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Patientnnen und Passionen. Schmerz im Katholizismus 19. Jh.

Patients and Passions. Catholic Views on Pain 19th c.

Maria Heidegger (ORCID: 0000-0001-8671-6349)
  • Grant-DOI 10.55776/I3545
  • Förderprogramm Einzelprojekte International
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.04.2018
  • Projektende 30.06.2023
  • Bewilligungssumme 308.658 €
  • Projekt-Website

Bilaterale Ausschreibung: Belgien

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (60%); Philosophie, Ethik, Religion (10%); Soziologie (30%)

Keywords

    History Of Pain, Catholizism, Austria, History Of Medicine, Religion, 19th century

Abstract Endbericht

Die noch junge historische Forschung zum Phänomen Schmerz setzt sich zunehmend kritisch mit einer fortschrittlichen Geschichtserzählung der zunehmenden Verweltlichung und Medikalisierung des Schmerzes in der modernen Zeit auseinander. Im 19. Jahrhundert, so lautet diese Erzählung, habe der Schmerz seinen Status als Geschenk Gottes weitgehend verloren, sei etwas geworden, was man vermeiden müsse und dank medizinischen Fortschritts kontrollieren könne, man denke an die Erfindung der Anästhesie. Vor einem solchen Hintergrund erscheinen nicht wenige Frömmigkeitspraktiken innerhalb des Katholizismus des 19. Jahrhunderts als anachronistische Überbleibsel mittelalterlicher, Schmerz idealisierender Traditionen, Erben einer Zeit, als eine Passion für den Schmerz kultiviert wurde. Eine Einstellung, die nun zunehmend in Widerspruch mit den säkularen und medizinischen Auffassungen geriet. So aber, so die Ausgangsüberlegung des Projekts, lässt sich eine Geschichte des Schmerzes im Katholizismus nicht erzählen. Denn während gleichzeitig eine relativ schmale und elitäre Schicht eine entsprechende Passion pflegte, waren katholische Initiativen, karitative Organisationen und katholische Krankenhäuser sowie Orden, die sich der Krankenpflege widmeten, aktiv daran beteiligt, Schmerzen zu lindern. Das Projekt setzt sich daher zum Ziel, Fallbeispiele und Orte zu untersuchen, in denen eine katholische Idealisierung des Schmerzes und Versuche, Schmerzen zu vermindern, zur selben Zeit zirkulierten. Wir werden diese Koexistenz und Interaktion anhand verschiedener Personengruppen betrachten, primär in dem von Zeitgenossen mit dem Label heilig versehenen Land Tirol: Den Stigmatisierten, die eine Art Revitalisierung katholischer Frömmigkeitsformen personifizierten und als medizinische Ausnahmeerscheinungen diskutiert wurden, den PatientInnen von Landärzten, katholischen Krankenhäusern und dem 1830 eröffneten psychiatrischen Krankenhaus in Hall in Tirol, und den Angehörigen des Krankenpflegeordens der Barmherzigen Schwestern. Wir fragen danach, was KatholikInnen als emotionalen und/oder physischen Schmerz beschrieben, wie sie Schmerz interpretierten und ob diese Interpretation von neuen medizinischen Erkenntnissen beeinflusst war, sowie wie sie auf Schmerz reagierten mit Praktiken der Schmerzlinderung, Gebet oder auch Kultivierung des Schmerzes. Auf diese Weise möchten wir der für das 19. Jahrhundert immer noch oft behaupteten scharfen Differenzierung zwischen religiösen und medizinischen Auffassungen eine nuancierte und komplexere Lesart der Geschichte des Schmerzes entgegenstellen. Die Historisierung des Phänomens Schmerz und der Reaktionen auf Schmerzerfahrungen führt nicht zuletzt auch zu Fragen nach dem Mitgefühl und der Sympathie, zu ganz aktuellen Fragen danach, wessen Schmerzen wir überhaupt sehen und mit wem wir sympathisieren können.

Die Erzählung über den historischen Umgang mit Schmerz in katholischen Kontexten des 19. Jahrhunderts ist tendenziell eindimensional und sie beruht selten auf den Erzählungen jener Menschen, die Schmerz tatsächlich erfuhren oder sich mit den Schmerzen anderer konfrontiert sahen. Unterlegt wird dieser Erzählung oftmals die Vorstellung einer medizinischen Fortschrittsgeschichte und einer zunehmenden Medikalisierung und Verweltlichung von Schmerzerfahrungen. Erscheinungen, die innerhalb des Katholizismus des 19. Jahrhunderts besondere Berühmtheit erlangten, wie die stigmatisierten Jungfrauen, die den Schmerz Jesu Christi personifizierten und das Leid der Welt auf sich luden, werden beispielsweise vorschnell als Phänomene betrachtet, die eigentlich einer längst verschwundenen Zeit angehörten. Diese mystisch-mittelalterlichen, den Schmerz idealisierende Traditionen seien im 19. Jahrhundert zunehmend in Widerspruch mit den medizinisch-psychiatrischen Auffassungen geraten. Dieser Erzählung ist schwer etwas entgegenzusetzen, solange die historische Forschung in der Medizin- wie auch in der Religionsgeschichte nicht auch neue Quellen in den Archiven zu Rate zieht und der breiten Palette von Schmerzpraktiken und Ansichten über den Schmerz aus einer Perspektive auf gelebte Erfahrungen Aufmerksamkeit schenkt. Dann aber wird deutlich, wie widersprüchlich der Umgang mit Schmerz eigentlich gewesen ist. Das Projekt Patient:innen und Passionen an den Universitäten Innsbruck und Antwerpen liefert neue Einsichten in die Schmerzgeschichte, indem einerseits aus religionshistorischer Perspektive die Gruppe der stigmatisierten Frauen - deren es gerade in Tirol mehrere gab - und andererseits aus der Perspektive der Sozialgeschichte der Medizin die Gruppe der Patient:innen in den Blick genommen wurden. Ein dritter Schwerpunkt galt der großen, doch lange Zeit unterbeleuchteten Rolle der in der Krankenpflege tätigen katholischen Frauenkongregationen, allen voran die Barmherzigen Schwestern, ohne die eine Schmerzgeschichte des Katholizismus und eigentlich auch die Medizingeschichte des 19. Jahrhunderts nicht erzählt werden kann. Denn auch in katholischen Regionen zeigten immer nur vergleichsweise wenige Menschen eine besondere religiöse Passion für Schmerzen, viel mehr lag ihnen daran, ihre eigenen Schmerzen und die Schmerzen anderer zu lindern. Und neben dem Problem, wo und wie überhaupt Schmerz mitgeteilt, kultiviert oder unterdrückt wurde, drängte sich im Projektverlauf eine besonders dringliche und auch politisch relevante historische Fragestellung in den Vordergrund, nämlich wer für wen und wie Mitleid empfindet. Um diesen Fragen nachzugehen, hat das Forschungsteam Fallbeispiele und Orte untersucht, in denen eine katholische Idealisierung des Schmerzes und Versuche, Schmerzen zu vermindern, zur selben Zeit zirkulierten. Auf diese Weise kann nun der für das 19. Jahrhundert behaupteten scharfen Differenzierung zwischen religiösen und medizinischen Auffassungen eine nuancierte und komplexe Lesart der Schmerzgeschichte entgegengestellt werden.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Tineke Van Osselaer, Universiteit Antwerpen - Belgien

Research Output

  • 17 Publikationen
  • 4 Disseminationen
  • 3 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2023
    Titel Tracing Care Relationships in Psychiatry The Tyrolean Sisters of Charity in the Nineteenth and Early Twentieth Century
    DOI 10.13109/kize.2023.36.1.21
    Typ Journal Article
    Autor Heidegger M
    Journal Kirchliche Zeitgeschichte
  • 2023
    Titel Editorial
    DOI 10.57974/re:visit_2023_2.1
    Typ Other
    Autor Fürholzer K
    Link Publikation
  • 2023
    Titel In conversation with ... Katharina Sabernig
    DOI 10.57974/re:visit_2023_2.08
    Typ Other
    Autor Fürholzer K
    Link Publikation
  • 2023
    Titel In conversation with... Stefanie Jahn
    DOI 10.57974/re:visit_2023_2.07
    Typ Other
    Autor Heidegger M
    Link Publikation
  • 2020
    Titel „zur Erregung eines angenehmen Lebensgefühls“ (J. C. Reil). Therapeutische Konzepte von Sexualität in der frühen Psychiatrie
    DOI 10.1553/virus18s127
    Typ Journal Article
    Autor Heidegger M
    Journal VIRUS - Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin
    Seiten 127-148
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Patient*innen und Passionen. Eine Schmerzgeschichte des Katholizismus in Österreich im 19. Jahrhundert – Ein Kooperationsprojekt an den Universitäten Innsbruck und Antwerpen (2018–2022)
    DOI 10.1553/virus18s351
    Typ Journal Article
    Autor Heidegger M
    Journal VIRUS - Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin
    Seiten 351-359
    Link Publikation
  • 2023
    Titel "[] auch richtete man mit passenden Geigenvorstellungen etwas." Auf Spurensuche nach der Musikpraxis in der frühen Anstaltspsychiatrie
    DOI 10.1553/virus21s121
    Typ Journal Article
    Autor Heidegger M
    Journal VIRUS - Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin
  • 2024
    Titel "Nirgends sieht man Beistand". Sinnlich-emotionale Herausforderungen in der Pflege von Cholerakranken in den 1830er Jahren
    DOI 10.1553/virus22s089
    Typ Journal Article
    Autor Dietrich-Daum E
    Journal VIRUS - Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin
  • 2024
    Titel "Zur Warnung für Nichtkranke und zum Troste für Leidende". Die (Populäre) Oesterreichische Gesundheits-Zeitung, 1830-1840; In: Medizin in der deutschsprachigen periodischen Presse des langen 19. Jahrhunderts
    Typ Book Chapter
    Autor Heidegger Maria
    Verlag Peter Lang
  • 2024
    Titel "Aus Verdruß das Sacktuch klein zerschnitten". Wäsche, Bettzeug und Kleidung in österreichischen Heil- und Erziehungsanstalten des 19. Jahrhunderts; In: Geschlecht und Materialität. Historische Perspektiven auf Erziehung, Bildung und Sozialisation von der Antike bis zur Gegenwart
    Typ Book Chapter
    Autor Heidegger Maria
    Verlag transcript
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Der Teufel als Ohrwurm. Über das Spüren von Stimmen im Sinnesraum der Irrenanstalt
    Typ Journal Article
    Autor Heidegger M.
    Journal Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft / Austrian Journal of Historical Studies
    Seiten 55-75
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Lärm macht (Un-)Sinn. Resonanzen in der frühen Anstaltspsychiatrie
    Typ Journal Article
    Autor Heidegger M.
    Journal Re:visit. Humanities & Medicine in Dialogue
    Seiten 172-192
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Schmerz, Männlichkeit und Religion: Selbstbestrafungen im Fokus der Tiroler Psychiatrie im Vormärz
    Typ Journal Article
    Autor Heidegger M.
    Journal L' Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft
    Seiten 39-55
  • 2022
    Titel Editorial
    DOI 10.57974/re:visit_2022_1.01
    Typ Other
    Autor Fürholzer K
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Lärm macht (Un-)Sinn
    DOI 10.57974/re:visit_2022_1.09
    Typ Other
    Autor Heidegger M
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Der Teufel als Ohrwurm
    DOI 10.25365/oezg-2022-33-1-4
    Typ Other
    Autor Heidegger M
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Mustergültige Fälle. Josef Maschkas Sammlungen von gerichtsmedizinischen Fakultätsgutachten der Universität Prag (1853-1873)
    Typ Journal Article
    Autor Heidegger M.
    Journal Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft / Austrian Journal of Historical Studies
    Seiten 76-101
    Link Publikation
Disseminationen
  • 2020
    Titel Interview for national news
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
  • 2019 Link
    Titel workshop report
    Typ Participation in an activity, workshop or similar
    Link Link
  • 2020 Link
    Titel Online Article
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2020 Link
    Titel Project report
    Typ A magazine, newsletter or online publication
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2022
    Titel Editor of Scientific Journal
    Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2022
    Titel Lecture at the University of Kassel
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad National (any country)
  • 2022
    Titel Lecture at the University of Graz
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad National (any country)

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