Skeptizismus und Selbstwissen
Skepticism and Self-Knowledge
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
-
Skepticism,
Theory of Knowledge,
Self-Knowledge,
Epistemology
Das Ziel dieses Projekts ist, das Problem des Cartesischen Skeptizismus zu erklären und zu lösen. Dieses Problem wird in der zeitgenössischen Philosophie als folgendes Argument diskutiert: Wenn ich Wissen über die Außenwelt besitze, dann weiß ich, dass die skeptische Hypothese falsch ist. Ich weiß aber nicht, dass die die skeptische Hypothese falsch ist. Daher besitze ich kein Wissen über die Außenwelt. Dieses Argument ist deshalb problematisch, weil beide Prämissen plausibel erscheinen, aber die Konklusion unannehmbar ist. Eine zufriedenstellende Lösung dieses skeptischen Problems muss daher erstens zeigen, wie wir Wissen über die Außenwelt besitzen können, und zweitens die verblüffende Plausibilität des skeptischen Szenarios erklären. Eine derartige Lösung und Erklärung des skeptischen Problems stellt auch für die zeitgenössische Erkenntnistheorie eine der zentralen Herausforderungen dar. Dementsprechend werden zahlreiche miteinander konkurrierende anti- skeptische Strategien diskutiert, angegriffen oder verteidigt. Diese anti-skeptischen Strategien sind aus unterschiedlichen Gründen unbefriedigend. Einige können nicht überzeugend argumentieren, dass wir Wissen über die Außenwelt besitzen können, einige können nicht die Plausibilität des skeptischen Szenarios erklären und einige scheitern aus beiden Gründen. Insofern ist das Problem des Skeptizismus nach wie vor als ungelöst anzusehen. Ich werde bezüglich des skeptischen Problems folgenden Standpunkt vertreten: Personen können in der Reflexion über sich selbst zwei verschiedene Perspektiven einnehmen, erstens eine gewöhnliche Perspektive und zweitens eine Dritte-Person-Perspektive. Wenn wir mit Moore schließen, dass wir Wissen über die externe Welt besitzen und durch Ableitung daraus wissen, dass die skeptische Hypothese falsch ist, dann erlangen wir zwar Wissen über uns selbst, aber nicht aus einer Dritte-Person-Perspektive. Allerdings nehmen wir im Kontext des Kartesischen Zweifelns einer Dritte-Person-Perspektive gegenüber unseren eigenen mentalen Einstellungen ein und lassen nur Wissen über uns selbst zu, das aus einer Dritte-Person-Perspektive erfolgt. Unsere Fähigkeit, eine Dritte-Person- Perspektive einzunehmen, erklärt daher die beiden Intuitionen, dass das Argument des Kartesischen Skeptizismus für uns so plausibel ist und dass Moores Schlüsse unangemessen sind. Allerdings müssen wir im Prozess des normalen Wissenserwerbs keine Dritte-Person-Perspektive einnehmen. Daher können wir empirisches Wissen über die Außenwelt erwerben und daraus mit Moore schließen, dass die skeptische Hypothese falsch ist. Das Rätsel des Skeptizismus basiert auf einer Verwechslung von zwei Perspektiven des Wissens von Personen über sich selbst. Insofern können die beiden Forschungsziele dieses Projekts erreicht werden, nämlich erstens darzustellen, wie wir Wissen über die Außenwelt besitzen können, und zweitens die Plausibilität des skeptischen Arguments zu erklären, indem ein Standpunkt verteidigt wird, der als Perspektivismus bezeichnet werden kann.
Ziel dieses Projekts war es, das für die zeitgenössische Erkenntnistheorie zentrale Problem des Außenweltskeptizismus zu erklären, d.h. zu erklären, wie wir Wissen über die Außenwelt besitzen können, wenn es doch möglich ist, dass all unsere Erfahrungen und Überzeugungen nur Resultate eines allumfassenden Täuschungsvorgangs sind. In diesem Projekt wurde ein innovativer Erklärungsansatz verfolgt. Dieser basiert auf der Hypothese, dass wir im Rahmen des skeptischen Zweifelns an der Wahrheit unserer Überzeugungen einen besonderen psychologischen Standpunkt einnehmen, der mit Selbstreflexion in psychotherapeutischen Kontexten oder mit Achtsamkeit in Meditationen vergleichbar ist. All diesen psychologischen Prozessen ist gemein, dass das reflektierende Subjekt einen distanzierten und insofern skeptischen Standpunkt bezüglich den eigenen Überzeugungen einnimmt. Im Rahmen dieses Projekts konnte gezeigt werden, dass skeptische Intuitionen essentiell an diese spezifischen psychologischen Prozesse gekoppelt sind. Worin besteht das Problem des Außenweltskeptizismus konkret? Dieses Problem wird in der zeitgenössischen Philosophie als folgendes Argument diskutiert: Wenn ich Wissen über die Außenwelt besitze, dann weiß ich, dass nicht all meine Erfahrungen und Überzeugungen nur Resultat einer Täuschung sind. Ich weiß aber nicht, dass eine solche Täuschung nicht vorliegt. Daher besitze ich kein Wissen über die Außenwelt. Dieses Argument deckt eine Art Rätsel auf: Jede der Prämissen erscheint plausibel, aber die Konklusion erscheint inakzeptabel. Demnach muss eine zufriedenstellende Lösung des skeptischen Problems zwei Kriterien erfüllen: Erstens muss sie erklären, wie wir Wissen über die Außenwelt besitzen können, und zweitens muss sie erklären, warum uns das skeptische Argument so erstaunlich plausibel erscheint. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden in diesem Forschungsprojekt zwei Arten von kognitiven Prozessen unterschieden, erstens normaler Glaubenserwerb und normale Selbstreflexion und zweitens Selbstreflexion, die darauf basiert, dass eine Person ihre eigenen Erlebnisse und Überzeugungen anzweifelt. In diesem Projekt wurde in mehreren internationalen Publikationen gezeigt, dass die meistdiskutierten skeptischen Intuitionen nur psychologische Prozesse des zweiten Typs betreffen. Es konnte gezeigt werden, dass wir in Kontexten alltäglicher Selbstreflexion wie normalerweise erwartet Wissen über die Außenwelt und Wissen, dass wir nicht getäuscht werden, besitzen. Wenn wir jedoch in philosophischen Kontexten unsere eigenen Überzeugungen anzweifeln, dann wird ein spezieller psychologischer Prozess wirksam, der skeptische Intuitionen unterstützt.
- Rutgers University - 100%
Research Output
- 30 Zitationen
- 9 Publikationen
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2014
Titel IS EPISTEMOLOGICAL DISJUNCTIVISM THE HOLY GRAIL? DOI 10.1163/9789004298767_022 Typ Journal Article Autor Melchior G Journal Grazer Philosophische Studien Seiten 335-346 Link Publikation -
2014
Titel A Generality Problem for Bootstrapping and Sensitivity. Typ Journal Article Autor Melchior G -
2012
Titel The Philosophy of Keith Lehrer. Special Issue of Philosophical Studies. Typ Journal Article Autor Fürst M -
2012
Titel The Philosophy of Keith Lehrer. Special Issue of Philosophical Studies. Typ Book Autor Fürst M -
2015
Titel THE HETEROGENEITY PROBLEM FOR SENSITIVITY ACCOUNTS DOI 10.1017/epi.2015.31 Typ Journal Article Autor Melchior G Journal Episteme Seiten 479-496 Link Publikation -
2012
Titel Introduction DOI 10.1007/s11098-012-9943-2 Typ Journal Article Autor Fürst M Journal Philosophical Studies Seiten 1-5 -
2013
Titel Skepticism: The Hard Problem for Indirect Sensitivity Accounts DOI 10.1007/s10670-013-9432-9 Typ Journal Article Autor Melchior G Journal Erkenntnis Seiten 45-54 -
2013
Titel Skeptical Doubting and Mindful Self-Reflection. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Melchior G Konferenz Mind, Language and Action. Papers of the 36th International Wittgenstein Symposium. Vol. 21. Ed. by Danièle Moyal-Sharrock, Volker A. Munz and Annalisa Coliva. Kirchberg am Wechsel -
2012
Titel Skepticism: Lehrer versus Mooreanism DOI 10.1007/s11098-012-9936-1 Typ Journal Article Autor Melchior G Journal Philosophical Studies Seiten 47-58