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Arbeitsbeziehungen in Europa

Europeanization of Labor Relation

Susanne Pernicka (ORCID: 0000-0002-1327-7661)
  • Grant-DOI 10.55776/I2239
  • Förderprogramm Einzelprojekte International
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.09.2015
  • Projektende 31.12.2018
  • Bewilligungssumme 396.359 €
  • Projekt-Website

DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz

Wissenschaftsdisziplinen

Soziologie (100%)

Keywords

    Industrial relations, Collective bargaining, Horizontal Europeanization, Eurozone, Trade unions

Abstract Endbericht

Durch die makroökonomischen Ungleichgewichte in der Eurozone und das neue Rahmenwerk der Europäischen Wirtschaftspolitik als Reaktion auf die Banken-, Wirtschafts- und Währungskrise der Europäischen Union gewinnt das Feld der Tarifpolitik an Bedeutung. Da Währungsabwertungen als wirtschaftspolitisches Instrument nicht mehr zur Verfügung stehen, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes zu verbessern, hat sich auch der Druck auf nationale Institutionen der Lohnfestlegung erhöht. Während daher eine Notwendigkeit zur transnationalen Koordinierung der nationalen und sektoralen Lohnpolitiken durch die Krise entstanden ist, haben sich gleichzeitig die institutionellen Voraussetzungen für eine europäische Lohnkoordinierung durch die invasiven Eingriffe der Troika in die nationalen Arbeitsbeziehungen der Länder mit Leistungsbilanzdefiziten und hoher Staatsverschuldung verschlechtert. In diesem Projekt wollen wir die Möglichkeiten und Grenzen einer transnationalen Koordinierung der Lohnpolitik untersuchen. Die Aufmerksamkeit richtet dabei insbesondere auf das Verhältnis zwischen den europäischen Gewerkschaften und ihren Mitgliederorganisationen, weil sich hier die unterschiedlichen nationalen und sektoralen Interessenlagen sowie Wahrnehmungen zu den Kosten und Nutzen einer transnationalen Koordinierung für die beteiligten Gewerkschaften auf europäischer Ebene verdichten. Es werden jene sozialen Mechanismen untersucht, die zu arbeitspolitischer Koordinierung oder deren Unterbleiben auf transnationaler Ebene beitragen. Arbeitgeberverbände und (trans)nationale staatliche Akteure werden in der Untersuchung als (potenzielle) Akteure im Feld der Koordinierung der Lohnfindung sowie als arbeitspolitische Adressaten der Gewerkschaften berücksichtigt.

Das Forschungsprojekt Arbeitsbeziehungen in Europa geht als Teilprojekt der Forschungsgruppe Horizontale Europäisierung der Frage nach, inwiefern sich die Praxis kollektiver Lohnverhandlungen durch die zunehmende Internationalisierung der Wirtschaft verändert hat. In den letzten drei Jahrzehnten wurde die Integration der EU als ein einheitlicher wirtschaftlicher, rechtlicher und politischer Raum vorangetrieben. In jüngster Zeit wird der Einigungsprozess der EU jedoch zunehmend in Frage gestellt. Im Gegensatz zur politischen Integration der EU ist die Internationalisierung der Wirtschaft weiter fortgeschritten. Viele große, international operierende Unternehmen verfügen über sog. Europäische Betriebsräte, in denen sich Arbeitnehmervertreter aus verschiedenen Ländern koordinieren. Lohnverhandlungen zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften werden jedoch auf nationaler Ebene geführt. Die Frage, inwiefern sich die Beziehungen zwischen den Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen durch die Internationalisierung der Wirtschaft bzw. gemeinsame europäische Regelungen und eine gemeinsame Finanz- und Fiskalpolitik gewandelt haben, wurde in diesem Projekt am Beispiel zweier Sektoren in drei Ländern der EU untersucht: den sozialen Diensten und der Metallindustrie in Österreich, Deutschland und Italien. Für die Erhebung empirischer Daten wurde eine Reihe von Interviews mit ExpertInnen aus Interessenvertretungen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern in den untersuchten Länder geführt. Wichtigstes Ergebnis dieser Erhebung ist, dass viele Aussagen auf eine Europäisierung der Arbeitsbeziehungen, vor allem im Metallsektor, schließen lassen. Obwohl die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände ihre Verhandlungen auf nationaler Ebene führen, sind sie sich dessen bewusst, dass sie innerhalb eines europäischen Feldes der Arbeitsbeziehungen agieren, das ihre Handlungsmacht wesentlich mitbeeinflusst. Die nationalen Institutionen der Lohnbestimmung genießen in unterschiedlichem Ausmaß Ansehen und Legitimität bei EU-Institutionen wie der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank. Während dem deutschen und österreichischen System, das eine vorteilhafte internationale Wettbewerbsposition gewährleistet, hohes Ansehen genießt, ist das italienische Lohnfindungssystem großem Druck zur Dezentralisierung ausgesetzt. Zwar stehen alle untersuchten Kollektivverhandlungssysteme in unter dem internationalen Druck in Richtung Liberalisierung und Dezentralisierung der Lohnfindung. Doch gelingt es den Systemen in Österreich und Deutschland aufgrund der stärkeren Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und der stärkeren institutionellen Fundierung besser als dem italienischen, die etablierten Praktiken nationaler Kollektivverhandlungen zu erhalten. Das italienische System wird seit Jahren hinsichtlich seiner Funktionalität durch europäische Institutionen infrage gestellt und ist dadurch geschwächt. Dennoch erneuerten die italienischen Sozialpartner in den letzten Jahren unter großen Anstrengungen die Praktiken kollektiven Verhandelns.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Linz - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Jürgen Gerhards, Freie Universität Berlin - Deutschland
  • Steffen Mau, Humboldt-Universität zu Berlin - Deutschland
  • Richard Münch, Otto-Friedrich Universität Bamberg - Deutschland
  • Jan Delhey, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg - Deutschland
  • Martin Heidenreich, Universität Oldenburg - Deutschland
  • Christian Lahusen, Universität Siegen - Deutschland

Research Output

  • 29 Zitationen
  • 6 Publikationen
Publikationen
  • 2018
    Titel Power and Counter Power in Europe. The Transnational Structuring of Social Spaces and Social Fields
    DOI 10.1007/s11614-018-0295-9
    Typ Journal Article
    Autor Pernicka S
    Journal Österreichische Zeitschrift für Soziologie
    Seiten 1-11
  • 2018
    Titel The Restructuring of Wage-Setting Fields between Transnational Competition and Coordination
    DOI 10.1007/s11614-018-0298-6
    Typ Journal Article
    Autor Pernicka S
    Journal Österreichische Zeitschrift für Soziologie
    Seiten 93-116
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Varieties of Capitalism im Krankenhaussektor? Gewerkschaftsstrategien in Deutschland und Großbritannien
    DOI 10.3224/indbez.v24i4.02
    Typ Journal Article
    Autor Dittmar N
    Journal Industrielle Beziehungen. Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management
    Seiten 393-410
    Link Publikation
  • 2015
    Titel When does solidarity end? Transnational labour cooperation during and after the crisis – the GM/Opel case revisited
    DOI 10.1177/0143831x15577840
    Typ Journal Article
    Autor Pernicka S
    Journal Economic and Industrial Democracy
    Seiten 375-399
  • 2016
    Titel Institutionelle Arbeit am Konflikt – ein Beitrag zur Transnationalisierung der Arbeitsbeziehungen?
    DOI 10.1007/s11609-016-0306-2
    Typ Journal Article
    Autor Pernicka S
    Journal Berliner Journal für Soziologie
    Seiten 85-108
  • 2016
    Titel Editorial
    DOI 10.1007/s11609-016-0310-6
    Typ Journal Article
    Autor Lahusen C
    Journal Berliner Journal für Soziologie
    Seiten 1-5
    Link Publikation

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