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Vom Land ans Meer: die evolutionäre Besiedelung der Gezeiten

From land to sea: evolutionary domain transitions in marine

Tobias Pfingstl (ORCID: 0000-0002-0778-8051)
  • Grant-DOI 10.55776/I3815
  • Förderprogramm Einzelprojekte International
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.08.2018
  • Projektende 31.01.2022
  • Bewilligungssumme 241.853 €
  • Projekt-Website

Bilaterale Ausschreibung: Japan

Wissenschaftsdisziplinen

Biologie (100%)

Keywords

    Evolution, Biogeography, Ecology, Acari, Littoral, Functional morphology

Abstract Endbericht

Hornmilben sind vorwiegend landbewohnende Arten und die Mehrheit lebt im Boden, der Laubstreu, den Bäume und Baumkronen. Die Überfamilie der Ameronothroidea jedoch hat es geschafft Küstenzonen weltweit erfolgreich zu besiedeln, wobei einzelne Mitglieder dieser Gruppe nur auf bestimmte Klimazonen der Erde beschränkt sind. Obwohl diese Tiere in dieser extremen Umwelt leben und täglich der Flut ausgesetzt sind, atmen sie noch immer Luft und sehen auf den ersten Blick wie typische Landbewohner aus. Warum, wie und wann diese Milben die marine Gezeitenzone evolutionär besiedelt haben ist unklar, aber aufgrund ihres meergebundenen Lebensstiles nahm man an, dass alle Familien dieser Gruppe von einem Vorfahren abstammen und deshalb fasste man sie in der Überfamilie der Ameronothroidea zusammen. Manche Autoren glauben, dass Eiszeiten und Vergletscherungen die Milben an die Küsten getrieben haben, andere wiederum glauben dass eine erhöhte Konkurrenz Grund für eine Abwanderung war. Wie auch immer, bei Wirbeltieren scheinen Massensterben und umfassende Veränderungen von Umweltbedingungen den Wechsel von einem Lebensraum in einen anderen verursacht zu haben und dasselbe könnte auf die Milben zutreffen. Basierend auf dem bisherigen Wissen über Anatomie und die Biogeographie dieser Milben werden folgende Hypothesen vorgeschlagen: (I) der Land-Meer Übergang fand unabhängig voneinander in unterschiedlichen Klimazonen statt und (II) die polaren Gezeitenmilben stammen von terrestrischen Vorfahren ab, die die Küstenlinien nach und nach direkt besiedelt haben, während die tropischen Vertreter von aquatischen Gruppen abstammen, die über Brackwasserlebensräume, wie z.B. Flussmündungen, in die Gezeitenzone abgewandert sind Ziel dieses Gemeinschaftsprojektes ist es die Evolution dieser Tiergruppe zu rekonstruieren und zu zeigen wie die Küsten besiedelt wurden, wann dies stattfand und was diesen Lebenswandel verursacht hat. Zusätzlich werden morphologische und ökologische Anpassungen und mögliche Voranpassungen für ein Leben in der Gezeitenzone, wie z. B. Plastronstrukturen die eine Atmung unter Wasser erlauben, im Detail untersucht. Österreichische Forscher werden die evolutionäre Geschichte dieser Gruppe mit anatomischen und molekulargenetischen Daten rekonstruieren, während japanische Wissenschaftler umfassende ökologische und biogeographische Untersuchungen sowie Laborexperimente durchführen werden, um ursprüngliche Eigenschaften und Anpassungen an den Lebensraum Meeresküste herauszufinden. Tobias Pfingstl, ein Spezialist für die Biologie und die Systematik dieser Gezeitenmilben, wird das Projekt in Österreich leiten und Satoshi Shimano, ein Experte für mikrobielle Ökologie und angewandte Bodenzoologie, wird die Forschungsarbeit in Japan betreuen. Die Kombination der Resultate beider Seiten soll die oben genannten Fragen eindeutig beantworten und einen umfassenden Einblick in die Evolution dieser Tiere geben.

In diesem Gemeinschaftsprojekt zwischen Österreich und Japan wurden die Biogeographie und die evolutionäre Geschichte von an japanischen Küsten lebender Milben untersucht. Es konnten insgesamt fünf neue Arten beschrieben werden, wobei eine der Arten sogar über die soziale Medienplattform Twitter entdeckt wurde. Aufgrund seiner ungewöhnlichen Entdeckungsgeschichte wurde diese Art, die Twittermilbe, auch zu den top-zehn interessantesten neu entdeckten marinen Arten von 2021 gewählt. Diese Funde tragen zur Biodiversitätsforschung bei und zeigen wieviele Arten selbst in unserer modernen Zeit vermutlich noch unentdeckt sind. Die vorgefundenen Verwandschaftsgruppen zeigen darüberhinaus ein klares klimabedingtes Verbreitungsmuster. Die eine Gruppe, auch Ameronothridae genannt, kommt eher im kälteren Norden der japanischen Inseln vor, wo eine durchschnittliche Jahrestemperatur von 17C nicht überschritten wird. Zwei andere Gruppen, die Fortuyniidae und Selenoribatidae hingegen, kommen nur in Regionen vor wo dieses Jahresmittel von 17C überschritten wird, also eher auf den subtropischen südlichen Inseln Japans. Durch genetische Untersuchungen konnte auch gezeigt werden, dass die Milbenpopulationen, die heute auf verschiedenen Inseln vorkommen und getrennt sind, sich aufgrund des stark gesunkenen Wasserspiegels während der letzten großen Eiszeit (vor ca. 22000 Jahren) großflächig zwischen den Inseln ausbreiten und vermischen konnten. Klimatische Veränderungen haben also einen direkten und nachweisbaren Einfluss auf die Verbreitung dieser Tiere und somit eignen sich diese Organismen auch gut die Folgen des globalen Klimawandels zu beobachten und sogar vorherzusagen. Im Verlauf dieses Projektes wurden auch die Krallen dieser Tiere untersucht und es konnte gezeigt werden, dass die Krallenform stark mit dem Lebensraum der Tiere zusammenhängt. Die Tiere sind tagtäglich den Gezeiten und der Brandung ausgesetzt und, um nicht fortgeschwemmt zu werden, haben sie spezielle Krallenformen entwickelt. Zum Beispiel haben Arten die auf felsigen Küsten leben kräftigere und stärker gebogene Krallen, während Arten die auf weicherem Untergrund leben, also etwa in Mangrovenwäldern, eher schwächere und weniger gebogene Krallen besitzen. Dieser einfache Zusammenhang zwischen Krallenform und Untergrund bzw. Lebensraum könnte in der Zukunft auch in der Technik Anwendung finden, zum Beispiel beim Bau von mehrbeinigen Robotern oder Drohnen die sich in unwirtlichem Gelände fortbewegen müssen. Die Vielfalt dieser kleinen an den Küsten lebender Milben ist also noch weitgehend unbekannt und läuft Gefahr noch auszusterben bevor sie jemals entdeckt wurde. Dabei könnten diese unscheinbaren Tiere sehr wertvoll für uns Menschen sein, denn sie eignen sich als gute Anzeiger für klimatische Veränderungen und einige ihrer anatomischen Eigenschaften könnten auch im Bereich der Bionik noch genutzt werden.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Graz - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Satoshi Shimano, Hosei University National Museum - Japan
  • Valerie Behan-Pelletier, Agriculture and Agri-Food Canada - Kanada
  • Ekaterina Sidorchuk, Russian Academy of Science - Russland
  • Elizabeth Hugo-Coetzee, National Museum - Südafrika
  • Peter Convey, Natural Environment Research Council - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 88 Zitationen
  • 13 Publikationen
  • 1 Datasets & Models
  • 2 Disseminationen
  • 3 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2023
    Titel Coastal oribatid mites (Acari) from New Zealand: new morphological, ecological, and developmental data
    DOI 10.1080/01647954.2023.2284310
    Typ Journal Article
    Autor Pfingstl T
    Journal International Journal of Acarology
    Seiten 422-439
    Link Publikation
  • 2024
    Titel Mitochondrial metagenomics reveal the independent colonization of the world’s coasts by intertidal oribatid mites (Acari, Oribatida, Ameronothroidea)
    DOI 10.1038/s41598-024-59423-7
    Typ Journal Article
    Autor Pfingstl T
    Journal Scientific Reports
    Seiten 11634
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Another mite species discovered via social media - Ameronothrus retweet sp. nov. (Acari, Oribatida) from Japanese coasts, exhibiting an interesting sexual dimorphism
    DOI 10.1080/01647954.2022.2074538
    Typ Journal Article
    Autor Pfingstl T
    Journal International Journal of Acarology
    Seiten 348-358
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Get a grip—evolution of claw shape in relation to microhabitat use in intertidal arthropods (Acari, Oribatida)
    DOI 10.7717/peerj.8488
    Typ Journal Article
    Autor Pfingstl T
    Journal PeerJ
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Systematics, distribution and morphology of the newt parasitic water mites of the subgenus Lurchibates Goldschmidt amp; Fu, 2011 (Acari, Hydrachnidia, Hygrobatidae, Hygrobates Koch, 1837), including the description of four new species and a key to al
    DOI 10.11646/zootaxa.4985.1.1
    Typ Journal Article
    Autor Goldschmidt T
    Journal Zootaxa
    Seiten 136
  • 2021
    Titel Juvenile morphology of seven intertidal mite species (Acari, Oribatida, Ameronothroidea) from the East Asian region
    DOI 10.1080/01647954.2021.1965656
    Typ Journal Article
    Autor Pfingstl T
    Journal International Journal of Acarology
    Seiten 536-554
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Systematics, genetics, and biogeography of intertidal mites (Acari, Oribatida) from the Andaman Sea and Strait of Malacca
    DOI 10.1111/jzs.12244
    Typ Journal Article
    Autor Pfingstl T
    Journal Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research
    Seiten 91-112
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Biodiversity, Biology and Evolution of marine associated mites (Acari, Oribatida)
    Typ Postdoctoral Thesis
    Autor Tobias Pfingstl
  • 2019
    Titel First record of the family Ameronothridae (Acari: Oribatida) from Japan – new species, juvenile morphology, ecology and biogeographic remarks
    DOI 10.1080/01647954.2019.1629624
    Typ Journal Article
    Autor Pfingstl T
    Journal International Journal of Acarology
    Seiten 315-327
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Biogeography and climate related distribution of intertidal oribatid mites (Acari, Ameronothroidea) from the Japanese islands - a short review.
    Typ Journal Article
    Autor Hiruta S.F.
    Journal Edaphologia
    Seiten 27-37
  • 2021
    Titel Geological and paleoclimatic events reflected in phylogeographic patterns of intertidal arthropods (Acari, Oribatida, Selenoribatidae) from southern Japanese islands
    DOI 10.1111/jzs.12480
    Typ Journal Article
    Autor Pfingstl T
    Journal Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research
    Seiten 1273-1296
    Link Publikation
  • 2021
    Titel Ameronothrus twitter sp. nov. (Acari, Oribatida) a New Coastal Species of Oribatid Mite from Japan
    DOI 10.12782/specdiv.26.93
    Typ Journal Article
    Autor Pfingstl T
    Journal Species Diversity
    Seiten 93-99
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Phylogeographic patterns of intertidal arthropods (Acari, Oribatida) from southern Japanese islands reflect paleoclimatic events
    DOI 10.1038/s41598-019-55270-z
    Typ Journal Article
    Autor Pfingstl T
    Journal Scientific Reports
    Seiten 19042
    Link Publikation
Datasets & Models
  • 2019 Link
    Titel Get a grip - evolution of claw shape in relation to microhabitat use in intertidal arthropods (Acari, Oribatida)
    DOI 10.5061/dryad.0gb5mkkxc
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link
Disseminationen
  • 2022 Link
    Titel Contribution to international news
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
  • 2021 Link
    Titel Contribution to international news
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
    Link Link
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2022
    Titel Scientific editor
    Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2021
    Titel Editor for the World Register of Marine Species (WoRMS)
    Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2019
    Titel DOC-fellowship of the Austrian Academy of Sciences
    Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society
    Bekanntheitsgrad National (any country)
Weitere Förderungen
  • 2020
    Titel Claw morphology and its ecological relevance in arthropods
    Typ Other
    Förderbeginn 2020
  • 2019
    Titel Biodiversity and climate related distribution of intertidal oribatid mites (Acari, Oribatida) from South African shores
    Typ Travel/small personal
    Förderbeginn 2019

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