Bürokratie und Literatur
Bürokratie und Literatur
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Bureaucrazy,
Civil Servants/Officers,
Social history of literature,
Everyday Culture,
Twentieth century literature of Austria
In diesem Buch geht es um Auseinandersetzungen mit Bürokratie in Abgrenzung zu alternativen Ordnungen in der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Der exemplarische Textkorpus, der sich aus Prosawerken von "Beamtenklassikern" wie Franz Kafka, Joseph Roth und Fritz von Herzmanovsky-Orlando, verschiedenen "Bürokratiebestsellern" von Friedrich Kleinwächter bis Alois Brandstetter sowie avantgardistischer Literatur Konrad Bayers, Albert Drachs und Heimrad Bäckers zusammensetzt, wird der bürokratische Alltag als Ergänzung oder Widerpart soziologischer und philosophischer Bürokratieforschung gelesen.Vor den Folien der differenten Ansätze Max Webers, Jürgen Habermas` und Michel Foucaults werden die fiktionalen Verwaltungsprozesse als Herrschaftsform, System und Disziplinarmacht analysiert. Außerdem werden Schnittstellen und Kombinationen mit alternativen Formationen, mit traditionalen, lebensweltlichen Ordnungen bzw. unökonomischen oder selbstbestimmten Varianten, herausgearbeitet. Dabei fällt auf, dass fiktionale Bürokratie meist nur als gestörte Ordnung aufgegriffen wird, ja überhaupt nur als Malformation thematisierbar erscheint, wodurch vor allem Machtprozesse und das gesamtgesellschaftliche Gefüge klar zutage treten. Kernpunkt der Untersuchung bildet die Analyse der Narration und der literarischen Techniken, sodass eine Poetik der Bürokratie skizziert werden kann. Dabei geht es darum mit der Wahl der ästhetischen Entscheidungen die vielseitigen Sichtweisen auf die bürokratische Kultur, Fragen und Widersprüche freizulegen und zu begründen. Bei allen Differenzen der Literatur, die je nach formaler Komplexität auch mehr oder weniger der Komplexität bürokratischer Ordnungen und deren Paradoxien gerecht werden kann, zeigt sich, wie Bürokratie jede Alternativordnung affiziert und tendentiell vereinnahmt. Weder Helden noch Götter, Liebe oder Natur können sich gänzlich der bürokratischen Sogwirkung entziehen. Ein weiteres hervorstechendes Merkmal des literarischen Diskurses liegt in der Konzentration auf die informelle Ordnung, die die formalen Prinzipien unterläuft und zentrale idealtypische Mechanismen außer Kraft setzt. In ihren Ausdifferenzierungen wird nachvollziehbar, wie die Verwaltung für die Bürger oft unberechenbar und undurchschaubar werden muss. Nicht zuletzt wird die fiktive Bürokratie gern als österreichische Spezialität ausgewiesen, indem sie symbolische Defizite des Staates auszugleichen und Herrschaftsumbrüche abzumildern und zu kaschieren versucht. Dennoch wird jenseits der historischen und geographischen Verortung die prinzipielle Übertragbarkeit und Exportierbarkeit bürokratischer Mechanik und Paradoxie sichtbar. Überhaupt bestätigt der literarische Diskurs in frappanter Übereinstimmung mit dem Alltagsdiskurs als wesentlichste Merkmale bürokratischer Kultur deren Kontinuität und Immobilität. Hierfür liefert die Literatur - meist mit bestechend komischer Wirkung - zahlreiche Gründe, die die Entbürokratisierungsforderungen als naive Träumereien entlarven.