Europas Forschungsinfrastrukturen - Akteure der Integration
Making Europe through and for its Research Infrastructures
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (70%); Geschichte, Archäologie (10%); Soziologie (20%)
Keywords
-
Sociotechnical Imaginaries,
Research Infrastructures,
European research cooperation,
Epistemic Communities,
Coproduction,
European integration
Das Projekt Europa befindet sich derzeit in einer Krise. BürgerInnen bringen zunehmend ihre Skepsis gegenüber dem Wert der transnationalen Zusammenarbeit zum Ausdruck und die Europäische Union ist, auch aufgrund der Ablehnung gemeinsamer Lösungen durch einzelne Mitgliedsstaaten, mit komplexen Problemen konfrontiert. Gleichzeitig scheint sich die von der Öffentlichkeit weit weniger wahrgenommene grenzüberschreitende wissenschaftliche Zusammenarbeit in Europa problemlos weiter zu entwickeln. Dies ist bemerkenswert, da sich das Projekt der wissenschaftlichen Integration in der Vergangenheit meist Hand in Hand mit dem derzeit wesentlich umstritteneren politischen und wirtschaftlichen Integrationsprojekt Europas entwickelte. Bislang gibt es wenig Forschung, die die Verbindung von politischer und wissenschaftlicher Integration über die Zeit und über unterschiedliche politische und wissenschaftliche Agenden hinweg systematisch untersucht. Ziel dieses Forschungsprojekts ist es, einen Beitrag zur Schließung dieser Lücke zu leisten. Konkret soll die Koproduktion von europäischer Integration und europäischer Wissenschaft anhand von vier Fallstudien bedeutender transnationaler europäischer Forschungsinfrastrukturen (TEFIs) untersucht werden: dem Centre Européen pour la Recherche Nucléaire (CERN; 1954), der European Space Agency (ESA; 1975), dem Laserlab Europe (LLE; 2001), und der Biobanking and BioMolecular Research Infrastructure (BBMRI; 2008). Das Projekt erforscht, welche Visionen und Modelle europäischer Integration TEFIs jeweils verkörpern und wie diese ihrerseits als Instrumente der europäischen Integration operieren. Dabei erforscht es etwa, wie sich Veränderungen in der Vision für Europa seit dem 2. Weltkrieg auf die Gründung, die institutionelle Ausgestaltung und die gesellschaftliche Positionierung von TEFIs auswirken. Konzeptionell baut das Projekt auf Ansätzen aus der Wissenschafts- und Technikforschung (STS) auf. Es versteht TEFIs als sozio-technische Integrationsmaschinen, die breitere Prozesse der europäischenIntegration fördern,indem sieverschiedene wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Elemente miteinander in Beziehung setzen. TEFIs sind somit einerseits geprägt durch sich wandelnde politische Visionen und Integrationspraxen in Europa, gleichzeitig aber auch selbst wichtige Akteure bei der Ausgestaltung und Stabilisierung des Projekts Europa. Wir untersuchen die Entstehung und Entwicklung von TEFIs mit Hilfe eines vergleichenden interpretativ-analytischen Ansatzes. Wir versuchen die Verstrickungen des Wissenschaftlichen und des Gesellschaftspolitischen durch umfangreiche Feldarbeit an jedem der TEFIs aufzuspüren. Dabei fokussieren wir auf jene Momente im Leben eines TEFI, in denen diese Verstrickungen klarer auszumachen sind. Neben der jeweiligen Gründungsphase zählen dazu bedeutende Moment der Transformation und Momente der Erinnerung, wie Gedenkfeiern. Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie TEFIs nicht nur das Ergebnis einer sich wandelnden europäischen Gesellschaft sind, sondern auch bestimmte Funktionen in den Integrationsbemühungen Europas einnehmen. Das Projekt könnte potenziell auch wertvolle Anstöße für ein Nachdenken über die Herausforderungen der politischen und sozialen Integration liefern.
Das Projekt Europa wird derzeit vielfach als in einer Krise befindlich wahrgenommen. Bürger*innen sind zunehmend skeptisch gegenüber dem Wert der transnationalen Zusammenarbeit, und die Europäische Union ist, auch aufgrund der Ablehnung gemeinsamer Lösungen durch einzelne Mitgliedsstaaten, mit komplexen Problemen konfrontiert. Im Gegensatz dazu scheint die wissenschaftliche Zusammenarbeit in Europa zu florieren. Diese Diskrepanz ist bemerkenswert, da sich das Projekt der wissenschaftlichen Integration in der Vergangenheit meist Hand in Hand mit dem derzeit wesentlich umstritteneren politisch-wirtschaftlichen Integrationsprojekt Europas entwickelte. Ziel dieses Forschungsprojekts war es daher, die komplexe Beziehung zwischen technisch-wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Integration in Europa zu untersuchen, wobei transnationale europäische Forschungsinfrastrukturen als ideale Orte zur Beobachtung dieser Prozesse genutzt wurden. Drei Fallbeispiele von europäischen Forschungsinfrastrukturen wurden vom Team der Universität Wien genauer untersucht: CERN (Europäische Organisation für Kernforschung, gegründet 1954), ESA (Europäische Weltraumorganisation, gegründet 1975) und BBMRI-ERIC (Netzwerk von Biobanken, gegründet 2008/2013). Sie wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten ins Leben gerufen und verfügen über sehr verschiedene Organisationsstrukturen, was uns ermöglichte besser zu erkennen, wie jede Forschungsinfrastruktur für eine spezifische Vision europäischer Integration steht - und umgekehrt, wie sie zu bestimmten Dimensionen dieser Integration beiträgt. Alle drei Fallstudien zeigten auf unterschiedliche Weise, dass Forschungsinfrastrukturen viel mehr sind als bloße Unterstützungsstrukturen der Forschung. Im Laufe ihrer Geschichte verkörpern und symbolisieren diese Infrastrukturen spezifische Visionen der Beziehung zwischen Wissenschaft und Europa. Der Fall des CERN als älteste europäische Forschungsinfrastruktur hat die Veränderungen dieser Beziehung im Laufe der Zeit deutlich gemacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte CERN eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau Europas. Doch ab den 1980er Jahren, als Europa als stabile politische Einheit betrachtet werden konnte, verlagerte das CERN seinen Schwerpunkt auf die Gestaltung der internationalen Wissenschaft aus einer europäischen Perspektive, und förderte insbesondere die Idee europäischer Werte, die die Forschung leiten sollten. Der Fall von BBMRI-ERIC, einer relativ neuen Initiative, liegt hier grundlegend anders. Es erwies sich als Herausforderung, ein europäisches Netzwerk nationaler Netzwerke von Biobanken zu schaffen und nicht eine technologiezentrierte Infrastruktur, insbesondere aufgrund der vielfältigen Arten und Weisen wie die Vision eines europäischen Netzwerks in die lokale Realität umgesetzt wurde. Der Aufbau einer solchen Forschungsinfrastruktur erforderte nicht nur die Angleichung der Forschungspraktiken an vielen verschiedenen und unabhängigen Standorten, sondern auch eine gemeinsame Vision davon zu entwickeln, was es bedeutet, eine Europäische Infrastruktur zu sein. Schließlich veranschaulichte die Untersuchung von ESA am deutlichsten die Verflechtung von Wissenschaft und Geopolitik im europäischen Kontext. Sie zeigte, wie die Ziele und Governance-Systeme der europäischen Weltraumaktivitäten die wachsende Bedeutung des Weltraums für die Gewährleistung der Sicherheit Europas widerspiegeln. Im Wesentlichen zeigt unsere Forschung enge Verknüpfung zwischen technisch-wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Integration in Europa. Forschungsinfrastrukturen sind daher immer auch ein Ausdruck der Vision Europas und tragen auf vielfältige, oft unsichtbare Weise aktiv zum Projekt der europäischen Integration bei.
- Universität Wien - 100%
- Sebastian Pfotenhauer, Technische Universität München - Deutschland
Research Output
- 13 Zitationen
- 9 Publikationen
- 2 Disseminationen
- 3 Weitere Förderungen
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2025
Titel Mapping materials, drawing Europe: Sample and data quality and accessibility in the biobanking infrastructure BBMRI-ERIC DOI 10.1177/20539517241303128 Typ Journal Article Autor Aarden E Journal Big Data & Society -
2022
Titel On the Entanglement of Science and Europe at CERN: The Temporal Dynamics of a Coproductive Relationship DOI 10.1080/09505431.2022.2076586 Typ Journal Article Autor Mobach K Journal Science as Culture Seiten 382-407 Link Publikation -
2023
Titel Infrastructuring European scientific integration: Heterogeneous meanings of the European biobanking infrastructure BBMRI-ERIC DOI 10.1177/03063127231162629 Typ Journal Article Autor Aarden E Journal Social Studies of Science -
2023
Titel A Rocket to Protect? Sociotechnical Imaginaries of Strategic Autonomy in Controversies About the European Rocket Program DOI 10.1080/14650045.2023.2177157 Typ Journal Article Autor Klimburg-Witjes N Journal Geopolitics -
2023
Titel Datafying relations, relationalising data DOI 10.25365/thesis.73096 Typ Other Autor Winkler A Link Publikation -
2022
Titel Accelerating futures DOI 10.25365/thesis.72715 Typ Other Autor Münster N Link Publikation -
2022
Titel Accelerating futures - tracing expectations of a particle accelerator in the making Typ Other Autor Münster -
2023
Titel Datafying relations, relationalising data: investigating forms of togetherness at the CERN open data portal. Typ Other Autor Winkler -
2021
Titel Shifting articulations of space and security: boundary work in European space policy making DOI 10.1080/09662839.2021.1890039 Typ Journal Article Autor Klimburg-Witjes N Journal European Security Seiten 526-546 Link Publikation
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2022
Titel Sommerakademie 2022 Pro Scientia Typ A talk or presentation -
2023
Titel We organised an International Workshop "Revaluing European Research Infrastructures - Knowledge, Innovation and the Public Good" Typ Participation in an activity, workshop or similar
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2023
Titel Wolfgang-Gentner PhD Scholarship for Winkler Antonia Typ Fellowship Förderbeginn 2023 Geldgeber German Federal Ministry of Education and Research CERN Information Services -
2023
Titel Innovation Residues - Modes and infrastructures of caring for our longue-durée environmental futures (INNORES); ERC Advanced Grant Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2023 Geldgeber European Research Council (ERC) -
2023
Titel Nina Klimburg Witjes: ERC Starting Grant; Making the Ariane Rocket: Negotiating relations between European integration and the future of Europe in space. Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2023 Geldgeber European Research Council (ERC)