Figuren des Immunen - Elemente einer politischen Theorie
Figuren des Immunen - Elemente einer politischen Theorie
Wissenschaftsdisziplinen
Politikwissenschaften (80%); Rechtswissenschaften (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (10%)
Keywords
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Immunization,
The Political,
Biopolitics,
Plebeians
Folgt man der politischen Geschichte der Fragen um Immunität und Immunisierung und ihre Funktion in der Sicherung von Herrschaft, lässt sich das Immune in zunächst zwei Figuren auffalten: die juridische Immunität und die biopolitische Immunisierung. Juridische Immunität ist gekennzeichnet durch Konstruktionen von Souveränität und die rechtliche Sicherung von Eigentum (Hobbes, Rousseau). Paradigmatisch für diese Figur des Immunen steht das Privileg der parlamentarischen Immunität. Die Herrschaftssicherung dieser Figur fokussiert darauf, die souveräne Ordnung möglichst unverletzbar zu machen, und zwar dadurch, das Bedrohliche, die Gefährdungen durch Aufstand und Ungehorsam präventiv auszuschließen. Die zweite herrschaftssichernde Figur des Immunen, die der biopolitischen Immunisierung, entwickelt sich im modernen europäischen Kontext biopolitischer Gouvernementalität. Sie ist gekennzeichnet durch Inkorporation und Normalisierung des als bedrohlich Konstruierten sowie der Exklusion des nicht Integrierbaren. Die damit verbundene Steuerung durch Sicherheit wird mittels des mit hervorgebrachten Bedrohlichen unentwegt herausgefordert. Beide Figuren der Immunisierung sind auch Figuren der Negierung und Neutralisierung des Konflikts, der Auseinandersetzung, der Kämpfe. Den Rahmen meiner Arbeit bildet daher die Geschichte eines Kampfes, der die Dualität zwischen Ordnung und Unordnung, deren (Be-)Drohungsverhältnis der wechselseitigen Negation durchbricht und damit die Logik der Herrschaft aufkündigt. Das historische Beispiel, mit dessen ausführlicher Interpretation sich der erste Abschnitt "Exodus und Konstituierung" befasst, sind die Ordnungskämpfe zwischen Patriziern und Plebejern am Beginn der römischen Republik im 5. Jahrhundert v.u.Z. Es geht mir zunächst um die Darstellung jener plebejischen Widerstandsgeschichte, in der die Figur des homo sacer eine entscheidende immunisierende Funktion einnimmt. Diese Figur erhält in der historischen Analyse eine gänzlich andere Funktion, als Giorgio Agamben ihr zugeschrieben hat. Der homo sacer lässt sich keineswegs nur im Lichte der Souveränität verstehen. In der plebejischen Widerstandsgeschichte erhält er eine spezifische Bedeutung, die zu einer anderen politischen Theorie führt als jener der Souveränität und des Ausnahmezustands. Was die plebejische Widerstandsgeschichte zu einer besonderen macht, so dass sie am Ende des Buches auch als historischer Entwurf für eine widerständige Figur des Immunen dienen kann, ist der Exodus der Plebejer aus Rom und ihre Konstituierung zu einer potenten Macht in Rom. Diese Neuinterpretation der für die politische Theorie seit der Antike bis heute so einflussreichen Auseinandersetzungen zwischen Plebejern und Patriziern lässt mich in kritischer Auseinandersetzung vor allem mit Jacques Rancière von einem Begriff des Politischen sprechen, den ich das Plebejische nenne. Das Plebejische kann als kollektive politische Strategie verstanden werden, die Dynamiken des herrschaftssichernden Immunen zu durchbrechen und ihr Scheitern offensichtlich zu machen: das Plebejische ist, was ihnen entgeht und in sie interveniert.
- Universität Wien - 100%