Theorie, Praxis u. Transfer der nationalen Personalautonomie
Theory, Practice and Transfer of National Personal Autonomy
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Sozialwissenschaften (40%); Geschichte, Archäologie (50%); Rechtswissenschaften (10%)
Keywords
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Galician Compromise,
Nationalities Policy In Habsburg Empire,
National Personal Autonomy,
National Catastres,
Interwar Ethnic Minorities Policies,
Ethnification Of Society
Personalautonomiekonzepte sind beziehungsweise waren ein Versuch, nationalen Konflikten auf einer neuer Weise zu begegnen. Im Gegensatz zu Territorialautonomie, die allen Bewohnern eines bestimmten Gebiets ohne Rücksicht auf deren nationale Zugehörigkeit eine gewisse Form von Selbstverwaltung gewährt, gilt eine Personalautonomieregelung für alle Personen einer nationalen Gruppe unabhängig von ihrem Wohnort innerhalb des jeweiligen Staats. Personalautonomie eignet sich daher insbesonders für Länder mit unscharfen nationalen Trennungslinien oder mit Minderheiten, die über das gesamte Staatsgebiet verstreut leben. Das Hauptproblem einer solchen Autonomieform besteht darin, festzustellen für wen sie gelten soll. Um Mitgliederlisten erstellen zu können, legten die Behörden nationale Kataster an, in denen die Nationalität eines jeden Bürgers registriert wurde. Diese nationale Kategorisierung wiederum führt beinahe zwangsläufig zu neuen Problemen. Drei Untersuchungsebenen durchziehen dieses Projekt. Zunächst möchte ich mich auf die Habsburgermonarchie konzentrieren, in der die Idee der Personalautonomie entwickelt und erstmals umgesetzt wurde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand in Österreich-Ungarn eine intensive Diskussion über unterschiedliche Ansätze zur Lösung der staatsgefährdenden Nationalitätenfrage statt. Bekannte Beiträger waren etwa die Austro-Marxisten Karl Renner und Otto Bauer. Zur selben Zeit führten drei österreichische Kronländer eben solche Personalautonomieregelungen ein: Mähren (1905), die Bukowina (1910) und Galizien (1914). Der bis heute praktisch unerforschte Galizische Ausgleich zwischen Ruthenen und Polen soll, obwohl er kriegsbedingt nicht implementiert wurde, als Fallbeispiel dienen, wie solche Personalautonomieregelungen ausgehandelt wurden und was man von ihrer praktischen Umsetzung erhoffte. Eine zweite Untersuchungsebene betrifft den Transfer von Personalautonomiekonzepten ins Ost(mittel)europa der Zwischenkriegszeit. Mehrere Länder erließen oder diskutierten solche nationalen Selbstverwaltungsregelungen für ihre jeweiligen Minderheitenbevölkerungen. Tatsächlich umgesetzt wurden sie jedoch nur in Estland und in gewissem Maße, und nicht unter diesem Namen, in der Sowjetunion. Nichtsdestoweniger wurde diese Idee europaweit in Parteien und Organisationen lebhaft diskutiert, etwa innerhalb des Jüdischen Arbeiterbunds und des Europäischen Nationalitätenkongresses. Als letzte Untersuchungsebene möchte ich mich mit jenen Problemen auseinandersetzen, die durch nationale Personalautonomieregelungen entstanden, wobei ich mich hauptsächlich auf die Problematik nationaler Kataster konzentrieren werde. Abgesehen davon, dass einige Personen sich nicht national definieren wollten, konnten oder unangenehme Konsequenzen fürchteten, beschleunigten solche nationalen Register die Ethnisierung der ganzen Bevölkerung. Anstatt den grassierenden Nationalismus zu besänftigen sperrten solche Kataster jeden Staatsbürger in ein enges nationales Korsett und verstärkten oft eher das Denken in nationalen Kategorien. Dieses Projekt möchte einen Beitrag zur Untersuchung nichtterritorialer Autonomiekonzepte und zur Erforschung von Nationalisierungsprozessen liefern. Es soll sowohl einzelne Fallstudien umgesetzter Personalautonomieregelungen als auch theoretische Herangehensweisen umfassen, sowie Kontinuitäten von der Habsburgermonarchie in die Zwischenkriegszeit nachzeichnen.
Das Ziel dieses Projekts ist die Erforschung der Geschichte der Idee der national-personalen Autonomie mit einem besonderen Augenmerk auf ihre außerordentliche Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche zeitliche, räumliche und ideologische Gegebenheiten. Dabei handelt es sich um ein wenig bekanntes Konzept zur Lösung nationaler Konflikte, bei dem weder das Individuum noch ein bestimmtes Gebiet Träger der Selbstverwaltung ist, sondern alle Mitglieder einer Nation nationale Rechte genießen. Daraus folgt aber gleichzeitig das Problem zu definieren, wer welcher Nation angehört. Ich spüre zunächst den Anfängen dieser in der Habsburgermonarchie in Theorie und Praxis entstandenen Idee nach. Darüber hinaus zeige ich, wie sich dieses Konzept in der Zwischenkriegszeit aus einem linken, einem liberalen aber auch rechten ideologischen Denkschema argumentieren ließ. Im Rahmen des Schrödinger-Stipendiums verbrachte ich ein Jahr am Institute for Advanced Study (IAS) der Central European University in Budapest und eine anschließende sechsmonatige Rückkehrphase am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Dieses Stipendium war der Auftakt für ein groß angelegtes Projekt, für das ich im November 2014 das dreijährige APART-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einwerben konnte. Neben der konzentrierten Arbeit an neuen Projektanträgen nützte ich diese 18 Monate zur weiteren Lektüre von Primär- und Sekundärliteratur. Außerdem vertiefte ich meinen methodischen Ansatz, der stark auf den Konzepten von Transfer und Transnationalismus basiert. Das Ergebnis dieser eineinhalb Jahre waren mehrere wissenschaftliche Vorträge und die Organisation eines interdisziplinären Symposiums, für das ich rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus aller Welt gewinnen konnte, die zu diesem Thema arbeiten. Vorläufige Ergebnisse präsentierte ich aber nicht nur auf Konferenzen, sondern publizierte auch zwei anonym begutachtete Aufsätze in internationalen Zeitschriften. In dem Einen zeige ich, dass in den letzten Jahren der Habsburgermonarchie national-personale Autonomielösungen als das vielleicht aussichtsreichste Konzept galten, um nationale Konflikte zu entspannen. Im anderen beschäftige ich mich mit den sehr divergierenden Einstellungen galizisch-jüdischer Akteure hinsichtlich des Galizischen Ausgleichs von 1914 und den darin enthaltenen Bestimmungen zur jüdischen Vertretung im Landtag. Zusätzlich habe ich mehrere Aktivitäten für die interessierte Öffentlichkeit gesetzt. Anlässlich des 100. Jahrestags des Galizischen Ausgleichs im Februar 2014 kuratierte ich in den Räumlichkeiten der Universitätsbibliothek Wien etwa eine Ausstellung zu den unterschiedlichen Ausgleichen in der Habsburgermonarchie und anderen national-personalen Autonomieregelungen in der Zwischenkriegszeit und heute. Außerdem gestaltete ich einen 20-minütigen Radiobeitrag für das Sendeformat Betrifft Geschichte auf Radio Österreich 1.
Research Output
- 48 Zitationen
- 4 Publikationen
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2015
Titel Habsburg Austria: Experiments in Non-Territorial Autonomy DOI 10.1080/17449057.2015.1101838 Typ Journal Article Autor Kuzmany B Journal Ethnopolitics Seiten 43-65 Link Publikation -
2015
Titel The Rise and Limits of Participation DOI 10.1163/18763308-04202002 Typ Journal Article Autor Kuzmany B Journal East Central Europe Seiten 216-248 Link Publikation -
2014
Titel Book review on: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts. Vol. 10. Focus: Jewish Participation in Municipal Self-Administrations in East-Central Europe, ed. Hanna Kozinska-Witt and Marcos Silber. (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011). Typ Journal Article Autor Kuzmany B Journal Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung. Also in: PolInt (2014) -
2014
Titel Steven Seegel. Mapping Europe's Borderlands: Russian Cartography in the Age of Empire. Chicago, London: University of Chicago Press, 2012. Pp. 368, illus., maps, tables. DOI 10.1017/s0067237813000726 Typ Journal Article Autor Kuzmany B Journal Austrian History Yearbook Seiten 239-241