Die Gestaltung vom christlichen Ritual
Shaping Christian Ritual
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (20%); Philosophie, Ethik, Religion (40%); Sprach- und Literaturwissenschaften (40%)
Keywords
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Anaphoras,
Liturgical Papyri,
Performance Theory,
Liturgy in Society,
History of Christian Liturgy,
Magic
Die eucharistischen Hochgebete (in den Ostkirchen Anaphoren) stehen im Mittelpunkt der Messe. Nach katholischem und orthodoxem Glauben haben sie, wenn sie vom Priester gesprochen werden, die Macht, das dargebrachte Brot und den Wein zu konsekrieren. In allen traditionellen Liturgien sind sie besonders lange und komplexe Gebete. Die Anaphoren der verschiedenen Traditionen ähneln sich in ihrer rhetorischen Struktur und ihren Hauptbestandteilen, aber es gibt auch bedeutende Unterschiede. Liturgiewissenschaftler untersuchen seit langem, wie diese Ähnlichkeit und Vielfalt zustande gekommen sind. Wie haben sich die Hochgebete zu den rhetorischen Kompositionen entwickelt, die sie heute sind, vor allem in den Ostkirchen? Dank der Forschung wissen wir heute, dass die Anfänge des christlichen liturgischen Betens durch eine Vielfalt von Gebräuchen gekennzeichnet waren. Der Bischof hatte die Freiheit, seine Gebete zu improvisieren, auch wenn diese Freiheit allmählich eingeschränkt wurde durch konventionelle Themen und Formeln. Obwohl gelegentlich schon früher schriftliche Mustergebete zirkulierten, schrieben meiste Bischöfe ihre Gebete erst im vierten Jahrhundert auf. Auch danach blieben die Gebetstexte bis ins zweite Jahrtausend hinein im Fluss. Die Erforschung der frühen mündlichen Periode und der allmählichen Fixierung der Gebetstexte stößt jedoch auf ein methodisches Problem: den Mangel an Quellen. Da sich die Liturgie städig änderte, mussten die Handschriften den neuesten Text enthalten. Weil die meisten erhaltenen Handschriften aus dem achten Jahrhundert oder später stammen, findet die Forschung nur selten Kodizes, in denen die liturgischen Texte des vierten bis achten Jahrhunderts getreu überliefert sind. Wenn Forscher aber auf die späteren Kodizes zurückgreifen müssen, um über den spätantiken oder frühchristlichen Text der Gebete zu spekulieren, stoßen sie schnell auf Probleme. Es gibt jedoch eine wichtige Ausnahme von dieser Regel: die Papyri, die im trockenen Sand Ägyptens aufbewahrt wurden. Dabei handelt es sich um Fragmente liturgischer Handbücher, die vom vierten bis achten Jahrhundert von Priestern verwendet wurden und die spätantiken Texte der Gebete enthalten. Von besonderer Bedeutung sind 19 griechische und koptische Papyri, die Fragmente der Markusanaphora, des traditionellen Hochgebets von Alexandria, und damit eng verbundene Gebete in ihren spätantiken Formen bewahren. Diese Anaphora wurde auch später verwendet und ist auch auf Griechisch, sahidischem und bohairischem Koptisch, klassischem Äthiopisch und Arabisch gut dokumentiert und wird bis heute in der koptisch-orthodoxen Kirche rezitiert. Dieser einzigartige Reichtum an Quellen ermöglicht es, die Textgeschichte dieser Anaphora im Detail zu verfolgen und dabei einen sich dynamisch verändernden liturgischen Text zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu beobachten. In meinem Projekt untersuche ich diese Anaphora aus verschiedenen Perspektiven: Ich werde neue Zeugnisse ihres Textes veröffentlichen, bekannte Quellen mit neuen Methoden erforschen, ich werde untersuchen, wie die textliche Veränderungen historische Umstände widerspiegeln, und ich werde die koptischen magischen Papyri nach Hinweisen auf ihren Einfluss durchsuchen. Auf diese Weise erhoffe ich mir neue Beobachtungen zu einer Kernfrage der Liturgiewissenschaft: Wie haben sich die Liturgien, und insbesondere die eucharistischen Gebete, verändert?
- Reinhard Messner, nationale:r Kooperationspartner:in
- Claudia Rapp, Österreichische Akademie der Wissenschaften , Mentor:in
- Diliana Atanassova - Deutschland
- Nathan Chase - Vereinigte Staaten von Amerika