Interkulturelle Demokratien: Macht und Ressourcenflüsse
Intercultural Democracies: Power and Resource Flows
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Naturwissenschaften (25%); Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (25%); Politikwissenschaften (50%)
Keywords
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Intercultural democracies,
Political ecology,
Environmental justice & global sustainability,
Indigenous self-determination,
Multi-scale power relations,
Resource flows (mining)
Forderungen von bis dahin ausgeschlossenen indigenen Gruppen haben in Bolivien und Ecuador zu einer Neuausarbeitung der Verfassungen und zur Anerkennung interkultureller Demokratien geführt. Gleichzeitig haben Umweltgerechtigkeitsbewegungen starken Aufwind erhalten, welche die soziopolitischen und ökologischen Auswirkungen von Erdöl- und Erdgasabbau sowie jüngst Bergbau anfechten. Wissenschaftliche Untersuchungen dieser Bewegungen haben sich bisher auf die Konsequenzen der daraus resultierenden Konflikte konzentriert, weniger jedoch auf die soziopolitischen und ökologischen Antriebskräfte. Während die Rolle eines steigenden sozialen Metabolismus d.h., der Weise, in der Gesellschaften ihren steigenden Energie- und Materialaustausch mit der Umwelt organisieren als treibende Kraft nachgewiesen werden konnte, wurde wenig Aufmerksamkeit auf Machtbeziehungen und konkurrierende sozio-politische Kräfte in postkolonialen Zusammenhängen gerichtet. Diese beeinflussen die Möglichkeit einer demokratischen Kontrolle des extraktiven Sektors aber tiefgehend, und sie sind ein zentraler Faktor um mehr Umweltgerechtigkeit und globale Nachhaltigkeit zu erreichen. Das vorgeschlagene Forschungsprojekt zielt darauf ab, jene Machtbeziehungen zu entschlüsseln, die in einer Wechselwirkung mit den biophysischen (d.h. Material- und Energie-) Flüssen einer sich ausdehnenden Ressourcenextraktion in den interkulturellen Demokratien der Anden stehen. Zwei Bergbau-bezogene Konflikte in Cuenca Poop (Bolivien) und Intag (Ecuador), wo indigene Organisationen mehr Umweltgerechtigkeit speziell durch Selbstbestimmung als Teil der interkulturellen Demokratien fordern, werden anhand gemischter Methoden analysiert: quantitative Analysen von biophysischen Flüssen und qualitative Analysen von Interviews und Daten. Dies wird potenziell aufzeigen, wie ökologische und metabolische Antriebskräfte die demokratische Teilnahme unterschiedlicher Gruppen durch multiskalare Machtbeziehungenrund um die Ressourcenaneignung ermöglichen/begrenzen. Konkurrierende sozio-politische Kräfte und Ressourcenflüsse, die in Wechselwirkung mit diesen multiskalaren Machtbeziehungenstehen,werden spezifiziert, um herauszufinden, wie diese Machtbeziehungen die demokratische Teilnahme von indigenen Gruppen und somit interkulturelle Demokratien ermöglichen/begrenzen. Dadurch wird die politische Dimension in politischer Ökologie näher ausgearbeitet, indem ein theoretischer Rahmen für postkoloniale Zusammenhänge rund um die Kategorien von Raum, Differenz und Machtbeziehungen vorgeschlagen wird, welcher auch auf Umweltgerechtigkeitsstudien angewandt werden kann. Das Verständnis von interkulturellen Demokratien wird vertieft, indem soziale Gerechtigkeit in postkolonialen Zusammenhängen untersucht und interkulturelle Demokratien mittels Differenz (und damit verbunden demokratischem Pluralismus), Raum und politischen Machtbeziehungen analysiert werden. Während meiner Forschungsaufenthalte an den beiden Gastinstitutionen, dem Department für Geographie an der Universität Cambridge und dem Institut für Umweltwissenschaften und -technologien an der Autonomen Universität von Barcelona, werde ich meine interdisziplinären Kompetenzen in quantitativer ökonomischer Analyse von Ressourcenflüssen und in postkolonialen und interkulturellen Geographien erweitern und mein Wissen in den Fachbereichen Politikwissenschaft und Lateinamerikastudien zur Verfügung stellen. Diese Fähigkeiten werden schließlich an die Universität Wien, an das Institut für Politikwissenschaften, zurückfließen, wo ich aktiv zur wissenschaftlichen Exzellenz am Institut und zur Forschungsgruppe Internationale Politische Ökologie beitragen werde.
Das Projekt Interkulturelle Demokratien: Macht- und Ressourcenflüsse hat Machtbeziehungen untersucht, auf die indigene Bewegungen für Umweltgerechtigkeit speziell in Huanuni (Bolivien) und Intag (Ecuador) treffen. Es hat sich herausgestellt, dass diese multi-skalaren Machtbeziehungen über den Zugang zu Ressourcen entscheiden und nicht nur politische Treiber von Umweltgerechtigkeitskonflikten sind sie verhindern auch die Ausübung von (formell anerkannten) interkulturellen Demokratien in Bolivien und Ecuador. Die Ergebnisse haben zum Verständnis darüber beigetragen, wie sozio-politische Kräfte auf lokaler, nationaler (und teilweise globaler) Ebene Umweltgerechtigkeit welche hier als ausschlaggebend für mehr globale Nachhaltigkeit erachtet wird am Ort der Ressourcenextraktion verhindern. Das Projekt hat Boliviens und Ecuadors plurale Wirtschaftsmodelle in den Blick genommen, die von indigenen Organisationen vorgeschlagen und 2008 bzw. 2009 verfassungsrechtlich anerkannt, allerdings seitdem nur teilweise umgesetzt wurden. Im Zuge dieser Forschungen wurde die Rolle von postkolonialer Differenz bei der Verhinderung weitergehender Demokratisierung betont. Die begrenzte Umsetzung von pluralen Wirtschaftsmodellen, welche interkulturelle Demokratisierung unterstützen sollten, wurde auf Machtbeziehungen zwischen unterschiedlichen Wirtschaftsformen zurückgeführt. Dabei werden nicht-extraktive Wirtschaftsformen durch ökologische Zerstörung entbettet (disembedded) und gesellschaftliche Beziehungen zersetzt (bspw. indem indigene Gemeinschaften und Organisationen gespalten werden). Die Betrachtung jener Dynamiken zwischen unterschiedlichen Wirtschaftsformen hat es ermöglicht, Wirtschaften in postkolonialen Settings (in denen diverse Wirtschaftsformen nebeneinander existieren) im Plural zu konzeptualisieren. Die Art und Weise, wie postkoloniale Machtbeziehungen eine weitere Demokratisierung verhindern, wurde vor allem auf lokalen und nationalen Ebenen untersucht. Es hat sich herausgestellt, dass solche Beziehungen grundlegend in Souveränitäts-Arrangements begründet sind. Die Kämpfe indigener Gruppen für Dekolonisierung haben sich beispielsweise auf die Forderung pluraler Souveränitätsrechte gestützt. Allerdings wurden diese außer Kraft gesetzt, indem eine Teilung zwischen politischer und wirtschaftlicher Souveränität in den Verfassungen beider Länder vollzogen wurde. Zugleich wurde der Zugang zu Souveränität über wirtschaftliche Entscheidungen (bspw. hinsichtlich strategischer natürlicher Ressourcen) stark zentralisiert. Das eröffnet Debatten darüber, was Dekolonisierung für unterschiedliche Akteure bedeutet und bekräftigt, dass unterschiedliche Dekolonisierungspolitiken von verschiedenen Akteuren und Interessen getragen werden. Außerdem wirft es Fragen darüber auf wie postkoloniale Machtbeziehungen, die tief verwurzelten politischen Ausschluss stärken und weitere Demokratisierung im Kontext von Ressourcenextraktion verhindern, global aufrechterhalten werden. Konzeptuell wurde eine postkoloniale und dekoloniale Perspektive mit Theorien der politischen Ökologie und Ökonomie kombiniert. Durch den starken Fokus auf postkoloniale Machtbeziehungen im Kontext laufender Ressourcenextraktion war das Projekt originell und hat zu sozialwissenschaftlichen und mit Wirtschafts- und Naturwissenschaft überlappenden interdisziplinären Debatten beigetragen. Das Forschungsprojekt hat auch das Feld der Politischen Ökologie gestärkt, indem politische Machtbeziehungen in postkolonialen politischen Zusammenhängen verortet wurden. Zudem hat es zu breiteren öffentlichen Debatten hinsichtlich Umweltgerechtigkeit und Ressourcenextraktion beigetragen.
- Universitat Autonoma de Barcelona - 75%
- University of Cambridge - 25%
- Universität Wien - 100%
Research Output
- 162 Zitationen
- 5 Publikationen
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2017
Titel Whose Voice Counts? Diversity, Postcolonial Continuities and Participation in Plurinational Andean States DOI 10.18352/erlacs.10242 Typ Journal Article Autor Radhuber I Journal ERLACS Seiten 157 Link Publikation -
2020
Titel The political geographies of D/decolonization: Variegation and decolonial challenges of /in geography DOI 10.1016/j.polgeo.2019.102128 Typ Journal Article Autor Radcliffe S Journal Political Geography Seiten 102128 Link Publikation -
2017
Titel Limits to “counter-neoliberal” reform: Mining expansion and the marginalisation of post-extractivist forces in Evo Morales’s Bolivia DOI 10.1016/j.geoforum.2015.09.002 Typ Journal Article Autor Andreucci D Journal Geoforum Seiten 280-291 -
2022
Titel Contested Sovereignties: Indigenous disputes over plurinational resource governance DOI 10.1177/25148486211068476 Typ Journal Article Autor Radhuber I Journal Environment and Planning E: Nature and Space Seiten 556-577 Link Publikation -
2015
Titel State Power and Political-Power Balance in Bolivia: An Analysis through Laws and Finances DOI 10.1111/lamp.12064 Typ Journal Article Autor Radhuber I Journal Latin American Policy Seiten 89-109