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Struktur&Entwicklung des Verstehens von Handlungen u Gründen

Structure and development of understanding action and reason

Josef Perner (ORCID: 0000-0002-7855-0788)
  • Grant-DOI 10.55776/I3518
  • Förderprogramm Einzelprojekte International
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.06.2018
  • Projektende 30.11.2022
  • Bewilligungssumme 387.615 €
  • Projekt-Website

DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (30%); Psychologie (70%)

Keywords

    Theorie of Mind, Teleologie, Mental Files, Kognitive Entwicklung

Abstract Endbericht

Das Ziel dieses interdisziplinären Projekts ist es, eine philosophische Theorie der Struktur und der Entwicklung des Verstehens von Handlungsgründen anderer Personen zu entwickeln und empirisch zu überprüfen. Philosophische und empirische Forschung wurde in drei Teilprojekten eng miteinander verzahnt, um diese Fragen zu beantworten. (1) Die philosophische Untersuchung einer naturalistischen nicht-psychologistischen Konzeption von Handlungsgründen bildet die theoretische Basis des Projekts (Hanjo Glock, Universität Zürich). Handlungen anderer Menschen können anhand von objektiven und subjektiven Gründen erklärt werden. Objektive Gründe für Handlungen sind Fakten: Die Tatsache, dass in der Schublade eine Tafel Schokolade ist, gibt Max, der das weiß und die Schokolade essen möchte, einen objektiven Grund zur Schublade zu gehen. Subjektive Gründe für Handlungen sind vorgestellte Tatsachen aus Sicht des Handelnden: Maxs Überzeugung, dass die Schokolade in der Schublade ist, gibt ihm auch dann noch einen, jedoch nur subjektiven Grund zur Schublade zu gehen, wenn die Schokolade sich mittlerweile woanders befindet. (2) Tobias Schlicht (Universität Bochum) und Josef Perner (Universität Salzburg) befassen sich mit der theoretischen Entwicklung und empirischen Überprüfung eines teleologischen Stufenmodells zur Entwicklung unseres Handlungsverstehens. Bereits früh können Babys zielgerichtete Handlungen erkennen, wann aber entwickelt sich das Verständnis für Handlungsgründe? Folgende Annahmen sollen mit Blickbewegungsstudien experimentell überprüft werden: Von 6-12 Monaten verstehen Kinder zielgerichtete Handlungen anderer als Regularitäten. In der experimentellen Situation erwarten Kinder daher, dass ein Agent sich so verhalten wird, wie er es häufig tut. Ab 18 Monate erwerben sie ein teleologisches Verständnis von Handlungen basierend auf der Bewertung von Zielen. Kinder erwarten nun begründete Verhaltensweisen, die zu einem als erstrebenswert bewerteten Zielzustand führen. Erst mit ca. 4 Jahren verstehen Kinder, dass intentionale Handlungen anderer durch subjektive Gründe motiviert sein können, d.h. sie erwarten, dass Agenten nach ihren subjektiven Überzeugungen handeln werden. (3) Albert Newen (Universität Bochum) und Josef Perner (Universität Salzburg) formulieren und überprüfen eine philosophische Theorie über die kognitive Architektur, die der Entwicklung des Verstehens von Überzeugungen und Gründen zugrunde liegt: Die Theorie mentaler Ordner (mental files) erklärt, wie unser Wissen über die Welt und Andere repräsentiert und strukturiert ist, und erklärt den Befund, dass Kinder zwischen 7 und 15 Monaten schon implizit falsche Überzeugungen anderer verstehen, aber erst mit 4 Jahren dieses Verständnis sprachlich explizit einsetzen können. Dieses ambitionierte Projekt liefert substanzielle und originelle Beiträge zu zentralen Debatten in der Philosophie des Geistes, Handlungstheorie und Kognitionswissenschaft der sozialen Kognition. Experten aus drei Ländern arbeiten eng zusammen in einer einzigartigen interdisziplinären Konstellation, aus der eine umfassende, begrifflich kohärente und empirisch bestätigte Theorie der Struktur und Entwicklung unseres Verstehens von Handlungen und Gründen gewonnen wird, die den Weg für weitere empirische Forschungen auf diesem Gebiet ebnet.

Wir erarbeiten und testen ein neues teleologisches Modell der Alltagspsychologie, das den vorherrschenden "Theory of Mind"-Ansatz ersetzen soll. Der Theorie-Ansatz erklärt Handlungen durch gesetzmäßige Verallgemeinerungen mit subjektive mentalen Zuständen. Die Teleologie sieht hingegen objektive Fakten als Gründe für Handlungen. Wir haben zwei Fälle unterschiedlicher Vorhersagen der Theorien untersucht: (i) Die Theory of Mind erklärt das Verhalten auf der Grundlage dessen, was Menschen erreichen wollen (Ziel) und welche Handlung ihrer Meinung nach zu diesem Ziel führt (instrumentelle Handlung). Ob wünschenswert oder nicht, spielt für das Ziel keine Rolle. Für die Teleologie muss das Ziel wünschenswert (gut) sein, sonst wäre es kein guter Grund, dafür zu arbeiten. Wenn ein Ziel erstrebenswert ist, gibt es auch Gründe, bei seiner Erreichung zu helfen. Kleinkinder bieten mit etwa 18 Monaten spontan Hilfe an und sollten folglich in diesem Alter die Wertigkeit von Zielen erkennen. Kleinkinder beobachteten einen scheinbar absichtlich agierenden und einen mechanisch rollenden Ball an unterschiedlichen Orten landen. Der Endpunkt des absichtlich handelnden Akteurs sollte für die älteren kinder interessanter sein, da sie für die Entscheidung des Balls einen Grund vermuten sollten. Dies sollte mit etwa 18 Monaten geschehen gemäß Teleologie; die Theorie des Geistes erwartet keine solche Zäsur. Unser Test erwies sich als unbefriedigend und bleibt im Aufbau begriffen. Allerdings ist es uns gelungen, Interpretationen bestehender Ergebnisse, die ein Zuschreiben von Zielen unterschiedlicher Güte implizieren, zu widerlegen. (ii) Wollen und Denken, mentale Zustände zentral für die Theory of Mind, werden als völlig individualistisch und subjektiv aufgefasst und müssen nicht von anderen geteilt werden. Die Teleologie sieht Kleinkinder als Teleologen mit objektiven Gründen einer gemeinsamen Welt. Erst mit der Fähigkeit, abweichende Perspektiven zu erkennen, kann Teleologie innerhalb verschiedener Perspektiven genutzt werden (Teleologie-in-Perspektive). Dies impliziert, im Gegensatz zur Theory of Mind, ein bestimmtes Alter, in dem Kinder subjektive Präferenzen und Überzeugungen zusammen mit anderen Formen der Perspektivenübernahme, z. B. Identitätsinformationen, verstehen können. Dies geschieht um 4 Jahre. Zur Präzisierung was eine Perspektive ausmacht, verwenden wir die Mental FilesTheorie. Jedes Mental FIle steht für ein Objekt oder Person. Zwei Files für dasselbe Objekt (koreferentielle Files) stellen unterschiedliche Perspektiven auf das Objekt dar. Wenn z.B. eine Person mit verschiedenen Namen bezeichnet wird, "die Lehrerin" und "Susies Mutter", entstehen zwei koreferentielle Files. Wenn man ihnen sagt, dass "Susies Mutter die Lehrerin ist" (Identitätsaussage), sind kleine Kinder ratlos, bevor sie verstehen, dass jemand etwas Falsches glaubt (z.B. dass die Schokolade im Kasten ist, während sie tatsächlich in der Schublade liegt). Hiebei werden koreferentielle Files für die Kodierung der unterschiedlichen (falschen) Perspektive benötigt. Wir konnten diesen Zusammenhang bestätigen, zeigen, dass die Schwierigkeiten der Kinder nicht an den sprachlichen Ausdruck der Identität gebunden sind, und die Bedingungen klären, unter denen koreferentielle Files eingesetzt werden.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Salzburg - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Johannes Rössler, Friedrich Schiller Universität Jena - Deutschland
  • Hannes Rakoczy, Georg-August-Universität Göttingen - Deutschland
  • Albert Newen, Ruhr Universität Bochum - Deutschland
  • Tobias Schlicht, Ruhr Universität Bochum - Deutschland
  • Brian Leahy, Universität Konstanz - Deutschland
  • Francois Recanati, Collège de France - Frankreich
  • Hans-Johann Glock, University of Zurich - Schweiz
  • Maria Alvarez, King´s College London - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 178 Zitationen
  • 14 Publikationen
  • 3 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2020
    Titel What’s in a Hub?—Representing Identity in Language and Mathematics
    DOI 10.1016/j.neuroscience.2020.02.032
    Typ Journal Article
    Autor Arora A
    Journal Neuroscience
    Seiten 104-114
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Minimal representations of possibility at age 3
    DOI 10.1073/pnas.2207499119
    Typ Journal Article
    Autor Leahy B
    Journal Proceedings of the National Academy of Sciences
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Developing Theory of Mind and Counterfactual Reasoning in Children
    DOI 10.1017/9781108399838.022
    Typ Book Chapter
    Autor Perner J
    Verlag Cambridge University Press (CUP)
    Seiten 408-426
  • 2022
    Titel Why Do Children Who Solve False Belief Tasks Begin to Find True Belief Control Tasks Difficult? A Test of Pragmatic Performance Factors in Theory of Mind Tasks
    DOI 10.3389/fpsyg.2021.797246
    Typ Journal Article
    Autor Schidelko L
    Journal Frontiers in Psychology
    Seiten 797246
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Defining key concepts for mental state attribution
    DOI 10.1038/s44271-024-00077-6
    Typ Journal Article
    Autor Quesque F
    Journal Communications Psychology
    Seiten 29
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Mental Files and Teleology
    DOI 10.1007/978-3-030-51890-5_13
    Typ Book Chapter
    Autor Perner J
    Verlag Springer Nature
    Seiten 257-281
  • 2021
    Titel Action anticipation based on an agent's epistemic state in toddlers and adults
    DOI 10.31234/osf.io/x4jbm
    Typ Preprint
    Autor Schuwerk T
    Link Publikation
  • 2023
    Titel The knowledge ("true belief") error in 4-to 6-year-old children: When are agents aware of what they have in view?
    Typ Journal Article
    Autor Huemer
    Journal Cognition
    Seiten 105255
  • 2022
    Titel The knowledge (“true belief”) error in 4- to 6-year-old children: When are agents aware of what they have in view?
    DOI 10.1016/j.cognition.2022.105255
    Typ Journal Article
    Autor Huemer M
    Journal Cognition
    Seiten 105255
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Teleology first: Goals before knowledge and belief
    DOI 10.1017/s0140525x20001533
    Typ Journal Article
    Autor Schlicht T
    Journal Behavioral and Brain Sciences
  • 2020
    Titel Extended difficulties with counterfactuals persist in reasoning with false beliefs: Evidence for teleology-in-perspective
    DOI 10.1016/j.jecp.2020.105058
    Typ Journal Article
    Autor Rafetseder E
    Journal Journal of Experimental Child Psychology
    Seiten 105058
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Mental files: Developmental integration of dual naming and theory of mind
    DOI 10.1016/j.dr.2020.100909
    Typ Journal Article
    Autor Doherty M
    Journal Developmental Review
    Seiten 100909
    Link Publikation
  • 2019
    Titel The role of the IPL in person identification
    DOI 10.1016/j.neuropsychologia.2019.03.019
    Typ Journal Article
    Autor Tholen M
    Journal Neuropsychologia
    Seiten 164-170
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Mistaken max befriends Duplo girl: No difference between a standard and an acted-out false belief task
    DOI 10.1016/j.jecp.2019.104756
    Typ Journal Article
    Autor Priewasser B
    Journal Journal of Experimental Child Psychology
    Seiten 104756
    Link Publikation
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2021
    Titel Annual Distinguished Contribution Award, Developmental Section of the British Psychology Society.
    Typ Research prize
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2021
    Titel Keynote at the Annual Meeting of the British Psychology Society Developmental Section
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2019
    Titel Keynote address to the 16th European Congress of Psychology (ECP2019) in Moscow
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International

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