"Starke" vs. "schwache" Regierungen und die Herausforderung ökonomischer Reformen
"Strong" vs. "weak" governments and the challenge of economics reforms
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Politikwissenschaften (80%); Wirtschaftswissenschaften (20%)
Keywords
-
Government reform making,
Western Europe,
Socio-economic reforms,
Eastern Europe,
Policy Compromise
In diesem Projekt werden wirtschaftliche Reformen in 22 west- und osteuropäischen Ländern über einen Zeitraum von 30 Jahren untersucht (1980-2010). Es wird untersucht, welche Regierungen bereit und fähig sind, Reformen in den Bereichen der Wirtschafts- und Steuerpolitik sowie am Arbeitsmarkt und im Sozialbereich umzusetzen. Das Projekt geht dabei den Fragen nach, inwiefern die Zusammensetzung und Organisation von Regierungen (z.B. Interessenkonflikt zwischen Koalitionspartnern, Informationsvorteile der zuständigen Ressorts, und Macht von Premierministern) sowie das Umfeld der Regierung (weitere Institutionen und Akteure, sowie die wirtschaftliche Lage) Reformen erleichtern oder verhindern können. Für diesen Zweck wurden in den ersten beiden Projektphasen Informationen zu über 8.000 Reformvorhaben (z.B. Versprechen in offiziellen Regierungserklärungen) und zu mehr als 9000 tatsächlich umgesetzten Reformen gesammelt. Die gesammelten Daten beinhalten wichtige Informationen zur Richtung der Reformmaßnahmen (etwa ob eine bestimmte Steuer erhöht oder gesenkt wurde, etc.). Unsere Analysen zeigen, dass die inhaltlichen Positionen von Regierungsparteien, verantwortliche Minister sowie Premierminister großen Einfluss auf die Reformfähigkeit von Regierungen haben. Allerdings hängt deren Einfluss von der konkreten Regierungsform, den Kontrollmöglichkeiten von Parlamenten und den formalen Rechten von Premierministern ab. Darüber hinaus wird die tatsächliche Regierungspolitik vom Wahlzyklus beeinflusst indem bestimmte Reformen zeitlich strategisch umgesetzt werden. In der künftigen Förderperiode soll die Datenerhebung für alle acht osteuropäischen Länder abgeschlossen werden, wodurch sich die einzigartige Möglichkeit eröffnet, politische Theorien, die bislang meist in westlichen Ländern angewandt wurden, in einem neuen Kontext zu testen. Darüber hinaus sollen die Daten zeitlich erweitert werden, so dass eine vollständige Analyse des Umgangs von Regierungen mit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2008 in West- und Osteuropa möglich ist.
Die Politikwissenschaft und politische Beobachter haben seit jeher bestimmte Regierungsformen als "stark" (entscheidungsfähig, durchsetzungfähig) (insbesondere Einparteien-Mehrheitskabinette) und andere als "schwach" (Minderheitskabinette, Koalitionskabinette) angesehen. Das Projekt hat untersucht, ob die strukturellen Schwächen der Mehrparteienregierung (teilweise) durch Governance-Mechanismen der Koalition ausgeglichen werden können. Um die Stärke von Regierungen zu beurteilen, konzentrierte sich das Projekt auf ihre Bereitschaft, Fähigkeit und Strategien zur Einführung von Strukturreformen in den zentralen Bereichen der Sozial-, Arbeits-, Steuer- und Wirtschaftspolitik unter unterschiedlichen Akteurskonstellationen und institutionellen Bedingungen. Zu diesem Zweck hat das Projekt eine Datenbank zum tatsächlichen Reformverhalten von Regierungen aufgebaut, indem es die regelmäßigen Berichte der Economist Intelligence Unit (EIU) und die von der OECD herausgegebenen Länderberichte kodierte. Mehr als 14.000 wichtigen Reformmaßnahmen in den Bereichen Sozial-, Arbeits-, Wirtschafts- und Steuerpolitik in 14 west- und 8 osteuropäischen Ländern über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren (1980-2017) wurden erfasst und analysiert. Die Reformproduktivität ist höher, wenn Koalitionsregierungen auf einer schriftlichen Koalitionsvereinbarung basieren. Insbesondere begrenzen solche Vereinbarungen die negativen Auswirkungen kabinettinterner ideologischer Konflikte auf die Reformproduktivität. Ebenso wichtig ist der Zeitaufwand für Verhandlungen über die Bildung einer Koalition. Die Reformproduktivität ist unter jenen Koalitionsregierungen höher, deren Bildung über einen längeren Zeitraum verhandelt wurde. Die Verhandlungszeit mildert auch die negativen Auswirkungen ideologischer Konflikte innerhalb des Kabinetts auf die Reformproduktivität. Eine Analyse der Regierungserklärungen, des offiziellen Bekenntnisses eines Kabinetts zu einem politischen Programm für seine Amtsperiode, zeigt, dass Mehrheitsregierungen und Einparteienregierungen mehr Verpflichtungen zu konkreten politischen Maßnahmen vornehmen, als Minderheitskabinette bzw. Koalitionsregierungen. Die Ausstattung von Premierministern mit verfassungsmäßigen Befugnissen gegenüber ihren Kabinettsmitgliedern (das Recht, Minister zu ernennen und zu entlassen, Ressorts zuzuweisen und Ministerzuständigkeiten zuzuweisen, verbindliche Anweisungen an ihre Minister zu erteilen und die Tagesordnung des Kabinetts zu kontrollieren) und frühere Erfahrungen im Amt des Premierministers steigern die Reformproduktivität der Regierung. Generell nimmt die Bereitschaft, Austeritätsmaßnahmen einführen, zu Wahlen hin ab. Regierungen, die die Gelegenheit und Fähigkeit haben, den Zeitpunkt politische Entscheidungen strategisch zu setzen, nutzen das für die Einführung von Austeritätsmaßnahmen. Konkret sind das kompakte Mehrheitsregierungen (minimal-winning) und neue Regierungen und insbesondere neue Premierminister. Solche Regierungen führen Austeritätsmaßnahmen zu Beginn der Legislaturperiode ein. Dann können sie die Schuld für ihre Sparmaßnahmen glaubhaft auf die vorherige Regierung abwälzen, von der sie die Probleme geerbt haben, die nun durch unpopuläre Maßnahmen gelöst werden müssen. Koalitionsbildner sollten Koalitionsarchitekturen designen, in welchen die Instrumente zur gegenseitigen Kontrolle der Koalitionspartner komplementär und synergetisch eingesetzt werden. Rationale Parteien sollten effiziente oder zumindest effektive Governance-Architekturen aufbauen. Dennoch wählt die Mehrheit der Koalitionsregierungen eine Koalitionsarchitektur, die für die Bewältigung potenzieller Herausforderungen der Koalitionsregierung ineffektiv oder zumindest ineffizient zu sein scheint. Die Koalitionsregierungen, die sich für eine effektive Koalitionsarchitektur entschieden haben, sind langlebiger und dürften auch produktiver im Setzen von Policy-Maßnahmen sein (letztere Behauptung muss noch überprüft werden).
- Universität Wien - 100%
- Hanna Bäck, Lund University - Schweden
- Benjamin Nyblade, University of California at Davis - Vereinigte Staaten von Amerika
Research Output
- 146 Zitationen
- 14 Publikationen
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2024
Titel Government ideology and labour policy reform in good times and bad DOI 10.1080/13501763.2024.2382978 Typ Journal Article Autor Bergman M Journal Journal of European Public Policy -
2024
Titel Coalition Bargaining Time and Governments' Policy-Making Productivity Typ Journal Article Autor Bergman Journal European Journal of Political Research Seiten 1263-1285 Link Publikation -
2021
Titel How and why party position estimates from manifestos, expert, and party elite surveys diverge: A comparative analysis of the ‘left–right’ and the ‘European integration’ dimensions DOI 10.1177/1354068821990298 Typ Journal Article Autor Ecker A Journal Party Politics Seiten 528-540 Link Publikation -
2022
Titel Labour market policies and support for populist radical right parties: the role of nostalgic producerism, occupational risk, and feedback effects DOI 10.1017/s175577392200025x Typ Journal Article Autor Bergman M Journal European Political Science Review Seiten 520-543 Link Publikation -
2021
Titel Supplemental Material, sj-docx-1-ppq-10.1177_1354068821990298 - How and why party position estimates from manifestos, expert, and party elite surveys diverge. A comparative analysis of the 'left-right' and the 'European integration' dimensions DOI 10.25384/sage.13882572.v1 Typ Other Autor Ecker A Link Publikation -
2021
Titel Ministerial Autonomy, Parliamentary Scrutiny and Government Reform Output in Parliamentary Democracies DOI 10.1177/00104140211024312 Typ Journal Article Autor Bäck H Journal Comparative Political Studies Seiten 254-286 Link Publikation -
2021
Titel Austria: Phasing-Out Grand Coalition Government DOI 10.1093/oso/9780198868484.003.0003 Typ Book Chapter Autor Müller W Verlag Oxford University Press (OUP) Seiten 41-80 -
2019
Titel Electoral Cycles in Government Policy Making: Strategic Timing of Austerity Reform Measures in Western Europe DOI 10.1017/s0007123419000073 Typ Journal Article Autor Strobl D Journal British Journal of Political Science Seiten 331-352 Link Publikation -
0
Titel Coalition Bargaining Time and Governments' Policy-Making Productivity Typ Journal Article Autor Bergman Journal European Journal of Political Research -
2023
Titel Coalition agreements and governments' policy-making productivity DOI 10.1080/01402382.2022.2161794 Typ Journal Article Autor Angelova M Journal West European Politics -
2023
Titel Coalition dynamics: advances in the study of the coalition life cycle DOI 10.1080/01402382.2023.2249316 Typ Journal Article Autor Bäck H Journal West European Politics -
2017
Titel Veto player theory and reform making in Western Europe DOI 10.1111/1475-6765.12226 Typ Journal Article Autor Angelova M Journal European Journal of Political Research Seiten 282-307 Link Publikation -
2022
Titel Coalition Mood in European Parliamentary Democracies DOI 10.1017/s0007123421000739 Typ Journal Article Autor Imre M Journal British Journal of Political Science Seiten 104-121 Link Publikation -
2019
Titel The Political Dynamics of Portfolio Design in European Democracies DOI 10.1017/s0007123419000346 Typ Journal Article Autor Sieberer U Journal British Journal of Political Science Seiten 772-787 Link Publikation