Zwischen Herstellung und Rezeption: Die Autorität mittelalterlicher Urkunden
BeCoRe
Bilaterale Ausschreibung: Frankreich
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (50%); Geschichte, Archäologie (50%)
Keywords
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Digital Humanities,
Diplomatics
Mittelalterliche Urkunden waren mehr als nur Rechtsdokumente: Sie tragen Siegel mit Bildern und graphische Zeichen, die auch von einer Bevölkerung gesehen und verstanden wurden, die nicht lesen und schreiben konnten. Einige von Ihnen waren auch verziert. Viele verwendeten besondere Schriftarten. Andere wiederum waren ganz einfach gestaltet. Die jüngere Forschung hat hervorgehoben, dass diese Gestaltungselemente Autorität transportieren konnten: Herrschaftsanspruch ebenso wie rechtliche Gültigkeit. Bislang hat die Forschung die Zeichenhaftigkeit nur an ausgewählten Beständen und insbesondere im frühen Mittelalter untersucht, schlicht, weil nur aus dieser Zeit die Menge der Urkunden so gering ist, dass einzelne Forscher sie alle einsehen konnten. Mit der Digitalisierung von Archivalien sind aber nun umfangreiche Datenbanken entstanden, die einen Vergleich auch der großen Zahlen von Urkunden aus dem 12.-15. Jahrhundert ermöglichen. Insbesondere die weltweit größte Urkundendatenbank Monasterium.net bietet sich für solche Forschungen. Das Projekt will nun die Gestaltung von Urkunden überregional und über einen längeren Zeitraum vergleichen. Die Expertise für so einen Vergleich kann nur in einem internationalen Team zusammenkommen. Frankreich und Österreich sind dafür besonders gut geeignet, denn in beiden Ländern hat die Urkundenforschung eine ganz besondere Tradition (École des Chartes, Paris; Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Wien). Das Projekt untersucht deshalb Urkunden aus wichtigen französischen und österreichischen Klöstern (Cluny, Fontenay, Göttweig, Lambach und Lilienfeld), die Mönchstraditionen in enger Bindung einen Orden (Zisterzienser in Fontenay und Lilienfeld) und weniger strikte Organisationsform (Benediktiner) repräsentieren. Die Urkunden aus den Archiven dieser Klöster und Urkunden, die von den Äbten dieser Klöster erstellt wurden, sollen auf ihre graphischen Eigenschaften untersucht werden und diese Eigenschaften in den Kontext der gleichzeitigen Urkundenproduktion gestellt werden. Das Projekt wird dazu bislang noch nicht digitalisierte Urkundenbestände in der Monasterium.net ergänzen und die Daten der Datenbank so anreichern, dass systematische Vergleiche möglich werden. Monasterium.net enthält zurzeit über 600.000 Urkunden. Da diese nicht alle individuell eingesehen werden können, werden automatische Methoden der Bildanalyse verwendet, die das Layout analysieren und die Urkunden nach visuellen Eigenschaften klassifizieren. Monasterium.net bietet außerdem Funktionen zur Bearbeitung der in der Datenbank enthaltenen Urkunden an, so dass die Ergebnisse der automatischen Analyse händisch kontrolliert und angereichert werden können. Das Projekt kann diese halbautomatischen Klassifikationen mit den Informationen über Aussteller, Zeiten und Regionen verknüpfen und zu einem reichen Bild der mittelalterlichen Urkunden kommen, das ihre visuellen und symbolischen Funktionen berücksichtigt. Damit kann die Rolle der Urkunden als Zeichen von Autorität und Zusammenhalt auch in einer Zeit sichtbar werden, in der die schiere Menge dieser Dokumentenart ein klares Bild bislang verhindert hat.
- Universität Graz - 100%
- Sebastien Barret, Centre National de la Recherche Scientifique - Frankreich