Slavia Tirolensis — Ortsnamen slawischer Herkunft in Tirol
Slavia Tirolensis — Place Names of Slavic Origin in Tyrol
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Toponomastics,
Slavonic Studies,
Bavarian Language,
Tyrol,
Language Contact
Unter den Ortsnamen in Österreich finden sich zahlreiche mit slawischer Herkunft. Diese stammen frühestens aus dem späten 6. Jahrhundert, als die Slawen von ihrer Urheimat jenseits der Karpaten (heutige Westukraine) in Richtung Westen wanderten und neben den noch heute slawischsprachigen Gegenden auch in Österreich Fuß fassten. Die slawische Besiedelung reichte bis nach Osttirol, wovon heute noch Namen wie Kals, Tristach und Prägraten zeugen. Der Gestalt dieser Namen kann die slawische Sprachwissenschaft nun einiges ablesen: Zum einen wissen wir, dass z. B. Prägraten (aus slaw. *pregrada) soviel wie Vorbau bedeutet, zum anderen, dass der Name erst nach ca. 780 ins Deutsche gelangt sein kann, weil in ihm die Umstellung der Sequenzen er und ar zu re und ra stattgefunden hat: Um 780 wurde urslawisch *pergarda zu *pregrada. Obwohl zu den slawischen Ortsnamen Osttirols speziell in den vergangenen drei Jahrzehnten intensiv geforscht wurde, zeichnen sich einige wissenschaftliche Lücken ab: So sind etwa die Namen des Lienzer Talbodens, des hinteren Virgentals sowie des Defereggen noch nicht systematisch aufgearbeitet worden, jene des Kalsertals hingegen nahezu vollständig. Aus methodischer Sicht besteht eine Lücke darin, dass sich unter den mitwirkenden Forschern nurein dezidierter Slawist befindet. Zwar ist das Ausmaß der bestehenden Forschung dadurch umso bemerkenswerter, doch kam es zwangsläufig zu einzelnen Fehldeutungen, die nur mit geschultem Auge erkennbar sind. Beispielsweise kann der Name Virgen nicht auf urslawisch *bergu Berg, Ufer zurückgehen, weil slawisches e im Deutschen eigentlich auch als e wiedergegeben sein müsste. Vielmehr ist stattdessen von einer Form mit i in der ersten Silbe auszugehen, also *birgu, was Schutz oder Ähnliches bedeutet. Mit dem vorliegenden Projekt sollen die beschriebenen Lücken geschlossen werden. Es zielt darauf ab, den Bestand an Osttiroler Ortsnamen slawischen Ursprungs zu sammeln, anhand strenger Kriterien ihre Bedeutung zu rekonstruieren und aufgrund des jeweiligen Lautstandes zu schätzen, wann die Namen ungefähr eingedeutscht wurden. Zugrunde liegt dieser Methode ein fixer Apparat von Lautwandeln, die chronologisch geordnet, und, wenn möglich, mit dem ungefähren Datum ihres Eintretens versehen sind. Weiters werden konsequent die slawischen und deutschen Betonungsverhältnisse berücksichtigt bisher sind sie aufgrund fehlender Erkenntnisse praktisch komplett ausgespart geblieben. Am Ende des Projekts werden wir wissen, wann und wie lange das Slawische in Osttirol lebendig gewesen ist, auf welche Lebenswelt man bei den Slawen aufgrund ihrer Namenwahl schließen kann oder wie die Slawen in Osttirol wohl gesprochen haben. Die Ergebnisse sollen in einer Online-Datenbank veröffentlicht und so der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.
Im Rahmen des FWF-Projekts "Slavia Tirolensis" wurden die slawischen Ortsnamen Osttirols gesammelt und nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen analysiert.
Im Mittelalter, um das Jahr 600, breiteten sich die Slawen in Richtung Mitteleuropa aus und erreichten in diesem Zug auch das heutige Osttirol. Bei ihrer Besiedelung hinterließen sie Spuren, die bis heute sichtbar sind und sich etwa in den Namen von Siedlungen (Prappernitze 'Ort mit Farn'), Fluren (Daber 'Schlucht') oder Gebäuden (Gomig 'Steiner') offenbaren.
Die Namen wurden systematisch auf ihre lautliche Entwicklung untersucht. Hieraus konnten Rückschlüsse auf die Siedlungsgeschichte wie auch auf Details des damaligen slawisch-bairischen Sprachkontakts gezogen werden. So zeigt sich etwa, dass der Großteil der Namen um das Jahr 1000 ins Deutsch-Bairische entlehnt wurden, einzelne von ihnen gar erst im 13. Jahrhundert. Dies wiederum bedeutet, dass das Slawische mindestens bis in die genannten Zeitspannen hinein in Osttirol noch lebendig gewesen sein muss.
Besonders interessant sind Übersetzungsamen, weil sie davon zeugen, dass die damalige Bevölkerung in nicht unwesentlichem Ausmaß zweisprachig gewesen sein muss: In der Gemeinde Prägraten etwa liegt eine Flur namens Brochat (von slaw. <
- Universität Innsbruck - 100%
- Gerhard Rampl, Universität Innsbruck , nationale:r Kooperationspartner:in
- Jürgen Fuchsbauer, Universität Innsbruck , Mentor:in
- Hubert Bergmann, Universität Klagenfurt , nationale:r Kooperationspartner:in
- Georg Holzer, Universität Wien , nationale:r Kooperationspartner:in
- Wolfgang Janka, Bayerische Akademie der Wissenschaften - Deutschland
- Harald Bichlmeier, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg - Deutschland
Research Output
- 2 Zitationen
- 8 Publikationen
- 1 Datasets & Models
- 1 Software
- 4 Disseminationen
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2025
Titel Die slawischen Namen der Gemeinde Dölsach (Osttirol) Slavia Tirolensis IX Typ Journal Article Autor Emanuel Klotz Journal Österreichische Namenforschung Seiten 151-182 Link Publikation -
2024
Titel Wie man die Wahrscheinlichkeit der Deutung einer toponomastischen Entlehnung bestimmt: Entwurf eines Bewertungsmodells mit Beispielen aus der Slavia Tirolensis Typ Journal Article Autor Emanuel Klotz Journal Österreichische Namenforschung Seiten 323-345 Link Publikation -
2024
Titel Das FWF-Projekt "Slavia Tirolensis": Ein Zwischenbericht Typ Journal Article Autor Emanuel Klotz Journal Beiträge zur Namenforschung Seiten 397‒436 Link Publikation -
2024
Titel Die slawischen Namen der Gemeinde Nikolsdorf (Osttirol) - Slavia Tirolensis VII Typ Journal Article Autor Emanuel Klotz Journal Ricerche Slavistiche Seiten 271-295 Link Publikation -
2024
Titel Abgekommene Namen slawischer Herkunft in Osttirol (Slavia Tirolensis V) Typ Journal Article Autor Emanuel Klotz Journal Österreichische Namenforschung Seiten 141-161 Link Publikation -
2024
Titel Gomig, Landschütz, Perlog: weitere slawische Namen aus Osttirol (Slavia Tirolensis VI) DOI 10.5817/lb2024-38773 Typ Journal Article Autor Klotz E Journal Linguistica Brunensia Seiten 19-39 Link Publikation -
2024
Titel Ergänzungen und Berichtigungen zu meinem bairisch-slawischen Lautwandelapparat (mit einem Namensglossar) – Slavia Tirolensis IV DOI 10.58938/ni727 Typ Journal Article Autor Klotz E Journal Namenkundliche Informationen Link Publikation -
2023
Titel Problematische (und vermeintlich problematische) Deutungen slawischer Ortsnamen in Osttirol: Etyma mit dem Suffix -ica DOI 10.58938/ni713 Typ Journal Article Autor Klotz E Journal Namenkundliche Informationen Seiten 147-168 Link Publikation
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2025
Link
Titel Slavia Tirolensis DOI 10.48323/msd3x-mnz53 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link
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2023
Titel Workshop during Summer School Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2022
Link
Titel Science-To-Public Colloquium "Osttirol und die slawische Welt im Frühmittelalter" Typ A talk or presentation Link Link -
2024
Titel Interactive Station at The LNF (Lange Nacht der Forschung) in Innsbruck Typ Participation in an open day or visit at my research institution -
2022
Link
Titel Presentation at the Science Slam (Innsbruck) Typ A talk or presentation Link Link