Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Abstract
Das Unbehagen an der Moderne hatte um 1900 einen Namen: Neurasthenie. Dieses Buch führt in die unruhigen
mentalen Landschaften Kakaniens und thematisiert als zentrale Fragen: Wie wurde die Neurasthenie in den
österreichischen Ärztemilieus debattiert? Was hieß es für Patienten, mit dieser Diagnose konfrontiert zu sein?
Neurasthenie stand für die Erschöpfung der modernen städtischen Gesellschaft, die sich durch eine rastlose
Lebensführung überfordert sah, und machte ihre emotionalen Sensibilitäten und Sicherheitsbedürfnisse transparent.
Insbesondere Männer des Bürgertums griffen auf das neue psychiatrische Deutungsangebot zurück. Die Diagnose
der Neurasthenie konnte "unmännliche" Verhaltensweisen sinnstiftend erklären. Zugleich ließ sie aber auch
Bedürfnisse nach deren Überwindung entstehen. Im Spiegel dieser Nervendiskurse lässt sich besser verstehen,
warum 1914 der Krieg als "therapeutisches Erlebnis" und männliches Erneuerungsprojekt angepriesen wurde. Die
Realitäten des modernen Maschinenkrieges setzten diesen Vorstellungen ein rasches Ende: Der Zitterer wurde zu
einer massenhaft auftretenden Erscheinung, zum umstrittenen Patienten und zur Krisenfigur der
Abhärtungsutopisten, die aus dem Krieg den "neuen Menschen" hervorgehen sahen.
Da die Militärs in den Kriegsneurosen eine gefährliche Schwächung der Schlagkraft der Armee sahen, wurden
wissenschaftliche Experten gebraucht, die rasch und effizient mit diesem Problem umgehen konnten. Die
Psychiatrie befand sich dadurch in einer völlig neuen Situation, da sie nicht nur Kritik an einer gesellschaftlichen
Krisensituation formulieren konnte, sondern auch Ressourcen und Instrumentarien zu deren Bewältigung
bereitzustellen hatte. Welche Akzentverschiebungen ergaben sich in der psychiatrischen Wahrnehmung und
Deutung sowie im Umgang mit Nervenkrankheiten? Wie lässt sich die österreichische Psychiatrie des Ersten
Weltkriegs in historischer Perspektive charakterisieren? Mit Bezug auf die neuere medizinhistorische und
kulturwissenschaftliche Forschung wird die Kriegspsychiatrie auf der Folie der Herausbildung der Medizin als
Schlüsselwissenschaft des modernen Krieges analysiert. Dies bedeutete, dass die therapeutische Arbeit der
Psychiater an den Vorgaben und Zielvorstellungen des Krieg führenden Staates ausgerichtet war. Darüber hinaus
wird auf einige Problemkonstellationen des Vielvölkerstaates und deren Auswirkungen auf psychiatrisches Handeln
im Krieg eingegangen. Die elektrischen Behandlungsmethoden der Psychiater werden auf der Folie der ethnisch-
sprachlichen Pluralität der österreichisch-ungarischen Armee diskutiert. Der zweite Teil der Arbeit bietet solcherart
eine differenzierte Analyse und Neubewertung des Phänomens der "Kriegsneurosen" wie auch der Rolle der
österreichischen Psychiatrie im Ersten Weltkrieg.