Hören über die Partitur hinaus: Integrierte Musikanalyse
Listening beyond the Score: Integrated Music Analysis
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
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Twentieth- and Twentieth-first-century Music,
Music Theory and Analysis,
Digital Musicology,
Musical Listening,
Post-tonal Music,
Electroacoustic Music
Dieses Projekt versucht, zwei musikalische Analyseansätze zu integrieren, die oft als getrennt betrachtet werden: theoretisch-analytische Untersuchungen der geschriebenen Musik (Partituren) und höranalytische Untersuchungen der daraus resultierenden Klangrealität (gehörte Musik). Bestehende Forschungsmethoden, die sich auf die Analyse von Partituren stützen, erfassen oft nicht die entscheidenden akustischen Ergebnisse zeitgenössischer Musik, insbesondere bei Werken, in denen sehr dichte Klanggebilde zu komplexen Texturen führen. In diesen Situationen kann man nicht einzelne Tonhöhenverhältnisse oder Rhythmen hören, sondern konzentriert sich auf die übergeordneten Texturen, die Klangdichte, die Verteilung auf Register oder die klanglichen Transformationen. Obwohl wir Musik nicht genau so wahrnehmen können, wie sie notiert ist, wurde das Hören in der Analyse zeitgenössischer Kunstmusik stark vernachlässigt. Um die musikalische Bedeutung, die durch verschiedene Aspekte einer Komposition entsteht (z.B. ihre inneren Strukturen, die ästhetischen Konzepte und das akustische Ergebnis), offenzulegen, müssen die in der Notation enthaltenen Informationen kontextualisiert werden durch den Bezug auf die Art und Weise, wie die aufgeführte Musik wahrgenommen wird. Das Projekt befasst sich mit wichtigen, bisher unbeantworteten Fragen zum Verhältnis zwischen der (produktionszentrierten) Poetik und der (rezeptionszentrierten) Ästhetik der neuen Musik: Inwieweit und wie werden komponierte musikalische Netzwerke beim Hören wahrgenommen, und wie kann der Dialog zwischen diesen beiden zu fruchtbaren Ergebnissen in der Musikanalyse und -kritik führen? Ich werde eine Analysemethode entwickeln, die auf close listening basiert, und mit der traditionellen, auf Partituren und Skizzen gestützten Analyse kombiniert wird, wobei ich gleichzeitig den Nutzen neu entwickelter digitaler Klanganalysewerkzeuge untersuchen werde. Ich werde dieses integrierte Modell entwickeln, indem ich die Werke von sechs Komponist*innen analysiere, die unterschiedliche Prototypen der raum-zeitlichen Komplexität in der Musik nach 1945 darstellen: Pierre Boulez, Kaija Saariaho, Brian Ferneyhough, Franck Bedrossian, Olga Neuwirth und Maki Ishii. Auf der Grundlage dieser Analysen werde ich die Rolle des Hörens im Verhältnis zur partitur- bzw. skizzenbasierten und computergestützten Analyse herausarbeiten und so ein integriertes methodisches Modell für die Untersuchung von Klang- und Text-Ressourcen schaffen. Die Ergebnisse werden 1. einen methodischen Durchbruch für die Analyse raum-zeitlicher Komplexität in der zeitgenössischen Musik und 2. ein theoretisches Modell der Interaktivität zwischen Klang- und Text-Ressourcen, Hören und Technologie liefern. Dieses Modell wird die komplementäre Rolle verschiedener Ansätze bei der musikalischen Untersuchung und Interpretation definieren, deren Kombination das Verständnis der Musik nach 1945 fördern wird.
- Robert Höldrich, Universität für Musik und darstellende Kunst Graz , nationale:r Kooperationspartner:in
- Pierre Couprie - Frankreich
- Judith Lochhead, State University of New York at Stony Brook - Vereinigte Staaten von Amerika