Die soziale Nachjustierung des erweiterten Binnenmarkts
Rebalancing the Enlarged Single Market
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Politikwissenschaften (100%)
Keywords
-
Judicial Politics,
Social Protection,
Single Market,
Negative and positive integration,
European Union,
Implementation
Durch die Erweiterung nach Osten hat sich die sozio-ökonomische Heterogenität in der Europäischen Union enorm verstärkt. Mit der übergangsweisen Aussetzung der Arbeitnehmerfreizügigkeit in den alten Mitgliedstaaten sollte der Gefahr eines Sozialdumpings über Lohnkonkurrenz vorgebeugt werden. Dies konnte aber den Druck über die Entsendung von Arbeitnehmern und die Dienstleistungsfreiheit nicht verhindern. In Großbritannien, das die Übergangsfrist nicht nutzte, hat die Politisierung der Zuwanderung aus den neuen Mitgliedstaaten sogar wesentlich zur Entscheidung beigetragen, aus der EU auszutreten. So sind die Folgen der innereuropäischen Arbeitsmigration für die EU zu einem hochpolitischen Thema geworden. Dies zeigt sich an dem Vorstoß des französischen Präsidenten Macron, über eine Reform der Entsenderichtlinie gegen Sozialdumping vorzugehen ebenso wie an der neuen Initiative der Europäischen Kommission, mit einer Säule der sozialen Rechte den Binnenmarkt sozial abzufedern. In diesem Projekt analysieren wir die soziale Nachjustierung mit dem Fokus auf verschiedene Formen der atypischen Beschäftigung: marginale Beschäftigung, Scheinselbständigkeit und Entsendung. Dafür untersuchen wir in drei alten (Deutschland, Frankreich und Österreich) und zwei neuen Mitgliedstaaten (Polen und Slowenien), welcher Art neuer sozialer Kompromisse geschlossen werden können und wo die Herausforderungen dafür liegen. In seinem Vorgehen unterscheidet sich das Projekt von der meisten Europäischen Integrationsforschung, indem wir die Bedeutung des Europäischen Gerichtshofs und seiner Rechtsprechung zu den EU-Verträgen betonen. Der Gerichtshof hat für die Europäische Integration schon immer eine wichtige Rolle gespielt, die er als Integration durch Recht gestalten konnte. Obwohl dies in der Integrationsforschung anerkannt ist, hat sich dennoch das Interesse der Forschung mit den gestärkten Kompetenzen des Europäischen Parlaments auf den Legislativprozess gerichtet, obwohl die Rechtsprechung des Gerichtshofs hier oft wichtige Vorentscheidungen trifft. Das Projekt analysiert die Wechselbeziehungen der drei Regierungsgewalten auf der Ebene der Mitgliedstaaten, der Europäischen Union und zwischen beiden Ebenen. Inwiefern werden politische Kompromisse der sozialen Nachjustierung gerichtlich infrage gestellt? Wie unterschiedlich sind die Präferenzen der verschiedenen Mitgliedstaaten in Bezug auf soziale Standards? Wie gelingt es den unterschiedlichen mitgliedstaatlichen Verwaltungen, Sozialdumping durch atypische Arbeit zu verhindern, und wie positionieren sich die verschiedenen ökonomischen Akteure zwischen den Polen des sozialen Schutzes und des Binnenmarkts? Indem das Projekt administrative und gerichtliche Antworten ebenso untersucht wie die EU Gesetzgebung, kann umfassend analysiert werden, inwiefern die Regeln der EU zur atypischen Beschäftigung, Solo-Selbständigkeit und Entsendung die soziale Absicherung von Arbeitsverhältnisses in den Mitgliedstaaten unterminiert und ob europäische Regeln ausreichend hierfür kompensieren. Dabei erlauben der Vergleich zwischen verschiedenen Arten von atypischer Beschäftigung und die vergleichende Untersuchung der Praktiken in verschiedenen Mitgliedstaaten wichtige Hinweise, wie die soziale Nachjustierung im erweiterten Binnenmarkt gelingen kann.
Das Gesamtziel des Projekts - eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftler:innen der Universitäten Salzburg und Bremen - war die Beantwortung der Frage, wie wirtschaftliche Freiheiten und sozialer Schutz im EU-Binnenmarkt seit der Osterweiterung im Jahr 2004 vereinbart werden (mit Schwerpunkt auf Österreich, Deutschland, Polen und Slowenien). Dies geschah auf umfassende und gleichzeitig fokussierte Weise: (i) umfassend, da nicht nur die EU-Gesetzgebung (und die Umsetzung in nationales Recht durch die Mitgliedstaaten), sondern auch die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) und die Verwaltungspraxis der Mitgliedstaaten - sowie deren Wechselwirkungen - berücksichtigt wurden. Das Projekt war (ii) fokussiert, da es sich auf drei besondere Formen der Arbeitsmobilität konzentrierte, die mit prekären Arbeitsbedingungen einhergehen: marginale Beschäftigung, Solo-Selbstständigkeit und entsandte Arbeit. Um diese Formen abzudecken, konzentrierte sich das Projekt insbesondere auf den Straßenverkehrssektor, die Live-in Care und die Fleischwirtschaft. Das Gesamtergebnis ist, dass sowohl die EU-Gesetzgebung als auch die Rechtsprechung des EuGHs zwar auf dem Papier versuchen, soziale und wirtschaftliche Ziele (wieder) ins Gleichgewicht zu bringen, dass aber in der Praxis wirtschaftliche Ziele immer noch häufig Vorrang vor sozialen Zielen haben. Das Projekt stellt eine strukturelle Benachteiligung transnationaler Arbeit gegenüber transnationalem Kapital fest. Die Mitgliedstaaten haben immer noch Handlungsspielraum, um diesen Nachteil zu verringern und dahingehende Schlupflöcher zu schließen, dass das Kapital Arbeitnehmer:innen ausbeutet, wie die jüngste deutsche Reform in der Fleischbranche zeigt - aber die Bedingungen für solche Reformen sind sehr anspruchsvoll. Insbesondere die Sozial- und Arbeitsvorschriften der EU sind sehr komplex, und noch komplexer ist ihre (transnationale) Durchsetzung in grenzüberschreitenden Kontexten. Insbesondere die isolierte Arbeit von Migrant:innen und die damit verbundenen mangelnden Kapazitäten der Durchsetzungsakteur:innen (sowohl Gewerkschaften als auch Kontrollbehörden) führen dazu, dass die Rechte der Arbeitnehmer:innen oft nicht durchgesetzt werden. Darüber hinaus wurde im Rahmen des Projekts festgestellt, dass Arbeitnehmer:innen nicht nur mit Schwierigkeiten im Zusammenhang mit prekärer und ausbeuterischer Arbeit konfrontiert sind, sondern auch z. B. im Zusammenhang mit Sozialleistungen. Bei der Durchsetzung mangelt es dem Projekt zufolge zudem an einer transnationalen "diagonalen" Verwaltungszusammenarbeit, also einer Zusammenarbeit zwischen Behörden mit unterschiedlichen Kompetenzen, wie beispielsweise Kontroll- und Sozialversicherungsbehörden. Darüber hinaus wird festgestellt, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit so komplex ist, dass soziale Rechte nur schwer zu erreichen sind und dass große Erwartungen an kürzlich eingerichtete Europäische Arbeitsbehörde gerichtet sind.
- Universität Salzburg - 100%
- Susanne Schmidt, Universität Bremen - Deutschland
Research Output
- 105 Zitationen
- 21 Publikationen
- 10 Disseminationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
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2024
Titel Free to Move but Unprotected: Cross-Border Cooperation and Enforcement of Mobile Workers' Rights in the EU Single Market Typ PhD Thesis Autor Assmus, Josephine -
2024
Titel Enforcement, Information or Socialization? The Role of the European Labour Authority in Protecting Mobile Workers in the EU DOI 10.1111/jcms.13692 Typ Journal Article Autor Blauberger M Journal JCMS: Journal of Common Market Studies Seiten 1158-1177 Link Publikation -
2023
Titel The European Labour Authority in Practice Typ Other Autor Blauberger M. -
2023
Titel Die Europäische Arbeitsbehörde in der Praxis Typ Other Autor Blauberger M. -
2023
Titel German capitalism and migrant work. How COVID disclosed labour exploitation as well as EU Member States' capacity to counteract Typ Journal Article Autor Blauberger M. Journal Culture, Practice, Europeanization -
2023
Titel Trügerisches soziales Europa: Die Entsendung von Drittstaatsangehörigen in der EU Typ Journal Article Autor Assmus Journal WSI-Mitteilungen -
2022
Titel Warum systemrelevante Arbeit prekär ist. Arbeitsmobilität in der EU unter besonderer Berücksichtigung von Live- in Care Work und internationalem Transport Typ Other Autor Heindlmaier A. -
2022
Titel The Court of Justice of the European Union and the Mega-Politics of Posted Workers Typ Journal Article Autor Blauberger M. Journal Law and Contemporary Problems Seiten 29-57 -
2022
Titel Welfare Mediators as Game Changers? Deconstructing Power Asymmetries Between EU Migrants and Welfare Administrators DOI 10.17645/si.v10i1.4642 Typ Journal Article Autor Ratzmann N Journal Social Inclusion Seiten 205-216 Link Publikation -
2022
Titel EU free movement of people: fully recovered or suffering from long COVID? DOI 10.1080/13501763.2022.2140818 Typ Journal Article Autor Blauberger M Journal Journal of European Public Policy Seiten 696-720 Link Publikation -
2022
Titel Negative Integration Is What States Make of It? Tackling Labour Exploitation in the German Meat Sector DOI 10.1111/jcms.13431 Typ Journal Article Autor Blauberger M Journal JCMS: Journal of Common Market Studies Seiten 917-934 Link Publikation -
2022
Titel Essential, lonely and exploited: why mobile EU workers’ labour rights are not enforced DOI 10.1080/1369183x.2022.2102971 Typ Journal Article Autor Heindlmaier A Journal Journal of Ethnic and Migration Studies Seiten 3689-3708 -
2020
Titel The Court of Justice in times of politicisation: ‘law as a mask and shield’ revisited DOI 10.1080/13501763.2020.1712460 Typ Journal Article Autor Blauberger M Journal Journal of European Public Policy Seiten 382-399 Link Publikation -
2020
Titel ‘Social Citizenship’ at the Street Level? EU Member State Administrations Setting a Firewall DOI 10.1111/jcms.13028 Typ Journal Article Autor Heindlmaier A Journal JCMS: Journal of Common Market Studies Seiten 1252-1269 Link Publikation -
2020
Titel Free Movement of EU Citizens: Between Law and Politics; In: Research Handbook on the Politics of EU Law Typ Book Chapter Autor Heindlmaier A. Verlag Edward Elgar Seiten 163-180 -
2020
Titel Mobile EU Citizens and the Unreasonable Burden. How EU Member States Deal with Residence Rights at the Street-Leve; In: EU citizenship and free movement rights: taking supranational citizenship seriously Typ Book Chapter Autor Heindlmaier A. Verlag Brill-Nijhoff Seiten 129-154 -
2021
Titel Administering the Union citizen in need: Between welfare state bureaucracy and migration control DOI 10.1177/0958928721999612 Typ Journal Article Autor Kramer D Journal Journal of European Social Policy Seiten 380-394 Link Publikation -
2021
Titel sj-pdf-1-esp-10.1177_0958928721999612 - Supplemental material for Administering the Union citizen in need: Between welfare state bureaucracy and migration control DOI 10.25384/sage.14406789 Typ Other Autor Heindlmaier A Link Publikation -
2021
Titel The differentiated politicization of free movement of people in the EU. A topic model analysis of press coverage in Austria, Germany, Poland and the UK DOI 10.1080/13501763.2021.1986118 Typ Journal Article Autor Blauberger M Journal Journal of European Public Policy Seiten 291-314 Link Publikation -
2020
Titel Free movement of workers under challenge: the indexation of family benefits DOI 10.1057/s41295-020-00216-3 Typ Journal Article Autor Blauberger M Journal Comparative European Politics Seiten 925-943 Link Publikation -
2019
Titel Implementing European case law at the bureaucratic frontline: How domestic signalling influences the outcomes of EU law DOI 10.1111/padm.12603 Typ Journal Article Autor Martinsen D Journal Public Administration Seiten 814-828 Link Publikation
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2021
Titel Tübingen Seminar on Social Europe Typ A formal working group, expert panel or dialogue -
2021
Titel Expert workshop on Europe Typ A formal working group, expert panel or dialogue -
2021
Titel Expert in radio broadcast Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press) -
2020
Titel Project of the week, scilog - the magazine of the Austrian Science Fund FWF Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview -
2023
Titel School visit (Seekirchen) Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2021
Titel Presentation at the meeting of the Verein Forschungsförderung Salzburg and the Rotary Club Salzburg Nord Typ A talk or presentation -
2020
Titel Presentation in think tank Typ A talk or presentation -
2021
Titel JESP European Social Policy Blog Typ Engagement focused website, blog or social media channel -
2020
Titel Media article on Anita Heindlmaier Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview -
2021
Titel The JCMS Blog Typ Engagement focused website, blog or social media channel
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2022
Titel The Missing Puzzle Piece: Reconciling Labour Migration and the European Social Model Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International