Bilaterale Ausschreibung: Ungarn
Wissenschaftsdisziplinen
Geowissenschaften (100%)
Keywords
-
Cryogenic Mineral,
Paleoclimate,
Permafrost,
Carbonate
Kryogene Höhlenkarbonate (kurz CCC) sind eine einzigartige Art von Höhlenablagerungen, die sich in gefrierenden Wasserlachen auf dem Höhleneis bilden, wenn die Höhlen Permafrostbedingungen unterliegen. Da CCCs mit der U-Th-Methode genau datiert werden können, stellen sie ein wichtiges Archiv dar, das Untersuchungen über die veränderte räumliche Verteilung des Permafrosts auf den Kontinenten als Reaktion auf vergangene Klimaveränderungen ermöglicht. Trotz der wachsenden Anerkennung des einzigartigen Charakters dieses Paläoklima- und Paläoumweltarchivs sind viele grundlegende Fragen zu Ursprung, Zusammensetzung und Entstehungsweise der CCCs noch immer unbeantwortet. Besonders wichtig ist, dass an der Bildung von CCC möglicherweise metastabile Vorläuferphasen beteiligt sind (z. B. Vaterit, Monohydrocalcit, Ikait oder amorphes Calciumcarbonat). Komplexe und möglicherweise nicht eindeutige Kristallisationswege können die geochemischen Eigenschaften von CCC und ihre Robustheit als Paläoklima-/Paläoumweltproxy beeinflussen. Dieses internationale Gemeinschaftsprojekt zielt darauf ab, mineralogische, kristallografische und morphologische Indikatoren für verschiedene mineralische Vorläufer zu finden und so die Kristallisationswege von CCC zu entschlüsseln. Das Studiendesign umfasst die Analyse natürlicher (in Höhlen gesammelter) und im Labor synthetisierter CCC-Präzipitate mit einer Reihe etablierter und neuer Methoden (XRPD, TEM, FTIR, Festkörper-NMR, LA-ICP MS). Geochemische Modellierung wird zur Interpretation der analytischen Ergebnisse eingesetzt.
Kryogene Höhlenkarbonate (Cryogenic Cave Carbonates, CCC) sind seltene und bemerkenswerte Mineralbildungen, die entstehen, wenn Wasserpools auf Höhleneis unter Permafrostbedingungen gefrieren. Während das Wasser langsam gefriert, fallen gelöste Mineralstoffe aus und lagern sich ab, wodurch charakteristische Karbonatformationen entstehen. Da sich CCC mithilfe der Uran-Thorium-Methode (U-Th) mit hoher Präzision datieren lassen, stellen sie ein außergewöhnliches Archiv vergangener Umweltveränderungen dar. Insbesondere ermöglichen sie die Rekonstruktion der räumlichen Ausdehnung des Permafrosts in Eurasien und dessen Reaktion auf große Klimaschwankungen während der letzten halben Million Jahre. Das vorherrschende Bildungsmodell für CCC - entwickelt vor allem auf Grundlage europäischer Fallstudien - geht davon aus, dass diese Ablagerungen während Phasen klimatischer Erwärmung entstehen. In diesem Szenario taut die Erwärmung das Gestein über weiterhin gefrorenen Höhlen auf, sodass Grundwasser in die Höhle eindringen und dort beim Kontakt mit dem Eis gefrieren kann. In diesem Rahmen gelten CCC als Indikatoren für degradierenden Permafrost. Die Ergebnisse unseres Projekts stellen dieses etablierte Paradigma infrage. Erstmals führten wir eine systematische Untersuchung von CCC in Ostsibirien durch - einer Region, die heute durch diskontinuierlichen Permafrost gekennzeichnet ist. Überraschenderweise zeigen unsere Daten, dass sich CCC dort 500 bis 1.000 Jahre nach ausgeprägten Klimaerwärmungen bildeten - also zu einem Zeitpunkt, als der Permafrost wieder anwuchs, anstatt sich zurückzuziehen. Statt Permafrost-Degradation zu dokumentieren, markieren CCC in dieser Region offenbar Phasen der Permafrost-Akkumulation. Dieses unerwartete Ergebnis macht eine grundlegende Neubewertung der Interpretation von CCC erforderlich und verdeutlicht die Komplexität der Permafrostdynamik im Klimasystem. Ein zweites zentrales Ziel des Projekts betraf eine seit Langem offene Frage der CCC-Forschung: Kristallisieren diese Ablagerungen direkt als Kalzit, oder entstehen sie zunächst als metastabile Vorläuferminerale, die sich später umwandeln? Die Klärung dieser Frage ist entscheidend für das Verständnis der Bildungsprozesse von CCC und ihrer Aussagekraft als Umweltarchive. In dieser internationalen Zusammenarbeit unter Beteiligung von Forschenden aus Ungarn suchten wir nach mineralogischen, kristallographischen und morphologischen Indikatoren möglicher Vorläuferphasen, um die Kristallisationswege der CCC zu rekonstruieren. Als Referenzmaterial untersuchten wir Glendonite - Kalzit-Pseudomorphosen nach Ikaite (Calciumcarbonat-Hexahydrat), einem Mineral, das bei Temperaturen nahe 0 C entsteht. Unsere Analysen dokumentierten charakteristische Merkmale der Umwandlung von Ikaite zu Kalzit, darunter ausgerichtete Mesoporen, häufige Zwillingsbildungen, feinkörnige Gefüge, zahlreiche wässrige Einschlüsse sowie eine ausgeprägte intergranulare Porosität im Mikro- bis Submikrometerbereich. Darüber hinaus identifizierten wir in vielen natürlichen CCC-Proben reichlich nanoskalige SiO-Einschlüsse. Diese Mikro- und Nanosignaturen liefern starke Hinweise darauf, dass Vorläuferminerale eine wichtige Rolle bei der Bildung von CCC spielen. Insgesamt eröffnen unsere Ergebnisse neue Einblicke in die Kristallisationsgeschichte dieser Ablagerungen und ebnen den Weg für eine stärker prozessorientierte und physikalisch fundierte Interpretation dieser bedeutenden Paläoklimaarchive.
- Universität Innsbruck - 100%
- Wolfgang Müller, Goethe-Universität Frankfurt am Main - Deutschland
- Michael Deininger, Johannes Gutenberg Universität Mainz - Deutschland
- Enrico Mugnaioli, Istituto Italiano di Tecnologia - Italien
- Mauro Gemmi, Istituto Italiano di Tecnologia - Italien
- Péter Németh, Hungarian Academy of Sciences - Ungarn
Research Output
- 7 Zitationen
- 8 Publikationen
- 1 Datasets & Models
- 7 Disseminationen
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2025
Titel Cryogenic cave carbonates; In: Encyclopedia of Quaternary Science DOI 10.1016/b978-0-323-99931-1.00248-8 Typ Book Chapter Verlag Elsevier -
2023
Titel Mode of formation of cryogenic cave carbonates: Experimental evidence from an Alpine ice cave DOI 10.1016/j.chemgeo.2023.121712 Typ Journal Article Autor Koltai G Journal Chemical Geology -
2022
Titel 230 ThU isochron dating of cryogenic cave carbonates DOI 10.5194/gchron-4-617-2022 Typ Journal Article Autor Steidle S Journal Geochronology Link Publikation -
2024
Titel Div'ya Cave: research results Typ Book Autor Bogomaz M.V. editors Kadebskaya O.I (ed.) Verlag PFITS UrO RAN -
2024
Titel Corrigendum to "Size-shape-stable isotope (C and O) relationships of cryogenic cave carbonates formed in permafrost settings" [Chemical Geology 661 (2024) 122183] DOI 10.1016/j.chemgeo.2024.122289 Typ Journal Article Autor Dublyansky Y Journal Chemical Geology -
2024
Titel Size-shape-stable isotope (C and O) relationships of cryogenic cave carbonates formed in permafrost settings DOI 10.1016/j.chemgeo.2024.122183 Typ Journal Article Autor Dublyansky Y Journal Chemical Geology -
2022
Titel Tracing structural relicts of the ikaite-to-calcite transformation in cryogenic cave glendonite DOI 10.2138/am-2022-8162 Typ Journal Article Autor Németh P Journal American Mineralogist Seiten 1960-1967 -
2022
Titel 230Th/U Isochron Dating of Cryogenic Cave Carbonates DOI 10.5194/gchron-2022-10 Typ Preprint Autor Töchterle P Seiten 1-16 Link Publikation
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2022
Titel 230Th/U Isochron Dating of Cryogenic Cave Carbonates DOI 10.5194/gchron-2022-10 Typ Data analysis technique Öffentlich zugänglich
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2024
Link
Titel 10th International Workshop on Ice Caves DOI 10.25651/1.2024.0002 Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2025
Titel Presentation at seminar of the Quaternary Research Group, Innsbruck University Typ A talk or presentation -
2024
Titel Presentation at seminar "CCC crystal with apparent (deca) pentagonal symmetry" Typ A talk or presentation -
2022
Titel Presentation at the workshop: "Geochemistry and Mineralogy of Calcium Carbonate Polymorphs" (Veszprém, Hungary) Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2025
Titel Discussion at the CCC working group meeting Typ A talk or presentation -
2024
Link
Titel Invited lecture at the Siberian Mineralogical Seminar "Cryogenic Cave Carbonates" Typ Participation in an activity, workshop or similar Link Link -
2022
Titel Lecture at Speleological Club of city of Krasnoyarsk (Russia) Typ A talk or presentation