Konsequenzen des Wahlsystemwandels in modernen Demokratien
Consequences of Electoral System Change in Modern Democracies
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Politikwissenschaften (100%)
Keywords
-
Electoral System,
Party Systems,
Quality Of Democracy,
Quality Of Representation,
Electoral System Change
Die Wahlforschung hat in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Erkenntnissen zu den politischen Effekten von Wahlsystemen generiert. Dabei sind vier methodische Probleme bisher ungelöst geblieben. Erstens ist die Kontrolle für alle möglichen Einflussfaktoren in klassischen Querschnittsstudien nicht möglich; zweitens ein omitted variable bias; drittens die Nichtbeachtung temporaler Muster und Trends sowie viertens das sogenannte Endogenitätsproblem. Durch das Design dieses Projekts als quasi- experimentelle Langzeitstudie, sind wir in der Lage, Lösungen für diese Probleme zu entwickeln. Zu diesem Zweck werden wir nicht die Effekte von Wahlsystemen, sondern die Konsequenzen ihrer Veränderungen aus vergleichender Perspektive analysieren. Das Projekt zielt auf die Beantwortung dreier Fragen: erstens, ob der Wandel von Wahlsystemen messbare Effekte auf relevante Aspekte von Parteiensystemen, politischer Repräsentation und Demokratiequalität ausübt. Zweitens werden wir untersuchen, inwiefern diese Effekte mit Hilfe bisheriger Erkenntnisse der Wahlforschung erklärt werden können. Drittens schließlich liefern wir eine Antwort auf die politiktheoretisch wie auch für die politische Praxis relevante Frage, in welchem Maße politische Institutionen das Handeln politischer Akteure tatsächlich strukturieren. Wir greifen auf die Forschungsliterature zu den politischen Effekten von Wahlsystemen zurück, um Hypothesen zu den Konsequenzen des Wandels zu formulieren. Zu diesem Zweck identifizieren wir drei Dimensionen auf die Wahlsystemänderungen Einfluss nehmen können. Zunächst können Änderungen im Wahlsystem Wandel im Parteiensystem veranlassen. Die zweite Dimension, Repräsentationsqualität, fragt nach der formalen Verzerrung zwischen Stimm- und Sitzanteilen undnach der materiellen programmatischen Vielfalt des politischen Angebots sowie der Kongruenz zwischen Wählerinnen und Wählern undGewählten.Drittens haben WahlsystemänderungenauchKonsequenzen für die Demokratiequalität, gekennzeichnet durch Wahlbeteiligung und Demokratiezufriedenheit. Den Zusammenhang zwischen Wahlsystemänderungen und diesen drei Dimensionen untersuchen wir auf der nationalen Makro-Ebene, der Meso-Ebene der Wahlkreise sowie auf der individuellen Mikro-Ebene für alle heutigen OECD und/oder EU-Mitgliedsstaaten seit Einführung des allgemeinen (Männer-)Wahlrechts. Um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, werden nur solche Wahlen einbezogen, die als frei und fair angesehen wurden. Methodisch bedienen wir uns Zeitreihenanalysen sowie Matching-Verfahren. Um die Umfassende Datenerhebung und auswertung zur Wahlsystemänderungen sowie zur Messung des Parteiensystems, der Repräsentations- und Demokratiequalität zu ermöglichen, wird das Projekt in Kooperation von Prof. Fortin-Rittberger (Universität Salzburg) und JProf. Harfst (Universität Greifswald) durchgeführt. Der Erhebungs- und auswertungsaufwand wird in fünf Arbeitschritten auf die beiden Projektstandorte aufgeteilt. Im ersten Schritt wird neben der Einarbeitung aller Projektbeteiligten auch ein Kodierschema entwickelt, dass Änderungen im Wahlsystem ohne dichotome und ordinale Begrenzungen erfasst. Danach werden alle Wahlsystemänderungen der beobachteten Staaten erhoben. Der dritte Arbeitsschritt dient der Erfassung der drei abhängigen Variablen. In den letzten beiden Arbeitsschritten werden die Zusammenhänge analysiert sowie Publikationen und der Endbericht verfasst. Nach Projektende werden die gesammelten Daten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, um die weitere Nutzung zu gewährleisten.
Was passiert, wenn sich Wahlgesetze ändern? Ziel dieses Projektes war es, zu untersuchen wie sich der Wandel von Wahlsystemen auf politisch relevante Faktoren wie beispielsweise die Größe und Zusammensetzung des Parteiensystems auswirken. Ein zentraler Aspekt des Projektes war es daher, Daten von politischen Institutionen und deren Effekte auf der Wahlkreisebene zu erheben. Auf dieser Ebene sollen nach theoretischen Erkenntnissen die Effekte von Wahlsystemen unmittelbar zu beobachten sein. Die innovative Datenerhebung erlaubt es Forscher*innen, den gesamten Wahlprozess zu erfassen. Unsere Daten geben Aufschluss über das strategische Verhalten von Parteien und Wähler*innen sowie über die mechanische Umrechnung von Stimmen in Mandate in mehr als 9000 Wahlkreisen in 12 modernen Demokratien. Durch die Integration aller dynamischen Schritte die zwischen den Institutionen und dem Parteiensystem stehen, können wir einige Herausforderungen existierender empirischer Studien umgehen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Anzahl der zu vergebenen Mandate einen Einfluss auf die Größe des Parteiensystems hat. Der soziologische Kontext bedingt diese Beziehung. Nur ein Teil des Elektorats verhält sich basierend auf dem Wahlsystem strategisch und wendet sich von der präferierten Partei zugunsten einer erfolgsversprechenden Partei ab. Ein hoher Anteil der Wählerschaft verhält sich nicht strategisch, wodurch der theoretisch vorhergesagte psychologische Effekt empirisch nur undeutlichen gemessen werden kann. Die taktischen Überlegungen von Wähler*innen sind somit schwer zu erfassen, und vielleicht sogar schwieriger zu greifen als existierende Forschung bisher angenommen hat. Der mechanische Effekt hingegen scheint laut unseren Daten das entschiedenste Bindeglied im gesamten Wahlprozess zu sein. Diese Ergebnisse leisten einen Beitrag für die zukünftige Weiterentwicklung von Theorien bezüglich politischer Institutionen und derer Möglichkeit das Verhalten von politischen Akteuren zu strukturieren. Empirisch gesehen, weisen die Befunde darauf hin, dass eine zielorientierte Analyse der zeitlichen Dimension und die Einbeziehung von Erkenntnissen aus der Wahlverhaltensforschung zukünftig wichtige Aufschlüsse über die psychologischen Effekte des Wahlsystems geben könnte. Zusätzlich zu den Ergebnissen über den Einfluss von Wahlsystemen auf Parteiensysteme, hat sich das österreichische Teilprojekt mit Wahlgesetzen als konditionale Variable beschäftigt. Wir zeigen, dass Wahlsysteme nur einen eingeschränkten Einfluss auf Unterschiede im politischen Wissen zwischen Männern und Frauen, auf die Repräsentationsqualität von weiblichen Interessen und auf den Zusammenhang zwischen Wahlbetrug und Demokratiezufriedenheit hat.
- Universität Salzburg - 100%
Research Output
- 172 Zitationen
- 4 Publikationen
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2016
Titel Cross-National Gender Gaps in Political Knowledge DOI 10.1177/1065912916642867 Typ Journal Article Autor Fortin-Rittberger J Journal Political Research Quarterly Seiten 391-402 Link Publikation -
2018
Titel Do parliaments underrepresent women’s policy preferences? Exploring gender equality in policy congruence in 21 European democracies DOI 10.1080/13501763.2017.1423104 Typ Journal Article Autor Dingler S Journal Journal of European Public Policy Seiten 302-321 Link Publikation -
2018
Titel Elusive indeed – The mechanical versus psychological effects of electoral rules at the district level DOI 10.1016/j.electstud.2018.04.001 Typ Journal Article Autor Harfst P Journal Electoral Studies Seiten 90-98 Link Publikation -
2017
Titel The costs of electoral fraud: establishing the link between electoral integrity, winning an election, and satisfaction with democracy DOI 10.1080/17457289.2017.1310111 Typ Journal Article Autor Fortin-Rittberger J Journal Journal of Elections, Public Opinion and Parties Seiten 350-368 Link Publikation