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Männlichkeiten in deutscher und chinesischer Literatur

Masculinities in German and Chinese literature

Arnhilt Hoefle (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/J3546
  • Förderprogramm Erwin Schrödinger
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.09.2014
  • Projektende 30.04.2017
  • Bewilligungssumme 150.190 €

Wissenschaftsdisziplinen

Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)

Keywords

    German literature, Chinese literature, Postcolonial Theory, Masculinities, Politics, Power

Abstract Endbericht

ONE-PAGE SUMMARY Meine grundlegende Forschungsfrage lautet, ob die Kategorie Gender für die Analyse von orientalistischen und okzidentalistischen Diskursformen berechtigt ist und mit welchem Anspruch sie verwendet werden kann. In vier Abschnitten soll anhand von Fallbeispielen analysiert werden, wie chinesische Männer in der deutschen Literatur und umgekehrt, wie deutsche Männer in der chinesischen Literatur seit dem 18. Jahrhundert dargestellt wurden. Spezifischer werde ich nach den Funktionen fragen, die diese Darstellungen in globalen und nationalen politischen Machtkämpfen und schließlich im Streben nach kultureller und politischer Modernität innehaben können. Durch meinen komparatistischen Ansatz werde ich die einseitige Verwendung der Binarität des Selbst und des Anderen in traditionellen Ansätzen der postkolonialen Theorie und Gender Studies kritisch hinterfragen und eine neue Theorie von Gender und Transkulturalität formulieren, die den Anspruch erhebt, für die gesamten Kulturwissenschaften relevant zu sein. Zunächst werde ich Repräsentationen von asexuellen chinesischen Männern untersuchen, die in der deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts vorherrschen (Werke von Goethe, Schiller und Fontane). Literatur über die legendäre Affäre des deutschen Grafen von Waldersee (1832-1904) mit der chinesischen Kurtisane Sai Jinhua (1874-1936) wird im zweiten Teil als Fallbeispiel dienen. Im dritten Teil sollen die sozialistischen Strategien, mutige, männliche, chinesische Helden darzustellen, in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts erforscht werden (Werke von Anna Seghers, Friedrich Wolf). Im letzten Teil werde ich die Werke von chinesischen Schriftstellerinnen des späten 20. Jahrhunderts analysieren, vor allem Wei Huis kontroversen Roman Shanghai Baby (1999) über eine chinesisch-deutsche Dreiecksbeziehung. Die vier Abschnitte werden je einen Schlüsselmoment und eine Schlüsselfrage der transkulturellen Begegnungen in der deutschen und chinesischen Literaturgeschichte beleuchten und so zu meinen Forschungsfragen beitragen. Eine komparatistische Studie wie diese wurde noch nie zuvor weder innerhalb der Germanistik noch der Sinologie unternommen und insbesondere die Frage nach Männlichkeit wurde bereits zu lange vernachlässigt. Mein Projekt positioniert sich daher an führender Stelle innerhalb der Literaturwissenschaft, Kulturgeschichte und Kulturtheorie. Es wird mehrere Forschungslücken füllen und einen einzigartigen und hochaktuellen Beitrag für die akademischen Disziplinen der Germanistik, Sinologie, Komparatistik und der Kritischen Theorie leisten. Ich beabsichtige, das Projekt während eines 24-monatigen Aufenthaltes zunächst an der University of California, Berkeley durchzuführen; einer weltweit führenden Universität, die sowohl im Bereich der Germanistik als auch der Sinologie den bestmöglichen Kontext für ein interdisziplinäres Projekt wie dieses bietet. Anschließend werde ich im Rahmen einer 12-monatigen Rückkehrphase am Institut für Ostasienwissenschaften (Sinologie) an der Universität Wien tätig sein. Das Institut bietet den idealen Kontext, um die gewonnenen Erfahrungen und Kompetenzen für die Weiterentwicklung der Geisteswissenschaften in Österreich zugänglich und fruchtbar zu machen.

Ausgangspunkt dieses Erwin-Schrödinger-Projekts war die Beobachtung, dass sich literarische Texte bei der Beschreibung des kulturell Anderen auffällig oft sexuellen Metaphern bedienen. Wie durch die Studie nachgewiesen werden konnte, spielt dabei die Darstellung von Männlichkeiten eine besonders wichtige Rolle, die bisher wenig wissenschaftliche Beachtung gefunden hat. Die literaturwissenschaftlichen Analysen machten sichtbar, wie Machtverhältnisse und Hierarchien gerade durch geschlechtsspezifische Erzählstrategien konstruiert, aber auch destabilisiert werden können.In ausgewählten Fallbeispielen wurde untersucht, wie literarische Figuren chinesischer Männer in der deutschsprachigen Literatur und wie Figuren deutscher Männer in der chinesischsprachigen Literatur in unterschiedlichen historischen Kontexten zwischen dem 18. und dem 21. Jahrhundert dargestellt wurden. Es zeichneten sich dabei Kontinuitäten wie auch Brüche in den literarischen Verfahren ab. So setzten sich sozialistische SchriftstellerInnen im deutschsprachigen Europa der 1930er und 1940er Jahre vor allem aus ideologischen Gründen deutlich von orientalistischen Literaturtraditionen des 18. und 19. Jahrhunderts ab. Im Gegensatz zu den oft exotisierten und erotisierten weiblichen Figuren entwickelten sie erstmals starke männliche chinesische Figuren in ihren Texten. Chinesische Werke des späten 20. Jahrhunderts, andererseits, führten ein bekanntes Motiv weiter. Die Dreiecksbeziehung zwischen einer chinesischen Frau, einem impotenten chinesischen und einem potenten deutschen Liebhaber stellte sich seit Ende des 19. Jahrhunderts als besonders wirkungsvolles literarisches Mittel heraus, zeitgenössische Gegebenheiten zu kritisieren. Der innovative Forschungsansatz konnte durch seine doppelte Perspektive auf chinesisch- und deutschsprachige Texte die häufig einseitigen bzw. eurozentrischen Tendenzen von Motivstudien aufbrechen. Im Gegensatz zur ebenfalls weit verbreiteten Praxis, ausschließlich westliche Theorien zur Untersuchung asiatischer Kontexte heranzuziehen, spielten chinesische Theorien von Gender eine genauso zentrale Rolle. Im Laufe des Projekts wurde die Analyse auch auf weitere mediale Formen erweitert. Die Studie der chinesischen Figuren in der einflussreichen Fernsehserie Tatort konnte ebenso eine enge Verflechtung zwischen der Darstellung von Gender und Kultur nachweisen. Sie eröffnete aber auch eine neue Perspektive auf das spezifische Potenzial eines anderen kulturellen Mediums, das anhand fremder Männerfiguren auf die soziale Konstruktion und Performativität von geschlechtlichen und kulturellen Identitäten aufmerksam macht.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Hamburg - 100%
  • Universität Wien - 100%

Research Output

  • 3 Publikationen
Publikationen
  • 2016
    DOI 10.5699/austrianstudies.24.2016.0244
    Typ Journal Article
    Autor Arnhilt Johanna Hoefle
    Journal Austrian Studies
  • 2016
    Titel The Liberating Masculinity of Goethe’s Werther and Its Repression in Modern China
    DOI 10.1007/978-3-319-40439-4_8
    Typ Book Chapter
    Autor Hoefle A
    Verlag Springer Nature
    Seiten 151-169
  • 2016
    Titel Review of Said El Mtouni, Exilierte Identitäten zwischen Akkulturation und Hybridität.
    Typ Journal Article
    Autor Hoefle Asj
    Journal Zeitschrift für Germanistik

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