Erster Weltkrieg im Antropozän: Umwelt und Imperienfall in Osteuropa
Great War and Anthropocene: Empire and Environment in Eastern Europe
Bilaterale Ausschreibung: Russland
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
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Great War,
Antropocene,
Imperial Debris,
Toxis Landscapes,
Environmental History,
Galicia
Ein Gemeinschaftsprojekt gefördert von der RBFR und FWF. Projektpartnerinnen: Prof. Dr. Kerstin Susanne Jobst, Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien (Leitung); Prof. Dr. Oxana Nagornaja, Staatliche Pädagogische Universität Jaroslawl (Co- Leiterin); Prof. Dr. Kerstin von Lingen, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien (Kooperationspartnerin) Bisher wurde Krieg oft als Auslöser humanitärer Katastrophen wahrgenommen. Doch stimulierten militärische Konflikte auch die Entwicklung neuer Technologien und Infrastrukturen, die Transformation neuer Modelle des Produktionsmanagements sowie die Erprobung neuer Methoden zur Kontrolle sozialer Gruppen und zur Durchsetzung der Herrschaft über die Umwelt. In diesem Entwicklungstrend erscheint der Erste Weltkrieg als eine entscheidende Zäsur: Seine Frontlinien durchschnitten riesige Territorien zu Lande und zu Wasser, der Einsatz chemischer Waffen und anderer zerstörerischer Technologien veränderte das Erscheinungsbild der militarisierten Landschaften der beteiligten Länder, und die frontnahen und rückwärtigen Gebiete erfuhren einen starken Modernisierungsschub. Waren in der Neuzeit noch die Veränderungen direkt mit den Schlachtfeldern verbunden und ihre Folgen lokal und kurzfristig, so machte die Totalisierung der militärischen Operationen diese Folgen nun global und unumkehrbar. Der aus der Geochronologie entlehnte Begriff "Anthropozän" bezeichnet ein geologisches Zeitalter mit einem hohen Maß an menschlichem Einfluss auf Ökosysteme. Ziel ist es, die Rolle des "Großen Krieges" als eine der entscheidenden Zäsuren des Anthropozäns zu verstehen, als die Art der Kriegsführung und der Zusammenbruch von Imperien den zerstörerischen Charakter der Interaktion zwischen Mensch und Umwelt verstärkte und die geologische Form der Landschaften in Mittel- und Osteuropa beeinflusste. Die österreichisch-russische Front des Ersten Weltkriegs hat aus verschiedenen Gründen lange Zeit kein so aktives Forschungsinteresse erfahren wie die Westfront. Das Projekt hat zum Ziel, die Auswirkungen der militärischen Aktionen auf die Umwelt und Lebenswelten der Bevölkerung, auf die Art und Weise des Umgangs mit den natürlichen Ressourcen und auf die industrielle Transformation von Territorien und Landschaften zu analysieren, mit besonderem Fokus auf Galizien und der Region Tarnow, Lemberg und Przemysl. Die Untersuchung von Prozessen der De- und Rekonstruktion der Umwelt am Ende der Existenz der multinationalen Imperien Russlands und Österreich-Ungarns illustriert das schwierige Verhältnis zwischen Mensch und Natur im zwanzigsten Jahrhundert. Übergeordnet über alle Projekte beschäftigt sich das Team mit konzeptionellen Fragen zur Epoche des Imperienzerfalls und aufbauend auf den Theorien Ann Stolers von Imperial Debris, und fragt hierbei nicht nach Ruinen als Zeugnis der Vergangenheit, sondern setzt den Fokus auf "Ruinierung" als diejenigen Prozesse, durch die imperiale Macht die Gegenwart besetzt. Die Hypothese des Projekts ist, dass der Erste Weltkrieg an der Ostfront die entscheidenden Trends in der Entwicklung von Umweltdiskursen und -praktiken in den Ländern Mittel- und Osteuropas festlegte: der Wunsch nach Annexion der Natur und ihre Eroberung durch gigantische technologische Projekte (wie z.B. gigantische Staudämme), Versuche, Ressourcensicherheit durch Umweltpolitik zu gewährleisten. Im Einzelnen beschäftigen sich die österreichischen und russischen ProjektpartnerInnen mit Fragen der Umweltzerstörung durch militärische Artillerie und Fortifkationen, Wasserstraßen- und Eisenbahnausbau, und zivilen Raubbau an der Natur; mit Fragen des Sanitätswesens und der Militärmedizin, insbesondere dem Umgang mit dem Sterben durch Lazarette und Errichtung von vorläufigen Gräberanlagen, sowie dem Umgang mit Epidemien.
- Universität Wien - 100%
- Kerstin Von Lingen, Universität Wien , nationale:r Kooperationspartner:in