Philingk: Verlinktes Wissen zur Fachgeschichte
Linked Knowledge on the History of Philology and Linguistics
DACH: Österreich - Deutschland - Schweiz
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (25%); Philosophie, Ethik, Religion (20%); Sprach- und Literaturwissenschaften (55%)
Keywords
-
Romance Philology,
History of Linguistics,
Hugo Schuchardt,
Gaston Paris,
Digital Humanities,
History of Romance Philology
Korrespondenzen zwischen Wissenschaftlern werden schon seit langem nicht nur als Zeugnis der beteiligten Forscherpersönlichkeiten, sondern insbesondere auch als Quelle für das bessere Verständnis des Prozesses der Entstehung und Entwicklung von Wissen und damit von Wissenschaft angesehen und als solche in die fachhistorische Rezeption einbezogen. Im vorliegenden Fall handelt es sich beispielhaft um die beiden Sprachwissenschaftler und Philologen Hugo Schuchardt in Graz und Gaston Paris in Paris. Sie waren bestimmende Figuren ihrer Fächer im späten 19. und den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Ihre Publikationen prägten die Zeit ihrer Entstehung und vielfach hält ihre Bedeutung bis heute an. Es gelang Schuchardt, randständig scheinende Bereiche als zentrale Felder der Forschung zu etablieren. Mit über 770 Veröffentlichungen gilt Schuchardt als Begründer der Kreolsprachforschung sowie Theoretiker der Forschung zu Sprachkontakt und Sprachmischung. Er schrieb selbst in einem Dutzend verschiedener Sprachen, darunter ausgefallene Idiome wie Baskisch und Georgisch, integrierte auch ethnographische und linguistische Daten und vieles mehr. G. Paris entwickelte bis heute gültige Standards der philologischen und texteditorischen Arbeit und war Herausgeber von zwei einflußreichen Fachzeitschriften. Ein extrem gut funktionierendes dichtes Postnetz schuf in der 2. Hälfte des 19. Jhdts. - analog dem Internet seit dem späten 20. Jhdt. - mediale Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und des Wissensaustausches. Das vorliegende Projekt wird die vorhandenen 183 Schreiben der beiden Briefpartner aus der Zeit zwischen 1869 und 1903, einer Schlüsselepoche der Entstehung, Etablierung und Institutionalisierung der neuphilologischen Fächer an europäischen Universitäten, aufarbeiten und umfangreich kommentiert edieren. Der Umstand, daß die beiden Beteiligten 175 weitere gemeinsame Briefpartner hatten, mit denen sie in Austausch standen, wenn auch nur in wenigen Fällen mit vergleichbarer Intensität, zeigt, daß sich bereits zu dieser Zeit ein internationales wissenschaftliches Netzwerk herausgebildet hatte, in und mit dem gearbeitet wurde. Dieses Netzwerk wird seit mehr als 20 Jahren an der Universität Graz als digitales Netzwerk aufgearbeitet (das elektronische Hugo Schuchardt Archiv, erreichbar unter: http://schuchardt.uni-graz.at). Bisher sind bereits etwa 8.000 Korrespondenzstücke kritisch ediert und frei zugänglich vernetzt. Das vorliegende Projekt zielt speziell darauf ab, die sehr aussagekräftige und besondere Korrespondenz zwischen den beiden beteiligten Forschern in dieses Netzwerk zu integrieren. Darüber hinaus wird das elektronische Hugo Schuchardt Archiv mit dem an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelten Aggregationsserver CorrespSearch vernetzt, wodurch der Grazer Server mit anderen vergleichbaren Projekten verbunden und gemeinsam als Forschungstool genutzt werden kann.
Die Bedeutung wissenschaftlicher Korrespondenzen für die Entwicklung einschlägiger Diskurse in der Phase der Profilierung philologisch-sprachwissenschaftlicher Disziplinen im späteren 19. Jahrhundert wurde hier anhand zweier der wichtigsten Vertreter auseinanderstrebender Felder exemplifiziert. Es handelt sich um den französischen Philologen Gaston Paris, eine der Schlüsselfiguren seines Faches und den Grazer Romanisten und Sprachwissenschaftler Hugo Schuchardt, der als einer der nachhaltigsten Erneuerer gewirkt hat. Nicht nur kommen die trotz vergleichbarer Ausbildung und Ausgangslage auseinanderstrebenden Entwicklungen von Philologie und Linguistik ins Blickfeld, es entfaltet sich in diesem Briefwechsel auch ein Zeitzeugnis über die historischen und politischen Geschehnisse der vier Jahrzente des Austausches. Der sehr umfangreiche Anmerkungsapparat kontextualisiert die einzelnen Schreiben und Diskussionen sowohl wissenschafts- als auch kulturhistorisch. Schuchardt versuchte, jedes sich eröffnende Fach zu transzendieren und wurde nicht müde, die Peripherie ins Zentrum des Interesses zu stellen. Aber auch theoretische Fragestellungen, die gerade die Berührungspunkte zwischen den beiden Wissenschaftlern sind, ziehen sich in kritischer, aber auch ironischer Form durch den epistolarischen Kontakt. Hervorzuheben ist hier die Lautgesetzfrage, die Schuchardt ja als einer der schärfsten Opponenten stark befeuert hat. Es gab einzelne Etymologien, wie jene zu französisch trouver, deren Diskussion sich über Jahre hinzog und die letztlich bis heute die Geister scheidet. Diese Auseinandersetzung war auch eine über den Positivismus des späten 19. Jahrhunderts, hier der Junggrammatiker, dem Schuchardt unter Zuhilfenahme anderer Disziplinen neue Denkhorizonte entgegenzustellen trachtete. Auch als Begründer der Kreolistik hat Schuchardt vollkommen neue Wege der Forschung eingeschlagen, die zu jener Zeit nur mittels Korrespondenzen zu empirischer Verlässlichkeit aufsteigen konnte. Hier gab es insofern Berührungspunkte, als Paris ihn in der Kontaknahme mit Informanten zu einzelnen französischen Kreols unterstützte. Die Breite der in dem Briefwechsel gestellten Themen ist sehr beachtlich. Es zeigen sich aber durchaus auch politisch unterschiedliche Einschätzungen. So nimmt Schuchardt es Gaston Paris übel, und diese Diskussion zieht sich ebenfalls über Jahre, sich in der Dreyfus-Affäre nicht bestimmt engagiert zu haben. Insofern bildet dieser Briefwechsel ein exzellentes Beispiel der Verbindung von Geisteswissenschaft und Gesellschaft und konstituiert ein wertvolles Element des kulturellen Erbes. Es war ein zentrales Anliegen des Projekts, diesen Briefwechsel einerseits als solchen zugänglich zu machen, andererseits ihn in das Gesamtprojekt, nämlich das digitale Hugo Schuchardt Archiv mit all seinen Vernetzungen und Möglichkeiten zu integrieren. Dort sind bereits über 10.000 weitere Briefe von insgesamt etwa 800 Korrespondenzpartnern kommentiert, vernetzt und digital veröffentlicht, woraus sich ein sehr komplexes und vollständiges Bild der Entwicklung einer wichtigen Phase der Etablierung und Institutionalisierung der Geisteswissenschaften ergibt. Diese enorme Datenbasis eröffnet zahlreiche Zugänge für Forscher und Interessierte. Dieses ist über die Webseite des Archivs (schuchardt.uni-graz.at) in open access frei zugänglich. Eine traditionelle und ausführlich kommentierte Printedition und zwei wissenschaftliche Veranstaltungen vervollständigen die Projektarbeit.
- Universität Graz - 100%
- Ursula Bähler, University of Zurich - Schweiz
Research Output
- 6 Publikationen
- 1 Datasets & Models
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2024
Titel Slavo-allemand et slavo-italien. Hommage à Monsieur Franz von Miklosich (1884), by Hugo Schuchardt DOI 10.1163/19552629-bja10083 Typ Journal Article Autor Hurch B Journal Journal of Language Contact Seiten 463-469 Link Publikation -
2022
Titel Das optimale Datenmodell - Eine Spurensuche im Möglichkeitsfeld der Kodierung DOI 10.5281/zenodo.6322566 Typ Other Autor Saric S Link Publikation -
2022
Titel Das optimale Datenmodell - Eine Spurensuche im Möglichkeitsfeld der Kodierung DOI 10.5281/zenodo.6322567 Typ Other Autor Saric S Link Publikation -
2022
Titel Das optimale Datenmodell - Eine Spurensuche im Möglichkeitsfeld der Kodierung DOI 10.5281/zenodo.6328159 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Saric S Link Publikation -
2022
Titel Das optimale Datenmodell - Eine Spurensuche im Möglichkeitsfeld der Kodierung DOI 10.5281/zenodo.6328158 Typ Conference Proceeding Abstract Autor Saric S Link Publikation -
2023
Titel Serenella Baggio / Pietro Taravacci (edd.), Lingua franca, lingue franche. Atti della Giornata di studi (Trento, 5 febbraio 2021), Alessandria, Edizioni dell’Orso, 2021, 345 p. DOI 10.1515/zrp-2023-0023 Typ Journal Article Autor Hurch B Journal Zeitschrift für romanische Philologie Seiten 626-632