Epistemologie des situierten Wissens
Epistemologie des situierten Wissens
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Der Ausgangspunkt dieser Habilitationsschrift ist die Frage nach den Aufgaben der Epistemologie vor dem Hintergrund der vielfältigen Belege für die kulturelle, soziale, ökonomische und politische Bedingtheit wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion. Die dominante - als weiß, männlich und westlich identifizierte - wissenschaftliche Rationalität gerät zunehmend ins Licht der Kritik. Feministische, anti-rassistische, post- kolonialistische und postmodern orientierte Wissenschaftskritik problematisieren die Verstrickungen von Wissenschaften in Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Epistemologische Voraussetzung dieser unterschiedlichen kritischen Ansätze ist die Behauptung der Situiertheit wissenschaftlichen Wissens, die in der klassischen Wissenssoziologie als "Seinsverbundenheit des Denkens" (K. Mannheim) und im feministischen Diskurs als "situated knowledges" (S. Harding, D. Haraway) auf den Begriff gebracht wird. Was folgt epistemologisch aus den Einsichten in die Situiertheit und Kontextabhängigkeit des Wissens? Folgt daraus ein Erkenntnisrelativismus? Sind Wissensansprüche nur mehr über lokale Standards rechtfertigbar? Sind Wissenschaften letztlich eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln und Ansprüche auf "Objektivität" und "Wahrheit" demnach bloß verkleidete Machtansprüche? Fragen der Rechtfertigung von Wissensansprüchen stellen sich jedoch nicht nur für die dominanten Wissensansprüche, sondern auch für die Ansprüche der Kritik selbst. Die vorliegende Arbeit bewegt sich in den Feldern der Wissenschaftsphilosophie, der feministischen Epistemologie und Wissenschaftskritik, der Cultural Studies, der klassischen Wissenssoziologie und der neueren Wissenschaftssoziologie. Was wird hier unter Situiertheit und Kontextualität verstanden und welche Bestimmungen werden als relevante in den Vordergrund gerückt? Diese Habilitationsschrift zeichnet Grundrisse einer Epistemologie des situierten Wissens, die sich sowohl gegen Wissensansprüche als ahistorische und unvoreingenommene Sicht "von nirgendwo", als auch gegen perspektivistische-relativistische Ansprüche "von irgendwo" abgrenzt. Ich setze mit einem feministischen Erkenntnisinteresse und feministischen Epistemologien an und erweitere diese Perspektiven sozialepistemologisch in Orientierung an Cultural Studies. Ich argumentiere, daß aus den Einsichten in die Verstrickungen von Wissenschaft mit Politik, Moral und Ökonomie nicht die Aufgabe von Konzepten der "Wahrheit" und "Objektivität" folgert, sondern vielmehr deren notwendige Rekonzeptualisierung. Ausgehend davon stehen folgende epistemologische Problemstellungen im Vordergrund: - die Verbindungen von Wissen, Macht und Ermächtigung; vor dem Hintergrund der aufklärerischen Idee von der Realisierung der Vernunft durch die Wissenschaften und wie sie in feministischen Epistemologien, Ansätzen der empirischen Epistemologie und in den Cultural Studies hergestellt werden. - die Notwendigkeit, Konzepte der Wahrheit und Objektivität historisch zu fassen und politisch-ethisch zu überdenken; - die Herausforderungen zur Rekonzeptualisierung der Subjekt-Objekt-Verhältnisse im Kontext technowissenschaftlicher Wirklichkeitskonstruktionen. - die Frage nach dem empirischen Subjekt der Erkenntnis und nach den herstellbaren Verbindungen von Situiertheit/Standort und Positionierung/Standpunkt; Fragen der Standpunkttheorien und die epistemologischen und gesellschaftstheoretischen Schwierigkeiten, diese im Lichte der Politik der Differenz gegenwärtig zu begründen. - die Implikationen der Unterscheidung zwischen universalem und lokalem - situiertem - Wissen auf globaler, historischer und politischer Ebene, vor dem Hintergrund von Imperialismus und Kolonialismus und in Bezug auf die Probleme selbstreflexiver Verortungen als westliche kritische Intellektuelle.