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Hirngrössenevolution - ein experimenteller Ansatz

Evolution of vertebrate brain size: an experimental approach

Alexander Kotrschal (ORCID: 0000-0003-3473-1402)
  • Grant-DOI 10.55776/J3304
  • Förderprogramm Erwin Schrödinger
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.09.2012
  • Projektende 28.02.2014
  • Bewilligungssumme 72.590 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Biologie (85%); Medizinisch-theoretische Wissenschaften, Pharmazie (15%)

Keywords

    Brain Evolution, Brain Size, Experimental Evolution

Abstract Endbericht

Warum unterscheidet sich das menschliche Gehirn so stark von dem aller anderen Tierarten? Welche evolutionären Vorgänge prägten die Form des menschlichen Gehirns? Diese Fragen beschäftigten Generationen von Evolutionsbiologen und sind nach wie vor Schlüsselfragen der modernen Evolutionsbiologie. Massive Forschungsanstrengungen in diesem Gebiet haben in den letzten beiden Jahrzehnten beträchtlich dazu beigetragen jene Selektionsdrücke zu ergründen, die die Evolution des Vertebratengehirns vorantreiben. In vergleichenden (inner- und auch zwischenartlichen) Studien konnte der Zusammenhang zwischen der Hirngrössenvariation rezenter Arten und der Variation einer Reihe von ökologischen und verhaltensbiologischen Merkmalen dieser Arten hergestellt werden, und damit mögliche evolutionäre Vorgänge der Hirngrössenevolution aufzeigen. Aber obwohl vergleichende Studien einen wichtigen ersten Schritt in der Erforschung der Hirnevolution des Menschen darstellen, können diese Studien keinen kausalen Zusammenhang untermauern. Dazu bedarf es immer geeigneter Experimente. Mit dem hier beschriebenen Projekt versuchen wir diese Lücke zu schließen; wir wollen Schlüsselfragen der Hirnevolution mittels experimenteller Tests beantworten. Namentlich werden wir die klein- und grosshirnigen Guppylinien (Poecilia reticulata), die ich kürzlich in Niclas Kolm`s Gruppe am EBC der Universität Uppsala, Schweden entwickelt habe verwenden, um die potentiellen Kosten und Nutzen von großen bzw. kleinen Gehirnen zu untersuchen. Ich will mich zuerst auf die Verhaltenskonsequenzen von veränderter Gehirngröße konzentrieren indem ich die kognitiven Fähigkeiten der beiden Linen vergleiche. Mittels dieses einzigartigen Modellsystems werde ich dann die Konsequenzen von verschiedenem Investment in die Gehirnentwicklung untersuchen; nachdem das Gehirn zu den energetisch teuersten Organen gehört, wird eine Selektion auf dessen Größe unausweichlich zu einem "trade-off" mit anderen Körperteilen führen. Ich werde daher Unterschiede in den sekundären sexuellen Charakteristika der Männchen (teure Karotenoidfärbungen, Flossen- oder Gonopodiumgrösse und Balzverhalten) und Fertilitätsaspekte der Weibchen (Nachkommenszahl und -Größe, Zeitpunkt der Geschlechtsreife) untersuchen. Unmittelbar mit diesen Fragen verbunden werde ich den Balzerfolg untersuchen indem ich die in die Weibchen gelangten Spermien und die Nachkommen von gemischten Gruppen genetisch bestimme. Weitere, durch theoretische und vergleichende Forschung vorhergesagte trade-offs, die ich untersuchen will sind die Lebenserwartung, die Größe des Verdauungstraktes und Aspekte der Physiologie wie etwa metabolische Rate. Aber ich werde auch untersuchen, wie Hirnmorphologie auf starke Hirngrößenselektion reagiert und daher eruieren, ob einige Hirnareale stärker wachsen als andere und ob sich die Neuronenzahl oder deren Größe verändert. Schließlich werde ich mit Hilfe quantitativer Genetik die Varianz und Covarianz wischen Gehirngröße, Körpergröße und Lebensgeschichte innerhalb des ca. 2000 Individuen und fünf Generationen umfassenden Stammbaums ermitteln. Im Zuge der Beantwortung dieser Fragen werde ich mit führenden Wissenschaftlern anderer Fachgebiete zusammenarbeiten, drei Diplomstudenten betreuen und 5-7 wissenschaftliche Artikel produzieren. Ich hoffe das erworbene Know-how dann nach Österreich zu bringen, wenn ich nach Wien zurückkehre.

Warum unterscheidet sich das menschliche Gehirn so stark von dem aller anderen Tierarten? Welche evolutionären Vorgänge prägten die Form des menschlichen Gehirns? Diese Fragen beschäftigten Generationen von Evolutionsbiologen und sind nach wie vor Schlüsselfragen der modernen Evolutionsbiologie. Massive Forschungsanstrengungen in diesem Gebiet haben in den letzten beiden Jahrzehnten beträchtlich dazu beigetragen jene Selektionsdrücke zu ergründen, die die Evolution des Vertebratengehirns vorantreiben. In vergleichenden (inner- und auch zwischenartlichen) Studien konnte der Zusammenhang zwischen der Hirngrößenvariation rezenter Arten und der Variation einer Reihe von ökologischen und verhaltensbiologischen Merkmalen dieser Arten hergestellt werden, und damit mögliche evolutionäre Vorgänge der Hirngrößenevolution aufzeigen. Aber vergleichende Studien können keinen kausalen Zusammenhang herstellen, dazu bedarf es immer geeigneter Experimente. Mit dem hier beschriebenen Projekt haben wir begonnen diese Lücke zu schließen indem wir die Hirnevolution mittels experimenteller Tests untersucht haben. Namentlich haben wir die klein- und großhirnigen Guppylinien (Poecilia reticulata), die ich vor meinem Stipendium in Niclas Kolms Gruppe an der Universität Uppsala, Schweden gezüchtet habe, verwendet, um die Auswirkungen von großen bzw. kleinen Gehirnen zu untersuchen. Wir konnten zeigen, dass jene Individuen mit größeren Gehirnen über eine bessere Lernfähigkeit verfügen. Damit war der erste experimentelle Nachweis eines kognitiven Vorteils größerer Gehirne erbracht. Nachdem das Gehirn zu den energetisch teuersten Organen gehört, wird eine Selektion auf dessen Größe unausweichlich zu einem trade-off (einem Abtausch von Energie) mit anderen Körperteilen führen, was wir durch geringen Fortpflanzungserfolg und geringere Darmgröße bei großhirnigen Fischen auch zeigen konnten. Da Ornamente der Partnerwerbung meist energetisch teuer sind, haben wir erwartet, dass die großhirnigen Männchen auch über eine geringere Ausprägung solcher Ornamente (etwa weniger prächtige Färbung) verfügen. Überraschenderweise war das Gegenteil der Fall: Die Männchen mit den großen Gehirnen zeigten nicht nur ausgeprägtere Farbmuster, sondern auch längere Schwanzflossen und Gonopodien (das Fortpflanzungsorgan). Dieses unerwartete Ergebnis hat uns zu einer neuen Sichtweise auf den Zusammenhang zwischen Gehirngrößenevolution und der Evolution sexuell selektionierter Merkmale verholfen, nämlich dass die Selektion auf generelle Kondition die Evolution beider Aspekte vorantreiben könnte. Weitere Projekte haben sich mit dem Einfluss der Gehirngröße auf die Persönlichkeitsentwicklung, die Physiologie und die Partnerwahl beschäftigt. Das momentan aufsehenerregendste Ergebnis betrifft aber die Entdeckung eines Gehirngrößen-Gens. Mittels neuester molekulargenetischer Methoden, im Rahmen einer Kollaboration mit dem University College London und der Universität Helsinki haben wir in den Gehirnen unserer Fische ein einziges Gen identifiziert, dass sich zwischen groß- und kleinhirnigen Individuen in der Expressionsintensität unterscheidet. Wir haben die Expression dieses Gens dann experimentell in Zebrafischen verändert und konnten so auch deren Gehirngröße verändern. Zur Zeit laufen außerdem noch mehrere Folgeversuche; unter anderem zum Überlebensvorteil eines großen Gehirnes unter natürlichen Bedingungen.

Forschungsstätte(n)
  • University of Uppsala - 100%
  • Veterinärmedizinische Universität Wien - 100%

Research Output

  • 1098 Zitationen
  • 14 Publikationen
Publikationen
  • 2014
    Titel The mating brain: early maturing sneaker males maintain investment into the brain also under fast body growth in Atlantic salmon (Salmo salar)
    DOI 10.1007/s10682-014-9715-x
    Typ Journal Article
    Autor Kotrschal A
    Journal Evolutionary Ecology
    Seiten 1043-1055
    Link Publikation
  • 2014
    Titel A larger brain confers a benefit in a spatial mate search learning task in male guppies
    DOI 10.1093/beheco/aru227
    Typ Journal Article
    Autor Kotrschal A
    Journal Behavioral Ecology
    Seiten 527-532
    Link Publikation
  • 2014
    Titel ARTIFICIAL SELECTION ON RELATIVE BRAIN SIZE REVEALS A POSITIVE GENETIC CORRELATION BETWEEN BRAIN SIZE AND PROACTIVE PERSONALITY IN THE GUPPY
    DOI 10.1111/evo.12341
    Typ Journal Article
    Autor Kotrschal A
    Journal Evolution
    Seiten 1139-1149
    Link Publikation
  • 2014
    Titel Comparative support for the expensive tissue hypothesis: Big brains are correlated with smaller gut and greater parental investment in Lake Tanganyika cichlids
    DOI 10.1111/evo.12556
    Typ Journal Article
    Autor Tsuboi M
    Journal Evolution
    Seiten 190-200
    Link Publikation
  • 2013
    Titel Artificial Selection on Relative Brain Size in the Guppy Reveals Costs and Benefits of Evolving a Larger Brain
    DOI 10.1016/j.cub.2012.11.058
    Typ Journal Article
    Autor Kotrschal A
    Journal Current Biology
    Seiten 168-171
    Link Publikation
  • 2014
    Titel Developmental plasticity of growth and digestive efficiency in dependence of early-life food availability
    DOI 10.1111/1365-2435.12230
    Typ Journal Article
    Autor Kotrschal A
    Journal Functional Ecology
    Seiten 878-885
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Selection for brain size impairs innate, but not adaptive immune responses
    DOI 10.1098/rspb.2015.2857
    Typ Journal Article
    Autor Kotrschal A
    Journal Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences
    Seiten 20152857
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Sexual selection impacts brain anatomy in frogs and toads
    DOI 10.1002/ece3.2459
    Typ Journal Article
    Autor Zeng Y
    Journal Ecology and Evolution
    Seiten 7070-7079
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Brain size affects the behavioural response to predators in female guppies (Poecilia reticulata)
    DOI 10.1098/rspb.2015.1132
    Typ Journal Article
    Autor Van Der Bijl W
    Journal Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences
    Seiten 20151132
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Brain size affects female but not male survival under predation threat
    DOI 10.1111/ele.12441
    Typ Journal Article
    Autor Kotrschal A
    Journal Ecology Letters
    Seiten 646-652
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Positive genetic correlation between brain size and sexual traits in male guppies artificially selected for brain size
    DOI 10.1111/jeb.12608
    Typ Journal Article
    Autor Kotrschal A
    Journal Journal of Evolutionary Biology
    Seiten 841-850
    Link Publikation
  • 2013
    Titel The benefit of evolving a larger brain: big-brained guppies perform better in a cognitive task
    DOI 10.1016/j.anbehav.2013.07.011
    Typ Journal Article
    Autor Kotrschal A
    Journal Animal Behaviour
    Link Publikation
  • 2015
    Titel The effect of brain size evolution on feeding propensity, digestive efficiency, and juvenile growth
    DOI 10.1111/evo.12784
    Typ Journal Article
    Autor Kotrschal A
    Journal Evolution
    Seiten 3013-3020
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Brain size affects the behavioural response to predators in female guppies (Poecilia reticulata).
    Typ Conference Proceeding Abstract
    Autor Kolm N Et Al

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