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Zum Umgang mit Unsicherheiten auf anonymen Drogenmärkten

Dealing with uncertainty on anonymous online drug markets

Meropi Tzanetakis (ORCID: 0000-0001-8257-7337)
  • Grant-DOI 10.55776/J4095
  • Förderprogramm Erwin Schrödinger
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.11.2017
  • Projektende 30.06.2021
  • Bewilligungssumme 166.690 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Politikwissenschaften (10%); Rechtswissenschaften (10%); Soziologie (80%)

Keywords

    Cryptomarkets, Sociology Of Markets, Illegal Drug Markets, Online Drug Distribution, Coordination, Uncertainty

Abstract Endbericht

Neuartige technologische Entwicklungen, die in den letzten Jahren im Internet Einzug gehalten haben, ermöglichen NutzerInnen entsprechender Marktplätze mit einer breiten Palette von psychoaktiven Substanzen zu handeln. Innovative Technologien umfassen die Kombination von Anonymisierungssoftware und virtuellen Währungen (z.B. Bitcoin) zur Bezahlung und damit eine annähernd anonyme Kommunikation und Zahlungsabwicklung. Gleichzeitig treffen Angebot und Nachfrage aufeinander; ein selbstregulierter, globaler Markt entsteht, der Drogenpolitik systematisch umgeht. Die skizzierte Transformation von Drogenmärkten wirft neue Fragen auf, etwa die nach staatlichen Steuerungsmöglichkeiten und individueller Kommunikationsfreiheit. Das neuartige Phänomen hat jedoch auch erhebliche Auswirkung auf die Prävalenz des Drogenkonsums, Maßnahmen zur Schadensreduzierung und auf die Gesundheit. Dies ist zum einen kaum erforscht und zum anderen von zunehmender Bedeutung. Ein konzeptueller Rahmen, der die neuartige Entwicklung zu fassen vermag, fehlt bislang. Das Projekt beabsichtigt diese Forschungslücke zu schließen, indem untersucht wird, wie soziale Interaktionen der NutzerInnen von anonymen Drogenmärkte dazu beitragen, dass Marktunsicherheiten in Bezug auf die Beurteilung des Wertes von Produkten, Wettbewerb und Kooperation gelöst werden. Dadurch wird ein theoretisch und empirisch fundierter Ansatz der sozialen Dimension von anonymen Drogenmärkten im Internet entwickelt. Unsicherheit entsteht im Allgemeinen beim Aufeinandertreffen von Marktakteuren, ist aber auch unter Bedingungen von Illegalität präsent und verstärkt sich durch das anonyme Umfeld auf ebendiesen Marktplätzen. Dieses Forschungsprojekt basiert auf der Annahme, dass, im Gegensatz zu materiellen Drogentransaktionen, UserInnen der anonymen Drogenplattformen durch technologisch ermöglichte Praktiken der Verschleierung personenbezogener Daten ihre Aktivitäten ähnlich koordinieren können wie bei legalen wirtschaftlichen Tätigkeiten im Internet. Um soziale Praktiken zur Reduzierung von Unsicherheiten zu untersuchen, geht das Projekt in drei Phasen vor. Erstens wird ein konzeptueller Rahmen entwickelt, indem der Ansatz der sozialen Ordnung von Märkten auf anonyme Drogenmärkte angewendet wird. Ausgangspunkt des Projektes ist das Verständnis, dass Märkte Arenen sozialen Handelns sind, die durch soziale Praktiken, Normen, Konventionen, Werte, kulturelle Überzeugungen, Machtverhältnisse und institutionelle Regelungen geprägt werden. In einer zweiten Phase wird der zuvor entwickelte marktsoziologische Ansatz als eine analytische Lupe dienen, um eine multi-lokale digitale Ethnographie durchzuführen. Diese fokussiert auf sozial und kulturell eingebettete Praktiken von UserInnen der anonymen Drogenmärkte zur Reduktion von Unsicherheit in Bezug auf Wert, Wettbewerb und Kooperation, wodurch die Stabilisierung von Handlungserwartungen ermöglicht wird. Die Datenerhebung zur Rekonstruktion sozialer Praktiken wird die online Beobachtung von Marktplätzen sowie von dazugehörigen Diskussionsforen, Selbstpräsentationen von UserInnen der anonymen Marktplätze und anonyme online Befragungen inkludieren. Drittens wird mithilfe der empirischen Befunde der anfänglich entwickelte konzeptuelle Rahmen erweitert und angepasst. Die Ergebnisse dieses Projektes werden wichtige Beiträge sowohl für den wissenschaftlichen Diskurs als auch für die EntscheidungsträgerInnen im Bereich der Drogenpolitik und des Gesundheitswesens liefern.

Obwohl sich Drogenmärkte im Internet stark verbreiten, ist ihre Funktionsweise weitgehend unbekannt. Das Ziel dieses Forschungsprojekts war es daher, die sozialen und institutionellen Kontexte digitaler Drogenmärkte im Rahmen einer Fallstudie von Kryptomärkten zu untersuchen. Kryptomärkte nutzen Informations- und Kommunikationstechnologien, um digitale Spuren ihrer Benutzer*innen zu verschleiern und so einen einfachen Zugang zu einer breiten Palette illegaler Drogen zu ermöglichen, die von traditionellen Postdiensten ohne deren Wissen zugestellt werden. Konzeptionell wurde eine wirtschaftssoziologische Perspektive verwendet, um die soziale Koordination wirtschaftlicher Aktivitäten auf Kryptomärkten zu untersuchen. Ausgangspunkt des Projekts war die Annahme, dass Drogenmärkte sozial konstruierte Arenen sind, die durch Handlungen von Akteur*innen und Regierungen geprägt sind, welche sich formale und informelle Regeln, kulturelle Bedeutungen, institutionelle Arrangements und Machtverhältnisse zunutze machen. Zu den Methoden, die verwendet werden, um die Praktiken von Akteur*innen auf Kryptomärkten zu untersuchen, zählen digitale ethnografische Beobachtungen in mehreren Räumen und halbstrukturierte Interviews mit Marktakteur*innen. Die gesammelten Daten wurden verwendet, um zu analysieren, wie der Drogenvertrieb in den anonymen Umgebungen von Kryptomärkten ermöglicht wurde. Damit Drogenmärkte funktionieren können, müssen drei Koordinationsprobleme von Akteur*innen auf Kryptomärkten (z. B. Administrator*innen, Moderator*innen, Verkäufer*innen, Käufer*innen) gelöst werden: Bewertung, Wettbewerb und Kooperation. Im Gegensatz zu traditionellen Drogenmärkten, auf denen sich die Akteur*innen persönlich treffen, um die Unsicherheit über die Ergebnisse der Strafverfolgung und des Austauschs zu verringern, wurde festgestellt, dass Kryptomärkte eine Reihe sozio-technischer Praktiken anwenden, um die Unsicherheit bei Markttransaktionen zu verringern. Das Projekt legt nahe, dass es zu wiederholtem Handel kam, wenn Akteur*innen auf Kryptomärkten drei Koordinationsprobleme auf neuartige Weise gelöst haben: 1. Informelle institutionalisierte Standards wie ein Klassifikationssystem erleichtern die Navigation einzelner Kryptomärkte. Darüber hinaus wurden Marketing- und Werbeangebote eingeführt, welche die Produktqualität signalisieren, um die Unsicherheit über den Wert der gehandelten psychoaktiven Substanzen zu verringern; 2. ein institutionenbasiertes Feedbacksystem sowie Reputationswerte von Verkäufer*innen haben dazu beigetragen, Vertrauen in einer anonymen Umgebung aufzubauen; 3. Kryptomärkte ermöglichen die Entstehung eines Wettbewerbs zwischen einzelnen Kryptomärkten und zwischen Verkäufer*innen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene, was den Administrator*innen und Verkäufer*innen von Kryptomärkten Gewinnchancen sichert, während sie unter Bedingungen der Illegalität operieren. Dieses Projekt konnte zeigen, dass staatliche Behörden zwar Drogentransaktionen auf Kryptomärkten überwachen und sanktionieren, die Marktakteur*innen jedoch gemeinsame Normen und Vereinbarungen verhandeln und etablieren, welche die Koordinierung der Handelspraktiken erleichtern. Diese Studie zeigte auch, dass sowohl Kryptomärkte also auch Social-Media-Plattformen zu einem wachsenden Betätigungsfeld für den Drogenvertrieb werden, indem sie Verkäufer*innen und Käufer*innen über geografische Beschränkungen und gesetzliche Vorschriften hinweg verbinden und es insofern noch schwieriger wird, neue Formen digital vermittelter Drogenmärkte mit alten Annahmen, Daten und Forschung zu adressieren.

Forschungsstätte(n)
  • University of Oslo - 50%
  • University of Essex - 50%
Internationale Projektbeteiligte
  • Bernd Werse, Goethe-Universität Frankfurt am Main - Deutschland
  • Jens Beckert, Universität Köln - Deutschland
  • Sophie Mützel, Universität Luzern - Schweiz
  • Ross Coomber, University of Liverpool - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 146 Zitationen
  • 20 Publikationen
  • 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2 Weitere Förderungen
Publikationen
  • 2020
    Titel DRUG MARKETS AND ANONYMIZING TECHNOLOGIES
    DOI 10.5210/spir.v2018i0.10463
    Typ Journal Article
    Autor Tzanetakis M
    Journal AoIR Selected Papers of Internet Research
    Link Publikation
  • 2020
    Titel Zur internationalen politischen Ökonomie illegaler Drogen
    Typ Journal Article
    Journal Aus Politik und Zeitgeschichte
  • 2019
    Titel Drogen, Darknet und Organisierte Kriminalität
    DOI 10.5771/9783845282831
    Typ Book
    editors Tzanetakis M, Stöver H
    Verlag Nomos Verlag
  • 2019
    Titel Einleitung - Zum Phänomen der Drogenmärkte im Darknet
    DOI 10.5771/9783845282831-11
    Typ Book Chapter
    Autor Tzanetakis M
    Verlag Nomos Verlag
    Seiten 11-20
  • 2019
    Titel Zu den Strukturen des Drogenhandels im Darknet
    DOI 10.5771/9783845282831-111
    Typ Book Chapter
    Autor Tzanetakis M
    Verlag Nomos Verlag
    Seiten 111-136
  • 2019
    Titel Ausblick und Anregungen für zukünftige Forschungsschwerpunkte
    DOI 10.5771/9783845282831-267
    Typ Book Chapter
    Autor Tzanetakis M
    Verlag Nomos Verlag
    Seiten 267-276
  • 2020
    Titel Doing Internet research with hard-to-reach communities: methodological reflections on gaining meaningful access
    DOI 10.1177/1468794120904898
    Typ Journal Article
    Autor Kaufmann M
    Journal Qualitative Research
    Seiten 927-944
    Link Publikation
  • 2018
    Titel Digitalisierung von illegalen Märkten
    DOI 10.1007/978-3-658-22138-6_33
    Typ Book Chapter
    Autor Tzanetakis M
    Verlag Springer Nature
    Seiten 477-492
  • 2017
    Titel Drogen: Märkte, Akteure, Einschätzungen
    Typ Other
  • 2017
    Titel Drogenhandel im Darknet
    Typ Journal Article
    Journal Aus Politik und Zeitgeschichte
  • 2017
    Titel Zur globalen Ökonomie von digitalen Drogenmärkten
    Typ Journal Article
    Journal Rausch. Wiener Zeitschrift für Suchttherapie
  • 2017
    Titel Editorial
    Typ Journal Article
    Journal Rausch. Wiener Zeitschrift für Suchttherapie
  • 2018
    Titel ; In: Social order of anonymous digital markets
    Typ Book Chapter
  • 2018
    Titel Comparing cryptomarkets for drugs. A characterisation of sellers and buyers over time
    DOI 10.1016/j.drugpo.2018.01.022
    Typ Journal Article
    Autor Tzanetakis M
    Journal International Journal of Drug Policy
    Seiten 176-186
  • 2021
    Titel Drugs and Digital Technologies
    Typ Other
  • 2021
    Titel Editorial to the special issue
    Typ Journal Article
    Journal Kriminologisches Journal
  • 2021
    Titel Qualitative und interpretative Methoden in der Politikwissenschaft
    DOI 10.36198/9783838555843
    Typ Book
    Autor Prainsack B
    Verlag utb
  • 2021
    Titel Uncertainty and risk: A framework for understanding pricing in online drug markets
    DOI 10.1016/j.drugpo.2021.103535
    Typ Journal Article
    Autor Munksgaard R
    Journal International Journal of Drug Policy
    Seiten 103535
    Link Publikation
  • 2019
    Titel Informal Governance on Cryptomarkets for Illicit Drugs
    DOI 10.1007/978-3-030-05039-9_18
    Typ Book Chapter
    Autor Tzanetakis M
    Verlag Springer Nature
    Seiten 343-361
  • 2019
    Titel Drogen, Darknet Und Organisierte Kriminalitat: Herausforderungen Fur Politik, Justiz Und Drogenhilfe
    Typ Book
    Autor Tzanetakis Meropi
    Verlag Nomos Verlagsgesellschaft
Wissenschaftliche Auszeichnungen
  • 2021
    Titel Economic Sociology Research Network, ESA
    Typ Awarded honorary membership, or a fellowship, of a learned society
    Bekanntheitsgrad Continental/International
  • 2017
    Titel Kriminologisches Journal
    Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series
    Bekanntheitsgrad Continental/International
Weitere Förderungen
  • 2021
    Titel Marie Jahoda Fellowship
    Typ Fellowship
    Förderbeginn 2021
  • 2020
    Titel Freiräume schaffen
    Typ Travel/small personal
    Förderbeginn 2020

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