Pilgerstätten in der syrischen Peripherie
Pilgerstätten in der syrischen Peripherie
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
Sozialanthropologie,
Islamwissenschaft,
Volksreligion,
Wallfahrtsorte,
Syrien,
Pilgerwesen
Das Pilgerwesen zu sakralen Plätzen in der syrischen Peripherie ist kein marginalisiertes Relikt vergangener Epochen, das etwa vom Aussterben bedroht wäre. Vielmehr lässt sich in der Gegenwart eine gewisse Revitalisierung beobachten und die lokalen Heiligtümer scheinen trotz Globalisierung - oder vielleicht gerade deshalb - zunehmend an Bedeutung zu gewinnen. Die vorliegende Publikation umfasst im Wesentlichen zwei Abschnitte: Im ersten Teil werden zwanzig Pilgerstätten in vornehmlich abgelegenen Gebieten der heutigen Arabischen Republik Syrien verbal und fotographisch dokumentiert. Bei den beschriebenen Orten handelt es sich oft um so genannte "Naturheiligtümer", die stets mit bestimmten mythologischen Legenden und Persönlichkeiten in Bezug gebracht werden. Grundlage für die in case studies ausgeführte Dokumentation sind umfangreiche ethnologische Feldforschungen des Verfassers; zur komparativen Analyse des Datenmaterials erfolgte zudem eine systematische Aufarbeitung der relevanten arabischen und islamwissenschaftlichen Quellen. Im zweiten Teil der Studie wird unter systemtheoretischen Perspektiven eruiert, wodurch sich sakrale Plätze von profanen unterscheiden bzw. welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein Platz als "sakral" gilt. Weiters wird der Frage nachgegangen, inwieweit und auf welche Art und Weise das Konstrukt "sakraler Platz" das religiöse und alltägliche Handeln der Menschen prägt und strukturiert - mit folgendem Ergebnis: Die dokumentierten sakralen Plätze können aus sozialanthropologischer Perspektive als "räumliche Zentren der Kommunikation" interpretiert werden; die Umkehrung der Charakteristika der Alltagswelt, die sakralen Plätzen zueigen ist, erlaubt den Pilgern nicht nur eine besondere Kommunikation mit Gott, sie ermöglicht überdies zwischenmenschliche Interaktionsformen, die unter "normalen" Umständen nicht möglich wären. Auf diese Weise können sakrale Plätze zu Stätten der Wahrheitsfindung, der Rehabilitation und der Versöhnung werden. Mit der vorliegenden Arbeit werden nicht nur inhaltlich, sondern auch methodologisch vollkommen neue Wege beschritten: Erstmals werden die für den Forschungsgegenstand relevanten Zeichen und Symbole (wie beispielsweise topographische Besonderheiten sakraler Plätze oder rituelle Handlungen) nicht voneinander isoliert behandelt. In den Vordergrund der Untersuchung rücken vielmehr deren wechselseitigen Beziehungen, die auch von den betroffenen Menschen wesentlich für das Vorhandensein von Heiligkeit thematisiert werden.