Das Element des Zufalls in Russischen Nuklearen Drohungen
The element of chance in Russian nuclear threats
Wissenschaftsdisziplinen
Politikwissenschaften (100%)
Keywords
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Russia,
International security,
Foreign policy,
Deterrence,
Nuclear strategy,
Political psychology
Die Auseinandersetzung mit nuklearen Bedrohungen hat in der europäischen Politikwissenschaft zunehmend an Bedeutung verloren, obwohl die Risiken unvermindert bestehen. Im Gegenteil, die globale Sicherheitslage geprägt von multiplen Konflikten, wechselnden Allianzen, erodierten Rüstungsabkommen und verschwimmenden Grenzen zwischen konventionellen und nuklearen Waffensystemen hat die Wahrscheinlichkeit katastrophaler Fehlkalkulationen erhöht. Dieses Projekt hat zum Ziel, Eskalationsmanagement zwischen Nuklearmächten zu untersuchen und die psychologischen Fundamente der Abschreckungstheorie zu reevaluieren, um die Motivation hinter nuklearen Drohungen besser zu verstehen. Konkret stelle ich die Frage, ob Staaten bewusst auf das Element des Zufalls setzen, d.h. ihre Drohungen mehrdeutig und vage halten. Die Grundidee, entwickelt vom Spieltheoretiker Thomas Schelling, war nukleare Drohungen unter gegenseitig gesicherter Zerstörung (MAD) durch Kontrollverzicht glaubwürdiger zu machen, um die Risikoscheu des Gegners auszunutzen. Obwohl alle Atommächte auf das Konzept der Ambiguität setzen, bieten Russlands verschärfte Drohungen während des Ukraine-Krieges ein besonders markantes Beispiel, da russische Rhetorik zunehmend im Widerspruch zu offizieller Doktrin, strategischen Schriften und technologischen Entwicklungen steht. Meine Forschung untersucht zwei zentrale Fragen. Erstens, wie kann Ambiguität in Abschreckungstheorien integriert werden? Bestehende Literatur erklärt Zufall oft durch Innenpolitik oder Organisationsstruktur und vernachlässigt individuelle Entscheider. Ich analysiere, wie Staatschefs Mehrdeutigkeit strategisch einsetzen, während die Letztentscheidung in ihren Händen bleibt. Zweitens frage ich, warum Staaten überhaupt etwas dem Zufall überlassen und kategorische Ultimaten vermeiden. Ambiguität ermöglicht Flexibilität, kann aber Glaubwürdigkeit untergraben. Bestehende Modelle, die zum Teil auf Logiken des Kalten Krieges beruhen, erfassen Eskalationsprozesse ohne explizite Drohungen oft unzureichend. Ich versuche systematische Strategien aufzuzeigen, wie staatliche Akteure den Zufall gezielt nutzen, berücksichtige aber auch alternative Erklärungen, wie Ambiguität auf unbeabsichtigte Weise entsteht. Zum Beispiel analysiere ich, wie Staaten Inkonsistenzen in ihre Nukleardoktrin einbauen, nukleare Drohungen in religiöser Sprache verschleiern oder absichtlich fahrlässig handeln um Entschlossenheit zu signalisieren. Setzen Staaten auf Ambiguität, um ihre Agenda durchzusetzen und schränken dadurch bewusst ihren eigenen Handlungsspielraum ein, entsteht ein Paradoxon: rationale Ziele, verfolgt durch irrationale Mittel. Meine Arbeit leistet einen Beitrag dazu, menschliche Emotionen insbesondere die Angst vor unkontrollierbarer Eskalation oder einem irrational agierenden Gegner in Erklärungsmodellen besser zu berücksichtigen, um zu verstehen, warum bestimmte Drohungen wirken, andere nicht, und wie darauf angemessen reagiert werden kann.
- Kristin Ven Bruusgaard, University of Oslo - Norwegen
- Thomas Mahnken - Vereinigte Staaten von Amerika
- Scott Sagan, University of Stanford - Vereinigte Staaten von Amerika