzenspektrum und anhand der Zusammensetzung von Kulturpflanzen-Vorratsproben folgende Hinweise: Aufgrund der Unkrautbeimengungen dürften Rispenhirse, Kolbenhirse, Schlafmohn, Erbse, Linse, Linsen-Wicke und Saubohne als Sommerfrüchte angebaut worden sein, während Dinkel, Einkorn "emmerähnlicher Spelzweizen" und Gerste als Winterfrüchte in Frage kommen. Einkorn und "emmerähnlicher Spelzweizen" scheinen im Mischanbau und möglicherweise im Fruchtwechsel mit Dinkel angebaut worden zu sein. Die Intensität der Bodenbearbeitung ist angesichts des therophytenreichen Ackerunkrautspektrums als hoch zu bewerten, die Dauer von Brachestadien mit höchstens 1-3 Jahren zu veranschlagen. Die ökologischen Zeigerwerte der nachgewiesenen Ackerunkräuter deuten auf eine Lage der Felder im Bereich des Weinviertler Hügellandes, auf eine gute Stickstoffversorgung (beruhend entweder auf Fruchtwechsel mit Leguminosen oder einfachen Formen der Düngung) und auf mögliche Veränderungen im Bodenchemismus infolge hoher Nutzungsintensität hin. Das Wuchshöhenspektrum der Ackerunkräuter spricht für bodennahe Ernteweise und einen dichten Stand der Kulturpflanzen. Bei einem offensichtlichen Saatgutvorrat aus Einkorn und "emmerähnlichem Spelzweizen" konnte ein keimungsförderliche Lagerung innerhalb der Spelzen und eine hohes Maß an Saatgutreinigung festgestellt werden. In der Synthese der vorliegenden Arbeit werden die archäobotanischen Ergebnisse zu einer Rekonstruktion des landwirtschaftlichen Jahresablaufs im spätbronzezeitlichen Stillfried zusammengefaßt, wobei auch nicht- ackerbauliche Tätigkeiten wie Vieh- und Grönlandwirtschaft, Sammelwirtschaft, Jagd, Fischfang und häusliches Handwerk berücksichtigt sind. Das entworfene Szenario macht deutlich, daß das Arbeitsprogramm spätbronzezeitlicher Landwirte nur durch ein erhebliches Maß an vorausschauender Planung, durch Arbeitsteilung und durch eine geschickte Kombination der genutzten Ressourcen zu bewältigen war. Ausgehend von diesem Szenario werden paläokonomische Modellrechnungen zur Nahrungsversorgung und zur möglichen Einwohnerzahl der Siedlung angestellt. Aus den Modellrechnungen ergeben sich konkrete Fragestellungen für künftige interdisziplinäre Untersuchungen in Stillfried.

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