Metamorphosen der Arbeitswelt in biographischen Zeugnissen
Metamorphosis of the world of work in biographical perspectives
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Soziologie (100%)
Keywords
-
Arbeitswelt,
Verstehende Soziologie,
Sozialer Wandel,
Erwerbsarbeit,
Erwerbsbiographie,
Vergleichende Forschung
Ein zentraler Diskursstrang der aktuellen sozialwissenschaftlichen Forschung beschäftigt sich mit dem raschen und tief greifenden Wandel der Arbeitswelten fortgeschrittener Industriegesellschaften. Zahlreiche Diagnosen und Interpretationen dieser Transformationsprozesse liegen bereits vor. In der Regel handelt es sich hierbei um konkurrierende theoretische Deutungen oder um Extrapolationen aus makroökonomischer und makrosoziologischer Perspektive. Beobachtbare Entwicklungstrends auf dem Arbeitsmarkt werden fortgeschrieben und zu mehr oder minder be(un)ruhigenden Zukunftsszenarien ausgearbeitet. Wie dieser Wandel jedoch aus der Sicht der betroffenen Personen konkret erfahren, ge-deutet und verarbeitet wird, d.h. welche subjektiven Befindlichkeiten bei den Betroffenen dieser Veränderungen zu identifizieren sind, wurde bisher meist nur in punktuellen Stu-dien zu spezifischen beruflichen Feldern analysiert. Eine Forschergruppe aus der Schweiz, Deutschland und Österreich hat sich deshalb das Ziel gesetzt, dieser komplexen Frage auf der Basis eines erprobten und bewährten gemeinsamen Forschungsansatzes nachzugehen. In einem bereits laufenden Forschungs- und Publikationsvorhaben, das durch relevante Eigenmittel der an diesem Forschungsantrag beteiligten Institutionen auf den Weg gebracht wurde und in dem sich rund 50 Forscherinnen und Forscher aus den drei Ländern (D-A-CH) engagiert haben, entstand seit Mitte 2008 ein breit gefächertes Kaleidoskop so-ziologischer Porträts von Erwerbspersonen aus den unterschiedlichsten Berufswelten, das Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten der Erfahrung bzw. Deutung arbeitsweltlichen Wandels nachvollziehbar macht. Die daraus hervorgehende Publikation, die für Frühjahr 2010 beim Universitätsverlag Konstanz geplant ist, dient mit Blick auf den vorliegenden Forschungsantrag auch als wichtiger Referenzrahmen für die geplanten empirischen Erhe-bungen, für die in diesem Zusammenhang zu leistende Hypothesengewinnung und für die Erprobung und Verfeinerung des methodischen Ansatzes verstehender Interviews. Vorliegendes Gesuch bezieht sich auf eine stärkere Konzentration der Forschung auf vier wichtige Teilbereiche des öffentlichen Sektors im sozioökonomisch wie kulturell recht ho-mogenen Drei-Länder-Eck (DACH) des Bodenseeraums. Der öffentliche Sektor ist eine von den aktuellen Veränderungen besonders betroffene, aber zugleich sozialwissenschaftlich nicht ausreichend erforschte Arbeitswelt. Dazu werden mit diesem Vorhaben auf methodi-scher und forschungspraktischer Ebene innovative Wege interkulturell vergleichender Forschung beschritten. An den vier Beispielsektoren soll beispielhaft der Zusammenhang von sozialer (Berufs-)Position und subjektiver Wahrnehmung bzw. Deutung von Wandel sowie ihre institutionelle "embeddedness" (Polanyi) in "welfare cultures" untersucht und aufgezeigt werden. Für das auf insgesamt 36 Monate angelegte Vorhaben wird eine For-schungsstrategie zur Anwendung gebracht, die in Anlehnung an Pierre Bourdieu die Methodik des verstehenden Interviews mit strukturellen soziologischen Interpretationen verbindet.
Das Forschungsprojekt Metamorphosen der Arbeitswelt in biografischen Zeugnissen analysierte die veränderten Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen in ausgewählten öffentlichen Dienstleistungen aus der Perspektive der Beschäftigten. Mit einem verstehenden Zugang wurde analysiert, mit welchen Chancen und Belastungen, mit welchen Widersprüchen und Konflikten die Veränderungen für die Arbeitenden verbunden sind.Für die Untersuchung der Veränderungen im öffentlichen Sektor wurden kommunale Dienste, das Gesundheitswesen und die Postdienstleistungen ausgewählt. Das Forschungsprojekt wurde in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt, um die gleichgerichteten, aber unterschiedlich ablaufenden Prozesse der Ökonomisierung, Kommerzialisierung und Privatisierung vergleichend analysieren zu können.Die Beschäftigten sind von den Veränderungen zum einen als Arbeitnehmer/innen betroffen. Das Auslaufen des Beamtenstatus, das Einziehen der Unsicherheit, die Neuerungen in den Kollektivverträgen und die geänderten Personalpolitiken bedeuten eine grundlegende Umgestaltung der Beschäftigungsverhältnisse insbesondere für die in den letzten Jahren eingetretenen Personen. Hier sticht die Post besonders hervor, wo die Einkommen deutlich gesunken sind und die Sicherheit der Beschäftigung nicht mehr gegeben ist. Die Beschäftigten sind von den Veränderungen aber nicht nur in materieller Hinsicht, sondern auch in ihrem Sozialprestige und in ihremberuflichen Selbstverständnis betroffen. Besondere Bedeutung messen die Ärzte und Ärztinnen, die Pfleger/innen, die Post- und Gemeindebediensteten den Kontakten mit den Bürger/innen bzw. Patient/innen und Kund/innen bei, für die ihnen nun weniger Zeit als früher bleibt. Sie erleben es als problematisch, dass ihre eigentliche Arbeit einen immer kleineren Teil des Arbeitstages einnimmt, weil, wie im Fall der Gesundheitsberufe, die als fachfremd empfundenen Aufgaben überhandnehmen oder, wie im Fall der Briefträger/innen, die Rationalisierung den Kundenkontakt sehr stark eingeschränkt hat.Es lässt sich argumentieren, dass die Reformen der Gemeindeverwaltungen oder die Neuausrichtung der Post die Dienstleistungsorientierung der Beschäftigten verstärkten. Zugleich zeigte sich jedoch, dass die Ökonomisierung und die Kommerzialisierung vielfach im Widerspruch stehen zur Ausrichtung der untersuchten Berufsgruppen an den Bedürfnissen der Bürger/innen und am Gemeinwohl. So betonen sie, dass nach wie voralle Bürger/innen unabhängig von ihrer Kaufkraft und sozialen Position gleichen Zugang zu den Dienstleistungen haben sollen. Für sie steht die Anforderung zu verkaufen im Gegensatz zum Anspruch zu versorgen. Und gegen ihre Werthaltungen handeln zu sollen, wird von den Beschäftigten als große Belastung erlebt.Es ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung, dass die Veränderungen der Arbeit von den Beschäftigten in den öffentlichen Diensten nicht in erster Linie aus ihrer Perspektive als Arbeitnehmer/innen beurteilt werden, sondern immer zugleich auch im Hinblick auf etwaige Beeinträchtigungen ihres beruflichen Selbstverständnisses und auf die Folgen für die soziale Wertschätzung, die sie als Berufsgruppe genießen, sowie hinsichtlich der Auswirkungen auf die Qualität der Dienstleistung und die Versorgung der Bürger/innen.
- Berthold Vogel, Universität Hamburg - Deutschland
- Franz Schultheis, Universität St. Gallen - Schweiz
Research Output
- 2 Zitationen
- 2 Publikationen
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2012
Titel Die 'große Transformation' öffentlicher Dienstleistungen. Materielle und symbolische Folgen für Arbeit und Beschäftigung. Typ Journal Article Autor Flecker J Journal Mittelweg -
2014
Titel Der dreifache Bezug zur Arbeit – Transformation öffentlicher Dienste und berufliche Identität DOI 10.1007/s11614-014-0138-2 Typ Journal Article Autor Flecker J Journal Österreichische Zeitschrift für Soziologie Seiten 199-219