UNBEHAGLICHE VORFAHREN - HERAUSFORDERNDES GEDENKEN
UNCOMFORTABLE ANCESTORS – CHALLENGING COMMEMORATION
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
Recordings,
Restitution,
Commemoration,
Central As
Dieses PostDoc-Projekt untersucht aus einer sozialanthropologischen Perspektive einen Bestand von Tonaufnahmen am Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der Stimmen von Soldaten aus dem ehemaligen sowjetischen Zentralasien dokumentiert. Die dazugehörigen Protokolle, überwiegend verfasst vom Linguisten Stephan Wurm, Abbildungen und Inhalte der Tonaufnahmen Legenden, Märchen, Lieder, Interviews und Gespräche in den verschiedenen Nationalsprachen deuten darauf hin, dass es sich bei den Aufgenommenen zumeist um NS-Kollaborateure handelte. In Zentralasien selbst ist diese sensible Sammlung bisher weitgehend unbekannt, was bedeutet, dass die Nachkommen mit großer Wahrscheinlichkeit nichts von den aufgenommenen Stimmen ihrer Vorfahren wissen. Das vom FWF im Rahmen des ESPRIT-Programms geförderte Projekt am Phonogrammarchiv arbeitet mit Restitution im Sinne des Teilens als Methode. Ziel ist, durch sorgfältige Vorbereitung und Initiierung der (Re-)Zirkulierung der Aufnahmen unter den Nachkommen der Aufgenommenen in Usbekistan und Tadschikistan diese politisch sensiblen Tondokumente mit den Familien oder Herkunftsgemeinschaften der Aufgenommen in Beziehung zu setzen. In diesem Sinne ist (Re-)Zirkulierung nicht das Ende eines Prozesses, sondern zumindest potentiell Ausgangspunkt für die soziale Wiederbelebung der historischen Materialien. Die Aufnahmen und die Reaktionen auf diese unter den Nachkommen dienen als Basis für eine Untersuchung der gegenwärtigen Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg an den Randgebieten der ehemaligen Sowjetunion, die bislang wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhalten hat. Die Aufnahmen, Protokolle und Fotografien ermöglichen Zugang zu der Erinnerungskultur der zweiten und dritten Generation von Verwandten der aufgenommenen Soldaten im Hinblick auf deren NS-Kollaboration. Zugleich werden die ethischen Herausforderungen der (Re-)Zirkulierung dieser sensiblen Sammlung sowie deren Resonanz in Zentralasien zu einem besseren Verständnis lokaler Gedenkpraxen beitragen. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Facetten der Erinnerungskultur in diesem Projekt trägt zu den Memory Studies in der Sozialanthropologie und den Zentralasienwissenschaften bei. Darüber hinaus sollen im Rahmen des Projekts verantwortungsbewusste und kooperative Ansätze zur breiteren (Re)Zirkulierung sensibler historischer Audio-Sammlungen generell entwickelt werden, bei denen der Schutz der Verwandten der Aufgenommenen im Vordergrund steht. Schließlich sollen durch das Hörbarmachen der lange ungehörten Stimmen vielfältige Rezeptionsmöglichkeiten erörtert werden, die über das ursprüngliche Skript dieser Aufnahmen hinausgehen.