Die Wiener Forschungen an Kriegsgefangenen 1915-1918
Die Wiener Forschungen an Kriegsgefangenen 1915-1918
Wissenschaftsdisziplinen
Medien- und Kommunikationswissenschaften (30%); Soziologie (70%)
Keywords
-
Völkerkunde,
Kriegsgefangene,
Anthropologie,
audiovisuelle Medien
Während des Ersten Weltkriegs führten deutsche, österreichische und ungarische Anthropologen, Orientalisten, Linguisten und Musikwissenschaftler umfangreiche Forschungen an Kriegsgefangenen durch. Zwischen 1915 und 1918 befragten und vermaßen sie ihre "Feinde" aus Belgien, Frankreich, England, Russland und aus deren abhängigen Ländern auf dem Balkan, in Asien, Afrika und Ozeanien. Die involvierten Forscher setzten dabei extensiv visuelle Medien ein: Datenblätter, Fotografien, Gipsmasken und Filme. Darüber hinaus erstellten sie große Sammlungen von Tonaufnahmen auf Wachswalzen und -platten, die sowohl die Musik und Gesänge als auch die Sprachen möglichst vieler "fremder Völker" exemplarisch festhalten sollten. In meinem Buch zeichne ich vor allem jene damaligen Untersuchungen nach, die von Wien aus organisiert wurden, da hier - rund um die Figur Rudolf Pöchs - das anthropologisch-ethnografische Forschungsbegehren im Mittelpunkt stand. Dieser Fokus erlaubt es, die Besonderheit der von Kriegsgefangenen angefertigten Tonaufnahmen, die seit ihrer Entstehung zu den Beständen des Phonogrammarchivs der Akademie der Wissenschaften in Wien gehören, detaillierter und komplexer darzustellen als bisher geschehen. Bei den mannigfaltigen Forschungsaktivitäten von Wiener Wissenschaftlern in den Lagern der Habsburger Monarchie kamen keine grundlegend neuen wissenschaftlichen Methoden zur Anwendung. Gerade Pöch jedoch war darauf bedacht, bei der physisch-anthropologischen Untersuchung Tausender von Internierten die verwendeten wissenschaftlichen Verfahren stetig zu standardisieren und zu optimieren. Die Massen an gesammelten Aufzeichnungen verschafften seinem 1913 gegründeten Lehrstuhl für Anthropologie und Ethnologie eine Quellenbasis, auf der auch die Karrieren seiner Schüler aufbauten. Ähnliches gilt für den Musikwissenschaftler Robert Lach, der in den Lagern "Gesänge Russischer Kriegsgefangener" nach den Vorgaben des Phonogrammarchivs aufzeichnete und 1920 den Lehrstuhl für vergleichende Musikwissenschaft erhielt. Die als Beispiele verschiedener Sprachen unter anderem von Pöch in den Lagern angefertigten Sprechaufnahmen entstanden auch aus ethnografischen Interessen, fielen jedoch in eine disziplinäre und methodische Lücke und wurden nach Kriegsende nicht weiter bearbeitet. Sie erfüllten ebenso wie die Visualisierungsformen, derer sich die physische Anthropologie bediente, das wissenschaftliche Postulat der "Objektivität". Ebenso wie in anthropologischen Fotografien und jenen Filmsequenzen, die Pöch 1915 in den Lagern drehte, sind in den Sprechaufnahmen nicht nur das wissenschaftliche Verfahren selbst, sondern auch Widerstände dagegen dokumentiert. Darüber hinaus jedoch boten die Töne als "Hörbarmachungen" die Möglichkeit, die Rahmenbedingungen ihrer Aufzeichnung - den Krieg, das Lager, die wissenschaftlich-"objektive" Forschungsanordnung - auch zu thematisieren. An einigen Beispielen wird gezeigt, dass die historischen Tonaufnahmen nicht nur Quellen für sozialanthropologische Fragen darstellen können, sondern auch ein weiteres Potenzial bergen: zu einer Gegengeschichtsschreibung einerseits zum Ersten Weltkrieg und andererseits zu den wissenschaftlichen Verfahren der physischen Anthropologie.