Verteilungspräferenzen und Bedarfsgerechtigkeit im Netzwerk
Distributive Preferences and Need-based Justice in Networks
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (80%); Wirtschaftswissenschaften (20%)
Keywords
-
Justice,
Need,
Network,
Experiment
Netzwerkstrukturen beeinflussen die Möglichkeit, Bedarfsansprüche zu artikulieren, und die Macht, die eigenen Präferenzen durchzusetzen. Teilprojekt B1 Verteilungspräferenzen und Bedarfsgerechtigkeit in Netzwerken untersucht auf der Grundlage der sozialen Austauschtheorie, der Gerechtigkeitssoziologie und der Verhaltensökonomie Variationen der Anerkennung von Bedarfen in dyadischen Verhandlungen, in denen Zuteilungen an Mitglieder des Netzwerkes außerhalb der Dyade zulässig sind. In der ersten Projektphase zeigten wir an Hand von zwei Triaden dem Dreieck und der 3-Linie als Beispiele symmetrischer und asymmetrischer Machtverteilung, dass in Dyaden verhandelte Verteilungen tatsächlich Außenseiter einbeziehen und dass die Bereitschaft, dies zu tun, von den sozialen Werthaltungen der Beteiligten und der Machtstruktur abhängt. Wir konnten des Weiteren zeigen, dass die Probanden bei der Verteilung der Ressource heterogene Bedarfsschwellen beachten. In der zweiten Projektphase arbeiten wir weitere Dimensionen der Netzwerktransparenz (der verfügbaren Information über einen Knoten) aus, um Beschränkungen hinsichtlich der Reichweite der Bedarfsanerkennung zu untersuchen. Im ersten Schritt erkunden wir den Effekt der Netzwerktransparenz auf die Reichweite der Bedarfserfüllung, indem wir Heterogenität in zweierlei Weise einführen: Erstens erforschen wir die Anerkennung von Bedarfen, wenn die Probanden sich an der gemeinsamen Produktion der Ressource beteiligen, bevor sie bilateral über die Verteilung der Ressource verhandeln. Zweitens verwenden wir arbiträre Kriterien zur Bildung von Gruppenidentitäten, bevor die Probanden Netzwerken zugeordnet werden, in denen sie die Verteilung bilateral verhandeln. Im nächsten Schritt untersuchen wir den Effekt der Variation der Größe und der Dichte des Netzwerks auf die Anerkennung von Bedarfen. In einem dritten Experiment wird die Konflikthaftigkeit erhöht, indem die in der ersten Phase untersuchte Überflusssituation durch Knappheit ersetzt wird, wodurch mindestens ein Bedarfsanspruch nicht erfüllt werden kann. In einem letzten Schritt bearbeiten wir die Kongruenz von Einstellungen und Verhalten und untersuchen die Generalisierbarkeit der Laborbefunde, indem wir diese mit Umfragedaten vergleichen.
Entscheidungen über die Verteilung gemeinsamer Ressourcen benötigen zu ihrer Legitimierung die Bezugnahme auf ein Gerechtigkeitsprinzip. Unter der Prämisse der Egalität menschlicher Würde greifen die klassischen Kriterien der Gleichverteilung und der Verteilung nach Beitrag oder Leistung jedoch immer dann zu kurz, wenn das Ergebnis dazu führt, dass ein Einzelner seinen Bedarf nicht decken kann. Dies gilt für all jene, die einen überdurchschnittlichen Bedarf haben oder einen geringeren Beitrag leisten können, und bedeutet, dass diese Prinzipien um Bedarfe ergänzt werden müssen. Bedarfe sind heterogen, individuell und subjektiv. Des Weiteren ist oft nicht klar, was in einer bestimmten Gesellschaft als Bedarf gelten kann. Infolgedessen ist das Bedarfsprinzip manipulierbar, angreifbar und abhängig von durch Machtungleichheiten beeinflussten öffentlichen Diskursen. Das Projekt untersucht in sozialwissenschaftlichen Laborexperimenten, in welchem Ausmaß und unter welchen Bedingungen Bedarfe bei Verteilungsentscheidungen zum Tragen kommen. Analysiert werden Netzwerke, die aus drei Probanden bestehen, die durch bilaterale Kommunikationskanäle miteinander verbunden sind, über welche je nach realisierter Netzwerkstruktur Austausch möglich ist oder nicht. Die Probanden bekommen jeweils eine eigene Bedarfsschwelle zugewiesen, die durch den zugeteilten Anteil an der gemeinsamen Ressource überschritten werden muss, um an einer weiteren Stufe des Experiments teilnehmen zu können, in der individuell zusätzliches Einkommen generiert werden kann. Mit dieser Operationalisierung wird eine Bedingung geschaffen, die das Konzept der Teilhabefähigkeit unter Laborbedingungen umsetzt. Eine Entscheidung gilt dann als getroffen, wenn sich zwei der drei Probanden auf eine bestimmte Verteilung der gemeinsamen Ressource, die aus 24 Einheiten besteht, auf die drei Probanden einigen. Jede Verteilung realisiert dabei ein bestimmtes Gerechtigkeitsprinzip (z.B. Gleichheit 8-8-8). Die Experimente zeigen, dass mit steigender Höhe individueller Bedarfe die Wahrscheinlichkeit ihrer Befriedigung sinkt. Insbesondere stellt sich heraus, dass Bedarfe unterhalb der Gleichverteilung häufig und jene oberhalb selten erfüllt werden. Dieser Effekt wird durch Transparenz nochmals akzentuiert: Liegt die Bedarfsschwelle oberhalb der Gleichverteilung, sinkt die Wahrscheinlichkeit der Bedarfserfüllung gegen null, wenn die Höhe der Bedarfsschwelle den anderen nicht bekannt ist. Hingegen orientieren sich Allokationen an der Bedarfsschwelle, wenn deren Höhe bekannt ist, was bei niedrigen Bedarfen dazu führt, dass Allokationen im Vergleich zur Situation mit unbekannten Bedarfen sinken. Ein dritter Faktor ist die Gruppenzugehörigkeit: Die Bedarfe von Außenseitern werden vor allem dann selten gedeckt, wenn sie über der Gleichverteilung liegen. Weitere Befunde zeigen, dass eigennutzeninteressierte Probanden sich bei der Bestimmung der Bedarfsbefriedigung dritter gegenüber stärker sozialorientierten Probanden durchsetzen und dass Bedarfe eher befriedigt werden, wenn sie artikuliert und begründet werden können.
- Universität Wien - 100%
- Stefan Traub, Helmut-Schmidt Universität Hamburg - Deutschland
- Tanja Pritzlaff, Universität Bremen - Deutschland
- Kai-Uwe Schnapp, Universität Hamburg - Deutschland
Research Output
- 63 Zitationen
- 16 Publikationen
- 3 Datasets & Models
- 2 Disseminationen
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2018
Titel Offers beyond the negotiating dyad: Including the excluded in a network exchange experiment DOI 10.1016/j.ssresearch.2018.10.014 Typ Journal Article Autor Schwaninger M Journal Social Science Research Seiten 258-271 -
2019
Titel Fairness in Bargaining: How Self-selected Frames Affect the Fairness of Negotiation Outcomes DOI 10.1007/978-3-658-23997-8_1 Typ Book Chapter Autor Hagauer H Verlag Springer Nature Seiten 3-31 -
2022
Titel Sharing with the powerless third: Other-regarding preferences in dynamic bargaining DOI 10.1016/j.jebo.2022.03.002 Typ Journal Article Autor Schwaninger M Journal Journal of Economic Behavior & Organization Seiten 341-355 -
2022
Titel Making and breaking coalitions: Strategic sophistication and prosociality in majority decisions DOI 10.1016/j.ejpoleco.2021.102064 Typ Journal Article Autor Sauermann J Journal European Journal of Political Economy Seiten 102064 -
2024
Titel More Satisfaction, Less Equality. Distributive Effects of Transparent Needs in a Laboratory Experiment DOI 10.17605/osf.io/3utxm Typ Other Autor Kittel B Link Publikation -
2024
Titel The Social Recognition of Needs DOI 10.1007/978-3-031-53051-7_4 Typ Book Chapter Autor Kittel B Verlag Springer Nature Seiten 97-124 -
2024
Titel Priority of Needs?, An Informed Theory of Need-based Justice DOI 10.1007/978-3-031-53051-7 Typ Book editors Kittel B, Traub S Verlag Springer Nature -
2024
Titel Conclusion: Elements of a Theory of Need-Based Justice DOI 10.1007/978-3-031-53051-7_11 Typ Book Chapter Autor Kittel B Verlag Springer Nature Seiten 291-321 -
2024
Titel Why Prioritize Needs? DOI 10.1007/978-3-031-53051-7_1 Typ Book Chapter Autor Kittel B Verlag Springer Nature Seiten 1-23 -
2024
Titel More Satisfaction, Less Equality: Distributive Effects of Transparent Needs in a Laboratory Experiment DOI 10.1007/s11211-024-00434-0 Typ Journal Article Autor Kittel B Journal Social Justice Research Seiten 122-148 Link Publikation -
2021
Titel Peers for the Fearless: Social norms facilitate preventive behaviour if individuals perceive low COVID-19 health risks DOI 10.31235/osf.io/q9b23 Typ Preprint Autor Kittel B -
2020
Titel Need-Based Distributive Justice, An Interdisciplinary Perspective DOI 10.1007/978-3-030-44121-0 Typ Book editors Traub S, Kittel B Verlag Springer Nature -
2020
Titel Need-Based Justice: A Sociological Perspective DOI 10.1007/978-3-030-44121-0_4 Typ Book Chapter Autor Kittel B Verlag Springer Nature Seiten 91-131 -
2020
Titel The impact of need on distributive decisions: Experimental evidence on anchor effects of exogenous thresholds in the laboratory DOI 10.1371/journal.pone.0228753 Typ Journal Article Autor Kittel B Journal PLOS ONE Link Publikation -
2022
Titel Solidarity with Third Players in Exchange Networks: A Replication Study DOI 10.1007/978-3-658-35878-5_5 Typ Book Chapter Autor Neuhofer S Verlag Springer Nature Seiten 109-136 -
2022
Titel Bedarfsgerechtigkeit oder unbedingtes Grundeinkommen? Ergebnisse aus Laborexperimenten; In: Gesellschaft und Politik verstehen. Frank Nullmeier zum 65. Geburtstag Typ Book Chapter Autor Kittel B Verlag Campus Seiten 157-172 Link Publikation
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2021
Link
Titel Solidarity with Third Players in Exchange Networks: A Replication Study DOI 10.23663/x2678 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2020
Link
Titel The impact of need on distributive decisions: Experimental evidence on anchor effects of exogenous thresholds in the laboratory DOI 10.23663/x2641 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link -
2020
Link
Titel Offers beyond the negotiating dyad: Including the excluded in a network exchange experiment DOI 10.23663/x2626 Typ Database/Collection of data Öffentlich zugänglich Link Link