Antiklassizismen im Cinquecento
Anticlassicisms in the Cinquecento
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Early modern literature,
Renaissance Studies,
Italian Studies,
16th century
Das Forschungsvorhaben Antiklassizismen im Cinquecento nimmt seinen Ausgang von der Feststellung, dass die italienische Literatur des 16. Jahrhunderts genuin durch Rückbezüge und Reflexionen auf die als vorbildhaft verstandene antike wie auch die klassische italienische Literatur des 14. Jahrhunderts gekennzeichnet ist. Aus ihnen resultiert das häufig verwendete Etikett des Renaissance-Klassizismus. De facto ist die in der literatur- und kulturhistorischen Darstellung und auch in der Forschung vorherrschende Konzentration auf diese klassizistische Ausrichtung der italienischen Literatur der Renaissance jedoch durchaus problematisch. Sie ignoriert häufig die Tatsache, dass es gleichzeitig explizit und implizit ebenso starke literarische Tendenzen gibt, diesem (literaturgeschichtlich in der Rückschau idealisierten) klassizistischen Rückbezug zu widersprechen, ihn unterlaufen, zu vermeiden, zu parodieren oder anderweitig außer Kraft zu setzen. Deutsche und österreichische ItalianistInnen, i.e. Prof. Dr. Marc Föcking (Hamburg), Univ.-Prof. Dr. Susanne Friede (Klagenfurt), Prof. Dr. Florian Mehltretter (München) und PD Dr. Angela Oster (München), wollen daher durch breit angelegte typologische Fallstudien anhand von unterschiedlichen Textgattungen erstmals die gesamte Skala der sehr unterschiedlichen Antiklassizismen untersuchen, und sie in ihrer Reichweite und Funktionsweise systematisch beschreiben. Idealisierende, nivellierende und normierende Vereinheitlichungen, wie sie nicht nur die moderne Literaturgeschichtsschreibung prägen, werden so korrigiert; es soll ein (Open-access-) Konzeptband zu den Antiklassizismen des 16. Jahrhunderts entstehen, der einen Blick auf die vielschichtigen antiklassizistischen Rückbezüge und Reflexionen der italienischen Literatur einer ganz anderen Renaissance eröffnet.
"My mistress' eyes are nothing like the sun" - mit dieser berühmten Aussage distanziert sich William Shakespeare von den Formeln der Liebesdichtung seiner Zeit (Sonett 130) und eröffnet eine Reflexion über Rhetorik und Wahrheit sowie über die Universalität versus Individualität des Schönen. Man kann diese Zeilen als barocke Volte lesen, aber auch als einen Akt der Opposition gegen die vermeintliche Vorherrschaft eines diskursiven Schemas oder (im weiteren Sinne) einer 'klassizistischen' Norm, in diesem Fall: des Petrarkismus. Vor allem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (aber nicht nur) sind solche Gesten zahlreich und richten sich gegen eine Reihe von normativen Tendenzen, die vom Petrarkismus bis zum Aristotelismus reichen. Einige dieser Diskurse sind gut erforscht, während andere eher unbekannt waren. Die fraglichen Phänomene waren noch nie in ihrer Gesamtheit Gegenstand einer systematischen Übersicht oder einer Typologie, die auf einen theoretischen Abstraktionsgrad abzielt. Hier hat das Projekt angesetzt. Das Projekt hat den Entwurf einer solchen Synthese für das italienische Cinquecento geleistet (und dabei erstmals einige der weniger bekannten Felder dieses Repertoires integriert), wohl wissend, dass es notwendigerweise manchmal unvollständig oder gar reduktionistisch verfahren musste. Es schlägt ein Modell vor, das vier Typen von 'Antiklassizismen' (daher der Plural im Titel) unterscheidet, die sich in ihrer Art und ihrem Gegenstand der Abweichung unterscheiden. Diese sind: expliziter Antiklassizismus, impliziter Antiklassizismus, alternativer Klassizismus und Paraklassizismus. Wenn es zutrifft, dass in der Frühen Neuzeit Normen und Regeln der Poetik als Elemente einer Pluralität erfahren und bewertet werden, erscheinen sowohl der vereinheitlichende Singularbegriff 'Klassizismus' als auch sein Gegenstück 'Antiklassizismus' anachronistisch und unangemessen. Beide Seiten des Gegensatzes sind zu 'pluralisieren'. Andererseits bleibt das Konzept der 'Pluralisierung' selbst hinter dem Anspruch der früheren Antiklassizismus-Forschung zurück, da es dazu neigt, die Antinomien und Hierarchien zwischen Modell und Gegenmodell, Original und Parodie usw., die dieses Feld kennzeichnen, und ihre möglichen Wechselbeziehungen zu nivellieren. Es lässt sie in einem homogenen Feld vielfältiger Möglichkeiten verschwinden. Folglich hat das Projekt Antiklassizismen und ihre klassizistischen Gegenstücke im Plural beschrieben, wobei die binären Beziehungen beibehalten wurden.
- Ruhr-Universität Bochum - 100%
- Angela Oster, Ludwig Maximilians-Universität München - Deutschland
- Florian Mehltretter, Ludwig Maximilians-Universität München - Deutschland
- Marc Föcking, Universität Hamburg - Deutschland
- Bianca Concolino Mancini, Université de Poitiers - Frankreich
Research Output
- 1 Publikationen
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2023
Titel A Companion to Anticlassicisms in the Cinquecento DOI 10.1515/9783110783438 Typ Book editors Föcking M, Friede S, Mehltretter F, Oster A Verlag De Gruyter