Tractatus contra Graecos - Kritische Edition und Rezeption
Tractatus contra Graecos - Critical Edition and Reception
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (40%); Philosophie, Ethik, Religion (60%)
Keywords
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Latin-Greek Relations in the Middle Ages,
Controversial Theology,
Council of Ferrara-Florence (1438-1445),
Mendicant Orders,
Tractatus contra Graecos (1252),
Critical Edition
Das Konzil von Ferrara-Florenz (1438-1445) stellte den letzten bemerkenswerten, letztlich aber dennoch erfolglosen Versuch im Mittelalter dar, die Kircheneinheit zwischen dem lateinischen Westen und dem griechischen Osten wiederherzustellen. Neben den aggressiven Aktionen, die das Schisma zwischen Ost und West vertieften, gab es ab dem Hochmittelalter aber immer auch parallele Bemühungen, diesen Bruch zu heilen. Ein Meilenstein solcher Bemühungen war das Lebenswerk eines anonymen Dominikaners aus dem Jahr 1252, der sich intensiv mit der griechischen Sprache und Kultur sowie der einschlägigen Literatur und Theologie auseinandersetzte. Auf der Grundlage seiner angelesenen Kenntnisse und Gespräche mit den Griechen war er in der Lage, eine theologische Abhandlung "gegen die Griechen" (Tractatus contra Graecos) in Konstantinopel zu verfassen, die zu einem Bestseller der kontroverstheologischen Literatur zwischen Lateinern und Griechen wurde. Bis in das 15. Jahrhundert übte sie großen Einfluss auf Theologie und Kirche und beeinflusste die Wahrnehmung der griechischen Kirche durch lateinische Autoren. Der tatsächlichen Bedeutung dieser Schrift widerspricht die Tatsache, dass sie heute nur über einen hochgradig fehlerhaften Druck aus dem Jahr 1616 bekannt ist, der den Text bisweilen unverständlich und stellenweise kaum lesbar macht. Das Projekt wird sich daher der Erstellung einer verlässlichen kritischen Edition des lateinischen Tractatus contra Graecos (mit einer deutschen Übersetzung) auf der Basis von bisher 30 bekannten Handschriften widmen, die heute zum Bestand von wissenschaftlichen Bibliotheken in Zentral- und Süd(ost)europa gehören. Auf diese Weise soll der Text rekonstruiert werden, wie er auf den Konzilien des Spätmittelalters (v.a. Basel und Ferrara- Florenz) den zum Teil federführenden Theologen als Handreichung und Informationsquelle über die Griechen und ihre Theologie gedient hatte. Zudem soll der Weg des Textes, d.h. seine Rezeption und Überarbeitungen, von der Zeit seiner Entstehung in Konstantinopel Mitte des 13. Jahrhunderts bis hin zum kirchenpolitisch und ökumenisch hochrelevanten Unionskonzil von Ferrara-Florenz Mitte des 15. Jahrhunderts nachgezeichnet werden: Auf welche Weise beeinflusste der anonyme Autor des Tractatus contra Graecos die theologischen Diskussionen, Themen und Einheitsvorstellungen, die die Beziehungen zwischen Lateinern und Griechen lange Zeit dominierten? Welches Bild vermittelte er seinem lateinischen Publikum von der griechischen Kirche und welche Lösungen schlug er für eine Einigung zwischen beiden Seiten vor? Sowohl die kritische Edition dieses dominikanischen Schlüsselwerkes, als auch die Erforschung seiner Rezeptionsgeschichte stellen einen Beitrag zur besseren Kenntnis des Verhältnisses zwischen Rom und Byzanz im Mittelalter, zwischen der heute konfessionell so genannten Katholischen und Orthodoxen Kirche dar.
Das 13. Jahrhundert stellt eine zentrale Epoche für die Geschichte der Beziehungen Ost- und Westkirche dar. Die Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahr 1204 und die daran anschließende Etablierung eines sogenannten Lateinischen Kaiserreichs (1204-1261) gilt heute sowohl in der Forschungslandschaft, als auch in den Erinnerungskulturen der Kirchen als signifikantes Ereignis auf der Bruchlinie zwischen dem lateinischen Westen und dem griechischen Osten. Den gerade erst neu gegründeten Mendikantenorden kam vor dem Hintergrund ihres missionarischen Ordensauftrags eine gewichtige Rolle innerhalb der literarisch-theologischen Kontroverse mit den Byzantinern zu. Als Meilenstein dieser Kontroverse präsentiert die vorliegende kritische Edition das Dossier eines anonymen, in Konstantinopel tätigen Dominikaners unter dem Titel "Tractatus contra Graecos" (1252). Dieses Werk, das weite Verbreitung vor allem im Umkreis der (Unions-)Konzilien des 15. Jahrhunderts erfahren hat, stellt auf lateinischer Seite die erste systematische und griechisch-patristisch untermauerte Behandlung jener vier Konfliktpunkte dar, die in dieser Form von nun an standardmäßig auf der Agenda der ost-westlichen Debatten standen (Filioque, Azymen, Purgatorium/Eschatologie und Primat Roms). Zudem bietet der Traktat in Form eines Appendix einen reichen Schatz an klassischen und zeitgenössischen Quellen, die zum Teil singuläre Überlieferungszeugen sind. Vor diesem Hintergrund ist der "Tractatus contra Graecos" ein wertvolles Dokument nicht nur für die Beziehungsgeschichte zwischen östlich und westlich geprägter Theologie, sondern zudem ein Baustein zur Geschichte und Theologie des Dominikanerordens in der noch jungen Randprovinz "Graecia".
- Universität Wien - 100%
- Monumenta Germaniae Historica - 60%
- University of Notre Dame - 40%
Research Output
- 3 Zitationen
- 9 Publikationen
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2020
Titel Unionsgespräche bei den Konzilien des 15. Jahrhunderts. Kiewer Metropoliten als Mittler zwischen Byzanz und Rom, written by Pryymych, Volodymyr DOI 10.30965/25890433-04902010-04 Typ Journal Article Autor Riedl A Journal Annuarium Historiae Conciliorum Seiten 468-470 -
2020
Titel Tractatus contra Graecos Typ Book Autor Andrea Riedl Verlag Brepols Publishers Link Publikation -
2020
Titel Franziskus und die Schöpfung. Das Welt-im-Gottesverständnis des Armen von Assisi Typ Journal Article Autor Andrea Riedl Journal Internationale Katholische Zeitschrift Communio Seiten 523-539 Link Publikation -
2022
Titel Franziskus und die Schöpfung DOI 10.57975/ikaz.v49i5.6607 Typ Other Autor Riedl A Link Publikation -
2019
Titel Bis hierher und nicht weiter?! Gedanken zum Hier und Weiter der Ökumene Typ Journal Article Autor Andrea Riedl Journal Geist und Leben Seiten 144-151 Link Publikation -
2019
Titel Review: Humbertus de Romanis: De predicatione crucis, cura et studio Valentin Portnykh Typ Journal Article Autor Andrea Riedl Journal Archivum Fratrum Praedicatorum Seiten 213-215 Link Publikation -
2019
Titel Review: G. Kapriev: Lateinische Rivalen in Konstantinopel. Anselm von Havelberg und Hugo Eterianus Typ Journal Article Autor Andrea Riedl Journal Theologische Revue Seiten 403-404 Link Publikation -
2019
Titel Ausdrucksformen von Kircheneinheit zwischen Lateinern und Griechen: Lyon II (1274) und und Ferrara-Florenz (1438/39) Typ Journal Article Autor Andrea Riedl Journal Ökumenisches Forum. Journal for Ecumenical and Patristic Studies Seiten 105-115 Link Publikation -
2020
Titel Kirchenbild und Kircheneinheit, Der dominikanische "Tractatus contra Graecos" (1252) in seinem theologischen und historischen Kontext DOI 10.1515/9783110697667 Typ Book Verlag De Gruyter Link Publikation