Struktur&Entwicklung des Verstehens von Handlungen u Gründen
Structure and development of understanding action and reason
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (30%); Psychologie (70%)
Keywords
-
Theorie of Mind,
Teleologie,
Mental Files,
Kognitive Entwicklung
Das Ziel dieses interdisziplinären Projekts ist es, eine philosophische Theorie der Struktur und der Entwicklung des Verstehens von Handlungsgründen anderer Personen zu entwickeln und empirisch zu überprüfen. Philosophische und empirische Forschung wurde in drei Teilprojekten eng miteinander verzahnt, um diese Fragen zu beantworten. (1) Die philosophische Untersuchung einer naturalistischen nicht-psychologistischen Konzeption von Handlungsgründen bildet die theoretische Basis des Projekts (Hanjo Glock, Universität Zürich). Handlungen anderer Menschen können anhand von objektiven und subjektiven Gründen erklärt werden. Objektive Gründe für Handlungen sind Fakten: Die Tatsache, dass in der Schublade eine Tafel Schokolade ist, gibt Max, der das weiß und die Schokolade essen möchte, einen objektiven Grund zur Schublade zu gehen. Subjektive Gründe für Handlungen sind vorgestellte Tatsachen aus Sicht des Handelnden: Maxs Überzeugung, dass die Schokolade in der Schublade ist, gibt ihm auch dann noch einen, jedoch nur subjektiven Grund zur Schublade zu gehen, wenn die Schokolade sich mittlerweile woanders befindet. (2) Tobias Schlicht (Universität Bochum) und Josef Perner (Universität Salzburg) befassen sich mit der theoretischen Entwicklung und empirischen Überprüfung eines teleologischen Stufenmodells zur Entwicklung unseres Handlungsverstehens. Bereits früh können Babys zielgerichtete Handlungen erkennen, wann aber entwickelt sich das Verständnis für Handlungsgründe? Folgende Annahmen sollen mit Blickbewegungsstudien experimentell überprüft werden: Von 6-12 Monaten verstehen Kinder zielgerichtete Handlungen anderer als Regularitäten. In der experimentellen Situation erwarten Kinder daher, dass ein Agent sich so verhalten wird, wie er es häufig tut. Ab 18 Monate erwerben sie ein teleologisches Verständnis von Handlungen basierend auf der Bewertung von Zielen. Kinder erwarten nun begründete Verhaltensweisen, die zu einem als erstrebenswert bewerteten Zielzustand führen. Erst mit ca. 4 Jahren verstehen Kinder, dass intentionale Handlungen anderer durch subjektive Gründe motiviert sein können, d.h. sie erwarten, dass Agenten nach ihren subjektiven Überzeugungen handeln werden. (3) Albert Newen (Universität Bochum) und Josef Perner (Universität Salzburg) formulieren und überprüfen eine philosophische Theorie über die kognitive Architektur, die der Entwicklung des Verstehens von Überzeugungen und Gründen zugrunde liegt: Die Theorie mentaler Ordner (mental files) erklärt, wie unser Wissen über die Welt und Andere repräsentiert und strukturiert ist, und erklärt den Befund, dass Kinder zwischen 7 und 15 Monaten schon implizit falsche Überzeugungen anderer verstehen, aber erst mit 4 Jahren dieses Verständnis sprachlich explizit einsetzen können. Dieses ambitionierte Projekt liefert substanzielle und originelle Beiträge zu zentralen Debatten in der Philosophie des Geistes, Handlungstheorie und Kognitionswissenschaft der sozialen Kognition. Experten aus drei Ländern arbeiten eng zusammen in einer einzigartigen interdisziplinären Konstellation, aus der eine umfassende, begrifflich kohärente und empirisch bestätigte Theorie der Struktur und Entwicklung unseres Verstehens von Handlungen und Gründen gewonnen wird, die den Weg für weitere empirische Forschungen auf diesem Gebiet ebnet.
Wir erarbeiten und testen ein neues teleologisches Modell der Alltagspsychologie, das den vorherrschenden "Theory of Mind"-Ansatz ersetzen soll. Der Theorie-Ansatz erklärt Handlungen durch gesetzmäßige Verallgemeinerungen mit subjektive mentalen Zuständen. Die Teleologie sieht hingegen objektive Fakten als Gründe für Handlungen. Wir haben zwei Fälle unterschiedlicher Vorhersagen der Theorien untersucht: (i) Die Theory of Mind erklärt das Verhalten auf der Grundlage dessen, was Menschen erreichen wollen (Ziel) und welche Handlung ihrer Meinung nach zu diesem Ziel führt (instrumentelle Handlung). Ob wünschenswert oder nicht, spielt für das Ziel keine Rolle. Für die Teleologie muss das Ziel wünschenswert (gut) sein, sonst wäre es kein guter Grund, dafür zu arbeiten. Wenn ein Ziel erstrebenswert ist, gibt es auch Gründe, bei seiner Erreichung zu helfen. Kleinkinder bieten mit etwa 18 Monaten spontan Hilfe an und sollten folglich in diesem Alter die Wertigkeit von Zielen erkennen. Kleinkinder beobachteten einen scheinbar absichtlich agierenden und einen mechanisch rollenden Ball an unterschiedlichen Orten landen. Der Endpunkt des absichtlich handelnden Akteurs sollte für die älteren kinder interessanter sein, da sie für die Entscheidung des Balls einen Grund vermuten sollten. Dies sollte mit etwa 18 Monaten geschehen gemäß Teleologie; die Theorie des Geistes erwartet keine solche Zäsur. Unser Test erwies sich als unbefriedigend und bleibt im Aufbau begriffen. Allerdings ist es uns gelungen, Interpretationen bestehender Ergebnisse, die ein Zuschreiben von Zielen unterschiedlicher Güte implizieren, zu widerlegen. (ii) Wollen und Denken, mentale Zustände zentral für die Theory of Mind, werden als völlig individualistisch und subjektiv aufgefasst und müssen nicht von anderen geteilt werden. Die Teleologie sieht Kleinkinder als Teleologen mit objektiven Gründen einer gemeinsamen Welt. Erst mit der Fähigkeit, abweichende Perspektiven zu erkennen, kann Teleologie innerhalb verschiedener Perspektiven genutzt werden (Teleologie-in-Perspektive). Dies impliziert, im Gegensatz zur Theory of Mind, ein bestimmtes Alter, in dem Kinder subjektive Präferenzen und Überzeugungen zusammen mit anderen Formen der Perspektivenübernahme, z. B. Identitätsinformationen, verstehen können. Dies geschieht um 4 Jahre. Zur Präzisierung was eine Perspektive ausmacht, verwenden wir die Mental FilesTheorie. Jedes Mental FIle steht für ein Objekt oder Person. Zwei Files für dasselbe Objekt (koreferentielle Files) stellen unterschiedliche Perspektiven auf das Objekt dar. Wenn z.B. eine Person mit verschiedenen Namen bezeichnet wird, "die Lehrerin" und "Susies Mutter", entstehen zwei koreferentielle Files. Wenn man ihnen sagt, dass "Susies Mutter die Lehrerin ist" (Identitätsaussage), sind kleine Kinder ratlos, bevor sie verstehen, dass jemand etwas Falsches glaubt (z.B. dass die Schokolade im Kasten ist, während sie tatsächlich in der Schublade liegt). Hiebei werden koreferentielle Files für die Kodierung der unterschiedlichen (falschen) Perspektive benötigt. Wir konnten diesen Zusammenhang bestätigen, zeigen, dass die Schwierigkeiten der Kinder nicht an den sprachlichen Ausdruck der Identität gebunden sind, und die Bedingungen klären, unter denen koreferentielle Files eingesetzt werden.
- Universität Salzburg - 100%
- Johannes Rössler, Friedrich Schiller Universität Jena - Deutschland
- Hannes Rakoczy, Georg-August-Universität Göttingen - Deutschland
- Albert Newen, Ruhr Universität Bochum - Deutschland
- Tobias Schlicht, Ruhr Universität Bochum - Deutschland
- Brian Leahy, Universität Konstanz - Deutschland
- Francois Recanati, Collège de France - Frankreich
- Hans-Johann Glock, University of Zurich - Schweiz
- Maria Alvarez, King´s College London - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 178 Zitationen
- 14 Publikationen
- 3 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2020
Titel What’s in a Hub?—Representing Identity in Language and Mathematics DOI 10.1016/j.neuroscience.2020.02.032 Typ Journal Article Autor Arora A Journal Neuroscience Seiten 104-114 Link Publikation -
2022
Titel Minimal representations of possibility at age 3 DOI 10.1073/pnas.2207499119 Typ Journal Article Autor Leahy B Journal Proceedings of the National Academy of Sciences Link Publikation -
2022
Titel Developing Theory of Mind and Counterfactual Reasoning in Children DOI 10.1017/9781108399838.022 Typ Book Chapter Autor Perner J Verlag Cambridge University Press (CUP) Seiten 408-426 -
2022
Titel Why Do Children Who Solve False Belief Tasks Begin to Find True Belief Control Tasks Difficult? A Test of Pragmatic Performance Factors in Theory of Mind Tasks DOI 10.3389/fpsyg.2021.797246 Typ Journal Article Autor Schidelko L Journal Frontiers in Psychology Seiten 797246 Link Publikation -
2024
Titel Defining key concepts for mental state attribution DOI 10.1038/s44271-024-00077-6 Typ Journal Article Autor Quesque F Journal Communications Psychology Seiten 29 Link Publikation -
2021
Titel Mental Files and Teleology DOI 10.1007/978-3-030-51890-5_13 Typ Book Chapter Autor Perner J Verlag Springer Nature Seiten 257-281 -
2021
Titel Action anticipation based on an agent's epistemic state in toddlers and adults DOI 10.31234/osf.io/x4jbm Typ Preprint Autor Schuwerk T Link Publikation -
2023
Titel The knowledge ("true belief") error in 4-to 6-year-old children: When are agents aware of what they have in view? Typ Journal Article Autor Huemer Journal Cognition Seiten 105255 -
2022
Titel The knowledge (“true belief”) error in 4- to 6-year-old children: When are agents aware of what they have in view? DOI 10.1016/j.cognition.2022.105255 Typ Journal Article Autor Huemer M Journal Cognition Seiten 105255 Link Publikation -
2021
Titel Teleology first: Goals before knowledge and belief DOI 10.1017/s0140525x20001533 Typ Journal Article Autor Schlicht T Journal Behavioral and Brain Sciences -
2020
Titel Extended difficulties with counterfactuals persist in reasoning with false beliefs: Evidence for teleology-in-perspective DOI 10.1016/j.jecp.2020.105058 Typ Journal Article Autor Rafetseder E Journal Journal of Experimental Child Psychology Seiten 105058 Link Publikation -
2020
Titel Mental files: Developmental integration of dual naming and theory of mind DOI 10.1016/j.dr.2020.100909 Typ Journal Article Autor Doherty M Journal Developmental Review Seiten 100909 Link Publikation -
2019
Titel The role of the IPL in person identification DOI 10.1016/j.neuropsychologia.2019.03.019 Typ Journal Article Autor Tholen M Journal Neuropsychologia Seiten 164-170 Link Publikation -
2019
Titel Mistaken max befriends Duplo girl: No difference between a standard and an acted-out false belief task DOI 10.1016/j.jecp.2019.104756 Typ Journal Article Autor Priewasser B Journal Journal of Experimental Child Psychology Seiten 104756 Link Publikation
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2021
Titel Annual Distinguished Contribution Award, Developmental Section of the British Psychology Society. Typ Research prize Bekanntheitsgrad National (any country) -
2021
Titel Keynote at the Annual Meeting of the British Psychology Society Developmental Section Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country) -
2019
Titel Keynote address to the 16th European Congress of Psychology (ECP2019) in Moscow Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International