Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
Carlo Gozzi,
Italian theatre,
Fairy Tales,
Commedia Dell´Arte,
Illusion,
Enligthenment
Abstract
Venedig war im 18. Jahrhundert nicht nur ein Zentrum des Theatergeschehens, sondern zugleich Mittelpunkt
lebendiger Theaterdiskussionen. Der sogenannte venezianische Theaterstreit mit den Protagonisten Carlo Goldoni
und Carlo Gozzi erscheint in der Literatur- und Theatergeschichtsschreibung vielfach in Form einer
vereinfachenden Reproduktion der Polemik. Das überwiegend kritisch-negative Gozzi-Bild korreliert mit einer
einseitigen Hochschätzung Goldonis und der von ihm propagierten Theaterreform, wird dagegen Gozzi als Retter
der Commedia dellarte verehrt, gilt Goldoni als ihr Totengräber.
Die vorliegende Studie versucht, derartige Vorurteile aufzubrechen und Carlo Gozzis Fiabe teatrali als veritablen
Gegenentwurf zu Goldonis Komödien und zum aufklärerischen Drama zu verstehen. Auf dem Hintergrund des
italienischen Theaterkontexts im 18. Jahrhundert und der venezianischen Theaterszene der Zeit treten die
Besonderheit der Märchenstücke und das Anliegen Gozzis deutlich zutage.
Mit den Grundkonstituenten Märchen und Commedia dellarte wenden sich die Fiabe teatrali gegen ein Theater,
das die Wirklichkeitsnähe betont und einen Nützlichkeitsanspruch verfolgt. Die Verbindung der wirklichkeitsfernen
Elemente erfolgt in einer Art ars combinatoria, die auf Kontraststrukturen basiert und den artifiziellen Charakter
unterstreicht. Damit tritt die Autonomie der theatralen Wirklichkeit hervor, und die Einbildungskraft wird zum
entscheidenden Faktor. Das Märchenhafte wird allerdings zweifach an die Erfahrungswirklichkeit rückgebunden:
zum einen finden sich in der Maskenrede direkte Verweise auf die nicht-theatrale Wirklichkeit, zum anderen
scheinen in der Bühnenillusion Wahrheiten auf, die in der diskursiven Diskussion verborgen bleiben. So eröffnet
das neue dramatische Genus der Fiabe teatrali die Möglichkeit, auf den Konstruktcharakter von Wirklichkeit
hinzudeuten und die Problematik der Erkenntnis von Wahrheit in Szene zu setzen.