(Nicht-)Erinnerung an Deserteure aus den Jugoslawienkriegen
(Un)remembering deserters from the Yugoslav wars
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (60%); Geschichte, Archäologie (20%); Politikwissenschaften (20%)
Keywords
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Desertion,
Yugoslav wars,
Mobilization of violence,
(Post-)Yugoslav memory narratives
Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien zerfiel in den 1990er Jahren in gewaltsamen Kriegen, die über 140.000 Menschenleben forderten und unermessliche Folgen für die (post-)jugoslawischen Gesellschaften hatten. Die politischen Eliten, die ihre Kriege und Unabhängigkeitsbestrebungen legitimieren mussten, griffen auf verschiedene Formen nationalistischer Mobilisierung zurück und setzten ethnozentrische Narrative durch. Dennoch berichteten Medien und Nichtregierungsorganisationen über Tausende Fälle von Desertion und Vermeidung der Rekrutierung. Männer suchten in Nachbarländern Zuflucht oder der Mitwirkung an den Kriegen auf verschiedene andere Arten zu entgehen. Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen war zu dieser Zeit gesetzlich nicht anerkannt und/oder wurde nicht umgesetzt, und die Kriegsregime reagierten mit (Schein-)Prozessen, Drohungen, Folter und Zwangsrekrutierungen. Viele europäische Länder akzeptierten, obwohl sie immer wieder ein Ende der Kriege forderten, jedoch keine Asylanträge von Deserteuren und Kriegsgegnern aus dem (post- )jugoslawischen Raum. Während es eine Vielzahl von Motiven hinter jeder Desertion gibt, spielt die (Nicht-)Erinnerung an diese Handlung in spezifischen historischen und nationalen Kontexten eine bedeutende Rolle in der Erinnerungspolitik. Heute werden Akte des Antikriegs-, aber auch des anti-ethnonationalen Widerstands während und nach den Jugoslawienkriegen in die offizielle Erinnerungspolitik der (post-)jugoslawischen Staaten einbezogen oder aus ihr ausgeschlossen, je nach den ideologischen Zielen politischer Kämpfe in der jeweiligen Phase: Sie werden entweder als die ultimative ethische Tat verklärt oder absichtlich vergessen. Dieses Projekt, das den Akt der Desertion und des Widerstands gegen die Wehrpflicht in den Rahmen kultureller Gedächtnistheorie stellt, wird erstmals die Frage beantworten, wie im Zusammenspiel von öffentlichen und privaten Erinnerungsnarrativen verschiedene erinnerungspolitische Akteure eine Erzählung über Deserteure aus den Jugoslawienkriegen im heutigen (post-)jugoslawischen Raum kreieren. Durch Archivforschung (Militär, Justiz, Medien, internationale und nationale NGOs) und ausführliche qualitative Interviews mit Deserteuren aus Slowenien, Kroatien, Montenegro und Serbien wird in diesem Projekt die erste Typologie von Deserteuren erstellt. Darüber hinaus wird ein Überblick über die unterschiedlichen Auffassungen und Darstellungen von Deserteuren in Gesetzen und in den Medien gegeben und die Frage verhandelt, ob wir Deserteure als Verräter oder Helden betrachten. Das Projekt wird auch zeigen, wie der Akt der Desertion von der Wahrnehmung von Männlichkeit in einer bestimmten Gesellschaft abhängt und welche Rolle Frauen und Familien bei einer Tat spielen, die ausschließlich als mit Männern verbunden dargestellt wird. Insgesamt trägt das Projekt dazu bei, unser Wissen über das Verständnis von Desertion in einer Nachkriegsgesellschaft zu erweitern, sowohl als individuelle als auch als kollektive Handlung; es deckt die diskursiven Strategien des organisierten Vergessens ebenso auf wie die des organisierten Erinnerns; und es trägt zum Verständnis des (post-)jugoslawischen Raums und der Jugoslawienkriege an sich bei.