Stamm und Landschaft. Josef Nadlers Konzeption der deutschen Literaturgeschichte
Stamm und Landschaft. Josef Nadlers Konzeption der deutschen Literaturgeschichte
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
-
History Of German Literature,
History Of German Hilology,
National Literature
Josef Nadlers Konzept der Literaturgeschichtsschreibung wurde oftmals aufgrund seiner Affinität zu Ideologemen des Nationalsozialismus kritisiert, doch die frühe Entwicklung seiner Theorien und die Gründe für die Ablehnung und spätere Durchsetzung derselben blieben weitgehend unbeleuchtet. Dieses Buch analysiert für den Zeitraum von 1909 bis 1951 die Relation zwischen Nadlers Änderungen seiner Darstellungsweise, den sich wandelnden politischen und wissenschaftlichen Kontexten sowie der wechselhaften Einschätzung seines Werkes durch Journalisten und Germanisten. Es wird dargelegt, worauf Nadler seine Konzeption gründete, worin ihre problematischen Aspekte liegen, warum sie dennoch wissenschaftliche Geltung erlangen konnte und diese wieder verlor. Nadler entwickelte ein System deutscher Volkstümer als Ergebnis spezifischer erbgebundener "Stammcharaktere" und einer auf diesem Charakter basierenden "geistigen Aneignung" der jeweiligen Landschaft. Jedem dieser Volkstümer wird eine bestimmte Leistung für die deutsche Literatur und Geschichte zugeschrieben. Während sein Werk vor 1918 starke Züge imperialistischen Denkens zeigt, ist es in der Zwischenkriegszeit von den Sorgen des deutschen Bürgertums über die vermeintliche "Degeneration" des deutschen Volkes und um den Verlust von Territorien geprägt. Die Publikation der NS-Zeit zeigen im Vergleich dazu kaum Neuerungen. Nadler verstand sich zunächst als Autorität nationalsozialistischer Gesinnung, doch in offiziellen NS-Gremien blieb sein Werk umstritten. Dies galt dem Literaturhistoriker nach 1945 als Beweis dafür, kein Nationalsozialist gewesen zu sein. Seine Konzepte blieben auch in Nachkriegspublikationen trotz neuer Formulierung wesentlich unverändert. Bis etwa 1920 stieß Nadlers Konzept unter seinen Fachkollegen kaum auf Zustimmung, wofür nicht die generelle Ablehnung völkischer Konzepte, sondern der Ausschluß nomothetischer Methoden aus der Germanistik ausschlaggebend war. Dieser Aspekt verlor mit dem wachsenden Bedürfnis nach einem akademischen Ansatz der Literaturgeschichtsschreibung an Bedeutung, während die politische Entwicklung entsprechende Implikationen in Nadlers Werk zu bestätigen schien. Davon profitierte Nadler auch nach 1933, obwohl manche Kritiker die Übereinstimmungen seines Konzepts mit NS-Ideologemen als nicht ausreichend erachteten. Nach 1945 gelang es dem Literaturhistoriker nicht, den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit für seine Konzeption neuerlich durchzusetzen, da biologische Ansätze neuerlich aus der Germanistik ausgeschlossen wurden. Nadlers Konzept war zu keiner Zeit unumstritten, doch der fragwürdigste Aspekt des Ansatzes - der Gedanke von abstammungsgebundenen "Stammescharakteren" - wurde nie grundlegender Kritik unterzogen, da diese Vorstellung gewissermaßen zum Allgemeinwissen der Zeit gehörte. Auch nach 1945 gab es immer noch positive Einschätzungen der vor 1918 entstandenen ersten Fassung des Konzepts, die bereits auf diesem Gedanken aufbaute. Gleichzeitig zeigt sich, daß die immer wieder geäußerten Kritikpunkte (Zirkelschlüsse, Apriorismen) nicht zu jedem Zeitpunkt die gleiche Auswirkung auf den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit für das stammeskundliche Konzept der Literaturgeschichte hatten.
- Universität Wien - 100%