Riss im System: Die "Polonia-Firmen" 1976-1994
A Breach in the System: The "Polonia Firms" 1976-1994
Bilaterale Ausschreibung: Polen
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (40%); Soziologie (40%); Wirtschaftswissenschaften (20%)
Keywords
-
Polonia Firms,
People's Republic of Poland,
Entrepreneurship,
Planned Economy,
Market Reforms,
History Of Transformation
Der historische Blick auf die Wirtschaft des spätsozialistischen Polen ist allgemein fokussiert auf die Zeichen von Stagnation und Niedergang. Die Öffnung des Binnenmarktes für westliches Kapital als Alternative zu unpopulären Preiserhöhungen erfolgte in Hinblick auf befürchtete gesellschaftliche Unruhen, doch Auslandsverschuldung und Konsum auf Pump machten Polen bald zum kranken Mann Europas. Gleichzeitig eröffneten sich ungeahnte Möglichkeiten für jene, die im expandierenden und zunehmend mit dem Westen verflochtenen privaten Sektor ihr Glück suchten. Das Projekt erforscht die Genese dieser neuen Kaste sozialistischer Unternehmer anhand der sogenannten Polonia-Firmen. Die Zahl der Unternehmen mit ausländischer Beteiligung, die als Inseln des Kapitalismus besonders in der polnischen Leichtindustrie und im Dienstleistungssektor aktiv waren, wuchs zwischen 1976 und 1989 auf rund 2000 an und beschäftigte bis zu 80 000 Mitarbeiter. Unser Projekt stößt in zwei wichtige Forschungslücken zum Staatssozialismus und zum Kalten Krieg vor. Zum einen wirft das Phänomen der Polonia-Firmen, die explizit auf Kapitalinvestitionen polnischer Emigranten ausgerichtet waren, neues Licht auf die Rolle von Diasporen in ökonomischen Globalisierungs- und Transformationsprozessen. Die Einbindung der Auslandspolen, der Polonia, in die polnische Wirtschaft sollte den Transfer von wirtschaftlichem und technologischem Knowhow fördern, aber auch der sich im Zuge der Entstehung oppositioneller Massenbewegungen verschärfenden politischen Polarisierung in den Beziehungen zwischen Heimatland und Diaspora entgegenwirken. Zum anderen beleuchtet das Projekt noch weitgehend unerforschte Formen transnationaler Wirtschaftsverflechtung insbesondere bezüglich der Rolle kleiner und mittlerer Firmen, die in Debatten der historischen Kalten Kriegsforschung bislang vernachlässigt wurden. Die fünf Fallstudien untersuchen die Einbettung der Polonia-Firmen in planwirtschaftliche Strukturen und ihren Einfluss auf Konsumverhalten, soziale Normen und die betriebswirtschaftliche Ausbildungspraxis, aber auch ihre Verortung im kollektiven Gedächtnis. Unser gemeinsames Ziel ist es, die Wurzeln der Transformation und der Wiedergeburt des privaten Unternehmertums im Spiegel des gesamtgesellschaftlichen Wandels im spätsozialistischen Polen freizulegen. Dem sozialistischen Unternehmer als kollektivem Akteur und Geburtshelfer einer neuen wirtschaftlichen Ordnung wird dabei eine tragende Rolle zugeschrieben. Unser Projekt knüpft somit zum einen an aktuelle Debatten zu sozialistischen Globalisierungstendenzen an, die sich bereits vor dem Washington-Konsensus manifestierten. Zum anderen nimmt es direkten Bezug auf den Gedanken der langen Transformation von Plan- zu Marktwirtschaft als graduellen Prozess, der im postkommunistischen Systemwandel seine radikale Fortsetzung fand, was zur Dekonstruktion des Transformationsparadigmas als westliches Konstrukt und Spätprodukt des Kalten Krieges beiträgt.
- Universität Wien - 100%
- Tobias Rupprecht, Freie Universität Berlin - Deutschland
- Florian Peters, IFZ - Institut f. Zeitgeschichte - Deutschland
- Jerzy Kochanowski, Warsaw University - Polen
- Joanna Wawrzyniak, Warsaw University - Polen