"Verwaschene" Physik. Zur Unschärfe der Quantentheorie
Fuzzy Physics. On "Unschärfe" in Quantum Theory
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (30%); Philosophie, Ethik, Religion (30%); Sprach- und Literaturwissenschaften (40%)
Keywords
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Quantum Theory,
Literature and Science,
Uncertainty,
Ignorance,
Poetics of Science
Schon seit der Entwicklung der Quantentheorie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts rangen ihre Gründerväter um eine verständliche Darstellung jenseits der komplizierten Formelschreibweise. Zwar ließen sich die Phänomene mathematisch gut beschreiben. Doch was sollte man sich darunter vorstellen, wenn Licht ebenso wie Materie je nach Experiment entweder die Charakteristika von Wellen oder aber die von Teilchen aufwies? Wie sollte man Laien begreiflich machen, was man unter der Überlagerung oder dem Kollaps von Wellenfunktionen verstand? Was war überhaupt eine Wellenfunktion? Die berühmte Heisenbergsche Unschärferelation zählt bis heute zu diesen schwer erklärbaren Besonderheiten der Quantentheorie: Sie besagt, dass bestimmte Messgrößen wie Ort und Impuls nicht zugleich beliebig genau messbar sind. Als naturwissenschaftlich informierte, literatur- und kulturwissenschaftliche Studie rückt das vorliegende Projekt die Unschärfe und damit eine der Säulen der Quantentheorie in den Brennpunkt. Interessanterweise nahm Unschärfe nicht nur in der modernen Physik eine zentrale Position ein, sondern wurde bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts auch in anderen Bereichen intensiv und selten jenseits von Wertkategorien diskutiert: in der Malerei ebenso wie in der neu aufkommenden Fotografie, in Kinematografie, Philosophie, Optometrie, Musik und Literatur. Das Projekt geht den Verhandlungen von Unschärfe in unterschiedlichen Schriften der Quantenphysiker nach und spürt Verbindungslinien zu den Unschärfe-Debatten in anderen gesellschaftlichen Feldern auf. Die textnahe Analyse in Verbindung mit kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Ansätzen soll zum einen dazu beitragen, diese spezifische, bislang weitgehend unbeachtet gebliebene Facette der Kultur- und Wissensgeschichte auszuleuchten und damit zum Verständnis der Entwicklung der Quantentheorie beizutragen. Zum andern wird untersucht, wie beim Transfer der präzisen Formelsprache in die Alltagssprache, die von den Physikern selber immer wieder als defizitär eingestuft wurde, die Sprache selber unscharf wird. These ist, dass gerade dieses unscharfe Sprechen wesentlich zu der Attraktivität beiträgt, die die Quantentheorie im Laufe des 20. Jahrhundert jenseits des wissenschaftlichen Feldes entfaltet hat. Spätestens seit den 1970er Jahren griff man in unterschiedlichsten Zusammenhängen (etwa im Rahmen esoterischer Bewegungen) auf die neue Physik zurück, um damit das eigene Weltbild scheinbar wissenschaftlich zu fundieren. Durch die Untersuchung solcher Anverwandlungen der Quantentheorie möchte das Vorhaben einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Rezeption der Quantenphysik leisten.
Schon seit ihrer Entwicklung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts rangen die Gründerväter der Quantentheorie um eine verständliche Darstellung jenseits der komplizierten Formelschreibweise: Zwar ließen sich die Phänomene mathematisch gut beschreiben - doch was sollte man sich darunter vorstellen, wenn Licht, aber auch Materie je nach Experiment entweder die Charakteristika von Wellen oder aber die von Teilchen aufwies? Wie sollte man Laien begreiflich machen, was man unter der 'Überlagerung' oder dem 'Kollaps' von Wellenfunktionen verstand? Was war überhaupt eine Wellenfunktion? Die berühmte Heisenberg'sche Unschärferelation zählt bis heute zu diesen schwer erklärbaren Besonderheiten der Quantentheorie: Sie besagt, dass bestimmte Messgrößen wie Ort und Impuls nicht zugleich beliebig genau messbar sind. Als naturwissenschaftlich informierte, literatur- und kulturwissenschaftliche Studie rückte das vorliegende Projekt die 'Unschärfe' und damit eine der Säulen der Quantentheorie in den Brennpunkt. Anhand von zahlreichen Beispielen aus dem nachgelassenen sowie dem publizierten Werk von bedeutenden Physiker wie Erwin Schrödinger konnte gezeigt werden, dass 'Unschärfe' und damit verknüpfte Topoi der Quantenphysik nicht nur an wissenschaftsskeptische, mitunter esoterische Strömunge der Weimarer Republik zurückgebunden werden kann. Darüber zeigten textnahe Analysen, wie beim Transfer der präzisen Formelsprache in die Alltagssprache, die von den Forschern immer wieder als defizitär eingestuft wurde, die Sprache selber 'unscharf' wird. Gerade das 'unscharfe' Sprechen trug wesentlich zur Popularisierung und späteren Attraktivität der Quantenphysik bei.
- University of Stanford - 50%
- Universität Erfurt - 50%
- Kristina Hellmann, Bauhaus-Universität Weimar - Deutschland
Research Output
- 4 Publikationen
- 2 Weitere Förderungen
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2021
Titel »Ein echter Naturforscher von heute hat eine tiefe Verachtung gegen ›Literatur‹« DOI 10.1007/s41245-021-00135-5 Typ Journal Article Autor Gronau M Journal Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte Seiten 423-451 Link Publikation -
2020
Titel Clemens Özelt: Literatur im Jahrhundert der Physik. Geschichte und Funktion interaktiver Gattungen 1900-1975 Typ Journal Article Autor Gronau Journal Weimarer Beiträge -
2020
Titel »mit saurem Schweiß sagen, was man nicht weiß« DOI 10.1515/scipo-2020-007 Typ Journal Article Autor Gronau M Journal Scientia Poetica Seiten 213-254 -
2021
Titel >>Ein echter Naturforscher von heute hat eine tiefe Verachtung gegen >Literatur<<<. Zeitgemäße Wechselbeziehungen zwischen Physik, Literatur und Philologie im frühen 20. Jahrhundert Typ Journal Article Autor Gronau M. Journal Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte Seiten 423-451 Link Publikation
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2021
Titel Forschungsprojekt Typ Fellowship Förderbeginn 2021 Geldgeber Gerda Henkel Foundation -
2023
Titel Freigeist Fellowship Typ Research grant (including intramural programme) Förderbeginn 2023 Geldgeber Volkswagen Foundation