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Die soziale Nachjustierung des erweiterten Binnenmarkts

Rebalancing the Enlarged Single Market

Michael Blauberger (ORCID: 0000-0002-3581-400X)
  • Grant-DOI 10.55776/I4064
  • Förderprogramm Einzelprojekte International
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.02.2019
  • Projektende 31.07.2023
  • Bewilligungssumme 252.247 €
  • Projekt-Website

DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz

Wissenschaftsdisziplinen

Politikwissenschaften (100%)

Keywords

    Judicial Politics, Social Protection, Single Market, Negative and positive integration, European Union, Implementation

Abstract Endbericht

Durch die Erweiterung nach Osten hat sich die sozio-ökonomische Heterogenität in der Europäischen Union enorm verstärkt. Mit der übergangsweisen Aussetzung der Arbeitnehmerfreizügigkeit in den alten Mitgliedstaaten sollte der Gefahr eines Sozialdumpings über Lohnkonkurrenz vorgebeugt werden. Dies konnte aber den Druck über die Entsendung von Arbeitnehmern und die Dienstleistungsfreiheit nicht verhindern. In Großbritannien, das die Übergangsfrist nicht nutzte, hat die Politisierung der Zuwanderung aus den neuen Mitgliedstaaten sogar wesentlich zur Entscheidung beigetragen, aus der EU auszutreten. So sind die Folgen der innereuropäischen Arbeitsmigration für die EU zu einem hochpolitischen Thema geworden. Dies zeigt sich an dem Vorstoß des französischen Präsidenten Macron, über eine Reform der Entsenderichtlinie gegen Sozialdumping vorzugehen ebenso wie an der neuen Initiative der Europäischen Kommission, mit einer Säule der sozialen Rechte den Binnenmarkt sozial abzufedern. In diesem Projekt analysieren wir die soziale Nachjustierung mit dem Fokus auf verschiedene Formen der atypischen Beschäftigung: marginale Beschäftigung, Scheinselbständigkeit und Entsendung. Dafür untersuchen wir in drei alten (Deutschland, Frankreich und Österreich) und zwei neuen Mitgliedstaaten (Polen und Slowenien), welcher Art neuer sozialer Kompromisse geschlossen werden können und wo die Herausforderungen dafür liegen. In seinem Vorgehen unterscheidet sich das Projekt von der meisten Europäischen Integrationsforschung, indem wir die Bedeutung des Europäischen Gerichtshofs und seiner Rechtsprechung zu den EU-Verträgen betonen. Der Gerichtshof hat für die Europäische Integration schon immer eine wichtige Rolle gespielt, die er als Integration durch Recht gestalten konnte. Obwohl dies in der Integrationsforschung anerkannt ist, hat sich dennoch das Interesse der Forschung mit den gestärkten Kompetenzen des Europäischen Parlaments auf den Legislativprozess gerichtet, obwohl die Rechtsprechung des Gerichtshofs hier oft wichtige Vorentscheidungen trifft. Das Projekt analysiert die Wechselbeziehungen der drei Regierungsgewalten auf der Ebene der Mitgliedstaaten, der Europäischen Union und zwischen beiden Ebenen. Inwiefern werden politische Kompromisse der sozialen Nachjustierung gerichtlich infrage gestellt? Wie unterschiedlich sind die Präferenzen der verschiedenen Mitgliedstaaten in Bezug auf soziale Standards? Wie gelingt es den unterschiedlichen mitgliedstaatlichen Verwaltungen, Sozialdumping durch atypische Arbeit zu verhindern, und wie positionieren sich die verschiedenen ökonomischen Akteure zwischen den Polen des sozialen Schutzes und des Binnenmarkts? Indem das Projekt administrative und gerichtliche Antworten ebenso untersucht wie die EU Gesetzgebung, kann umfassend analysiert werden, inwiefern die Regeln der EU zur atypischen Beschäftigung, Solo-Selbständigkeit und Entsendung die soziale Absicherung von Arbeitsverhältnisses in den Mitgliedstaaten unterminiert und ob europäische Regeln ausreichend hierfür kompensieren. Dabei erlauben der Vergleich zwischen verschiedenen Arten von atypischer Beschäftigung und die vergleichende Untersuchung der Praktiken in verschiedenen Mitgliedstaaten wichtige Hinweise, wie die soziale Nachjustierung im erweiterten Binnenmarkt gelingen kann.

Das Gesamtziel des Projekts - eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftler:innen der Universitäten Salzburg und Bremen - war die Beantwortung der Frage, wie wirtschaftliche Freiheiten und sozialer Schutz im EU-Binnenmarkt seit der Osterweiterung im Jahr 2004 vereinbart werden (mit Schwerpunkt auf Österreich, Deutschland, Polen und Slowenien). Dies geschah auf umfassende und gleichzeitig fokussierte Weise: (i) umfassend, da nicht nur die EU-Gesetzgebung (und die Umsetzung in nationales Recht durch die Mitgliedstaaten), sondern auch die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) und die Verwaltungspraxis der Mitgliedstaaten - sowie deren Wechselwirkungen - berücksichtigt wurden. Das Projekt war (ii) fokussiert, da es sich auf drei besondere Formen der Arbeitsmobilität konzentrierte, die mit prekären Arbeitsbedingungen einhergehen: marginale Beschäftigung, Solo-Selbstständigkeit und entsandte Arbeit. Um diese Formen abzudecken, konzentrierte sich das Projekt insbesondere auf den Straßenverkehrssektor, die Live-in Care und die Fleischwirtschaft. Das Gesamtergebnis ist, dass sowohl die EU-Gesetzgebung als auch die Rechtsprechung des EuGHs zwar auf dem Papier versuchen, soziale und wirtschaftliche Ziele (wieder) ins Gleichgewicht zu bringen, dass aber in der Praxis wirtschaftliche Ziele immer noch häufig Vorrang vor sozialen Zielen haben. Das Projekt stellt eine strukturelle Benachteiligung transnationaler Arbeit gegenüber transnationalem Kapital fest. Die Mitgliedstaaten haben immer noch Handlungsspielraum, um diesen Nachteil zu verringern und dahingehende Schlupflöcher zu schließen, dass das Kapital Arbeitnehmer:innen ausbeutet, wie die jüngste deutsche Reform in der Fleischbranche zeigt - aber die Bedingungen für solche Reformen sind sehr anspruchsvoll. Insbesondere die Sozial- und Arbeitsvorschriften der EU sind sehr komplex, und noch komplexer ist ihre (transnationale) Durchsetzung in grenzüberschreitenden Kontexten. Insbesondere die isolierte Arbeit von Migrant:innen und die damit verbundenen mangelnden Kapazitäten der Durchsetzungsakteur:innen (sowohl Gewerkschaften als auch Kontrollbehörden) führen dazu, dass die Rechte der Arbeitnehmer:innen oft nicht durchgesetzt werden. Darüber hinaus wurde im Rahmen des Projekts festgestellt, dass Arbeitnehmer:innen nicht nur mit Schwierigkeiten im Zusammenhang mit prekärer und ausbeuterischer Arbeit konfrontiert sind, sondern auch z. B. im Zusammenhang mit Sozialleistungen. Bei der Durchsetzung mangelt es dem Projekt zufolge zudem an einer transnationalen "diagonalen" Verwaltungszusammenarbeit, also einer Zusammenarbeit zwischen Behörden mit unterschiedlichen Kompetenzen, wie beispielsweise Kontroll- und Sozialversicherungsbehörden. Darüber hinaus wird festgestellt, dass die grenzüberschreitende Zusammenarbeit so komplex ist, dass soziale Rechte nur schwer zu erreichen sind und dass große Erwartungen an kürzlich eingerichtete Europäische Arbeitsbehörde gerichtet sind.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Salzburg - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Susanne Schmidt, Universität Bremen - Deutschland

Research Output

  • 105 Zitationen
  • 20 Publikationen
  • 10 Disseminationen
  • 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
Publikationen
  • 2024
    Titel Free to Move but Unprotected: Cross-Border Cooperation and Enforcement of Mobile Workers' Rights in the EU Single Market
    Typ PhD Thesis
    Autor Assmus, Josephine
  • 2021
    Titel Administering the Union citizen in need: Between welfare state bureaucracy and migration control
    DOI 10.1177/0958928721999612
    Typ Journal Article
    Autor Kramer D
    Journal Journal of European Social Policy
    Seiten 380-394
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Negative Integration Is What States Make of It? Tackling Labour Exploitation in the German Meat Sector
    DOI 10.1111/jcms.13431
    Typ Journal Article
    Autor Blauberger M
    Journal JCMS: Journal of Common Market Studies
    Seiten 917-934
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Essential, lonely and exploited: why mobile EU workers’ labour rights are not enforced
    DOI 10.1080/1369183x.2022.2102971
    Typ Journal Article
    Autor Heindlmaier A
    Journal Journal of Ethnic and Migration Studies
    Seiten 3689-3708
  • 2022
    Titel Welfare Mediators as Game Changers? Deconstructing Power Asymmetries Between EU Migrants and Welfare Administrators
    DOI 10.17645/si.v10i1.4642
    Typ Journal Article
    Autor Ratzmann N
    Journal Social Inclusion
    Seiten 205-216
    Link Publikation
  • 2021
    Titel sj-pdf-1-esp-10.1177_0958928721999612 - Supplemental material for Administering the Union citizen in need: Between welfare state bureaucracy and migration control
    DOI 10.25384/sage.14406789
    Typ Other
    Autor Heindlmaier A
    Link Publikation
  • 2021
    Titel The differentiated politicization of free movement of people in the EU. A topic model analysis of press coverage in Austria, Germany, Poland and the UK
    DOI 10.1080/13501763.2021.1986118
    Typ Journal Article
    Autor Blauberger M
    Journal Journal of European Public Policy
    Seiten 291-314
    Link Publikation
  • 2022
    Titel EU free movement of people: fully recovered or suffering from long COVID?
    DOI 10.1080/13501763.2022.2140818
    Typ Journal Article
    Autor Blauberger M
    Journal Journal of European Public Policy
    Seiten 696-720
    Link Publikation
  • 2022
    Titel Warum systemrelevante Arbeit prekär ist. Arbeitsmobilität in der EU unter besonderer Berücksichtigung von Live- in Care Work und internationalem Transport
    Typ Other
    Autor Heindlmaier A.
  • 2022
    Titel The Court of Justice of the European Union and the Mega-Politics of Posted Workers
    Typ Journal Article
    Autor Blauberger M.
    Journal Law and Contemporary Problems
    Seiten 29-57
  • 2020
    Titel The Court of Justice in times of politicisation: ‘law as a mask and shield’ revisited
    DOI 10.1080/13501763.2020.1712460
    Typ Journal Article
    Autor Blauberger M
    Journal Journal of European Public Policy
    Seiten 382-399
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Mobile EU Citizens and the Unreasonable Burden. How EU Member States Deal with Residence Rights at the Street-Leve; In: EU citizenship and free movement rights: taking supranational citizenship seriously
    Typ Book Chapter
    Autor Heindlmaier A.
    Verlag Brill-Nijhoff
    Seiten 129-154
  • 2020
    Titel Free Movement of EU Citizens: Between Law and Politics; In: Research Handbook on the Politics of EU Law
    Typ Book Chapter
    Autor Heindlmaier A.
    Verlag Edward Elgar
    Seiten 163-180
  • 2020
    Titel Free movement of workers under challenge: the indexation of family benefits
    DOI 10.1057/s41295-020-00216-3
    Typ Journal Article
    Autor Blauberger M
    Journal Comparative European Politics
    Seiten 925-943
    Link Publikation
  • 2023
    Titel German capitalism and migrant work. How COVID disclosed labour exploitation as well as EU Member States' capacity to counteract
    Typ Journal Article
    Autor Blauberger M.
    Journal Culture, Practice, Europeanization
  • 2023
    Titel Trügerisches soziales Europa: Die Entsendung von Drittstaatsangehörigen in der EU
    Typ Journal Article
    Autor Assmus
    Journal WSI-Mitteilungen
  • 2023
    Titel Die Europäische Arbeitsbehörde in der Praxis
    Typ Other
    Autor Blauberger M.
  • 2023
    Titel The European Labour Authority in Practice
    Typ Other
    Autor Blauberger M.
  • 2019
    Titel Implementing European case law at the bureaucratic frontline: How domestic signalling influences the outcomes of EU law
    DOI 10.1111/padm.12603
    Typ Journal Article
    Autor Martinsen D
    Journal Public Administration
    Seiten 814-828
    Link Publikation
  • 2020
    Titel ‘Social Citizenship’ at the Street Level? EU Member State Administrations Setting a Firewall
    DOI 10.1111/jcms.13028
    Typ Journal Article
    Autor Heindlmaier A
    Journal JCMS: Journal of Common Market Studies
    Seiten 1252-1269
    Link Publikation
Disseminationen
  • 2021
    Titel Expert in radio broadcast
    Typ A broadcast e.g. TV/radio/film/podcast (other than news/press)
  • 2021
    Titel Tübingen Seminar on Social Europe
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
  • 2021
    Titel Expert workshop on Europe
    Typ A formal working group, expert panel or dialogue
  • 2023
    Titel School visit (Seekirchen)
    Typ Participation in an activity, workshop or similar
  • 2020
    Titel Project of the week, scilog - the magazine of the Austrian Science Fund FWF
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
  • 2021
    Titel Presentation at the meeting of the Verein Forschungsförderung Salzburg and the Rotary Club Salzburg Nord
    Typ A talk or presentation
  • 2020
    Titel Presentation in think tank
    Typ A talk or presentation
  • 2020
    Titel Media article on Anita Heindlmaier
    Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview
  • 2021
    Titel The JCMS Blog
    Typ Engagement focused website, blog or social media channel
  • 2021
    Titel JESP European Social Policy Blog
    Typ Engagement focused website, blog or social media channel
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2022
    Titel The Missing Puzzle Piece: Reconciling Labour Migration and the European Social Model
    Typ Personally asked as a key note speaker to a conference
    Bekanntheitsgrad Continental/International

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