Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
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Medieval Balkans,
Ottoman Empire,
Renaissance history,
Social history,
Mountain society,
Cultures of memory
Georg Kastriota Skanderbeg (1405 - 1468) war über Jahrhunderte im westlichen Europa die bekannteste Gestalt der südosteuropäischen Geschichte und galt bereits zu Lebzeiten als Symbol des Abwehrkampfes gegen das osmanische Reich. Im 19. und 20. Jahrhundert nahm er eine ähnliche Stellung in zahlreichen südosteuropäischen Nationalbewegungen ein. Obwohl die mündlich überlieferte und schriftliche Skanderbegtradition in und ausserhalb Südosteuropas ausserordentlich umfangreich ist, sind die historische Gestalt und ihr geschichtlicher Kontext nur in Ansätzen wissenschaftlich erforscht. Das vorliegendes Werk stützt sich auf langjährige Forschungen in zahlreichen europäischen Archiven. Vor allem aber versucht es, mit Fragestellungen der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, der Kultur- und auch der Umweltgeschichte die zentralbalkanische Berggesellschaft zu analysieren, die dem osmanischen Reich zwischen 1443 und 1468 trotz grosser zahlenmässiger und technischer Unterlegenheit einen Widerstand leistete, der in Renaissanceeuropa erheblichen Widerhall fand. Das Werk ist in zwei erzählende Blöcke und einen analytischen Hauptteil gegliedert. In einem letzten Teil wird der Rezeptionsgeschichte bis in die Gegenwart, d.h. der Instrumentalisierung der Gestalt Skanderbegs in der heutigen Politik in Südosteuropa, nachgegangen. Die Untersuchung bietet inhaltlich wie methodisch zahlreiche neue Erkenntnisse: Die tieferen Beweggründe für Skanderbegs Aufstand sind wesentlich komplexer als bisher angenommen und sind beherrscht von einem starken persönlichen Motiv: ein Quellenfund zeigt, dass Skanderbeg als einziger zum Islam konvertierter christlicher Adliger zum Christentum zurückgekehrte, weil er eine Blutrachefehde mit der osmanischen Dynastie austrug. Aus dieser Fehde erwuchs ein Bündnis mit der serbischen Dynastie der Brankovic und Johann Hunyadi sowie mit oppositionellen Kreisen am Sultanshof. Ziel dieses südosteuropäischen Adelsbündnisse war die Vernichtung des osmanischen Reichs in Europa: Von Anfang an war eine balkanische, dann europäische Strategie angelegt (dies im Gegensatz zum "isolationistischen" Geschichtsbild der hoxhazeitlichen und neueren Forschung). Bei Skanderbegs Erhebung handelt sich also nicht um einen "nationalen" Aufstand, sondern eine regionalen Erhebung, die verschiedene - albanische, südslawische und vlachische - Sprachgruppen im Raum des heutigen Mittelalbanien und der Berge im heutigen Westmakedonien einschloss. Die Aufstandsregion ist ein klassisches Periphergebiet des Balkans, das jede Form der Herrschaftsverdichtung (Steuern, Gewaltmonopol des Staates, Eingriff in Besitzverhältnisse) ablehnte. Da das osmanische Reich in diese Bereiche massiv eingriff, erhob sich eine vor allem aus Bauern und Hirten bestehende Bevölkerung, die unter Ausnützung von Klima und Gelände den osmanischen Heeren anhaltenden Widerstand leistete. Der Aufstandsführer Skanderbeg stand in engem Kontakt zu christlichen Fürsten in Südosteuropa und versuchte insgesamt dreimal (1443/44, 1448, 1464), mit vor allem ungarischer Hilfe die Osmanen in Offensiven zu besiegen. Früh band er seine kleine Herrschaft in das abendländische Staatensystem ein, als Vasall Neapels, später als Bündnispartner der Päpste. Die Verwicklung in die venezianisch - neapolitanische Auseinandersetzung um die Hegemonie in der südlichen Adria trug aber wesentlich zur Skanderbegs letztlicher Niederlage bei. Da alle Rebellen sich zum christlichen Glauben zu bekennen hatten und die katholische Kirche in Albanien die Diplomatie und die Versorgung mit Geld und Waffen in die Hand nahm, erhielt der Aufstand neben seinen gesellschaftlichen und kulturellen Ursachen auch ein religiös geprägtes Antlitz. Skanderbeg scheiterte an der neuartigen Kriegführung, zu der er die Osmanen zwang: die Umstellung auf ganzjährige Kampfhandlungen, massive Eingriffe in die Umwelt durch flächendeckende Abholzung von Wäldern, die als Verstecke dienten, und schliesslich umfassende Tötungs- und Deportationsmassnahmen im Aufstandsgebiet, die zu einer eigentlichen demographischen Katastrophe in einzelnen Landschaften mit Verlusten von zwei Dritteln bis drei Vierteln der Bevölkerung führte. Skanderbegs Aufstand bildet so einen tiefen Bruch in der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung des westlichen Balkan, was sich unter anderem am Wechsel der Selbstbezeichnung der Albaner (von mittelalterlich: Arbr zum heutigen Shqiptar) ablesen lässt, einem in der neueren Geschichte Europas wohl einzigartigen Vorgang.