Im Takt der Musik: Ein Mehr-Ebenen-Modell von Entrainment
In time with music: A multi-level entrainment framework
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (35%); Psychologie (65%)
Keywords
-
Neural Oscillations,
Interpersonal Coordination,
Music Cognition,
Entrainment,
Rhythm Perception,
Sensorimotor Synchronization
Viele von uns kennen die folgende Situation: Wir hören Musik und unser Fuß beginnt wie von selbst im Takt mit zu wippen. Diese scheinbar mühelose und oft unwiderstehliche Bewegung ist ein Beispiel für Entrainment zu Musik. Solchen Bewegungen im Takt der Musik liegen komplexe neuronale Prozesse zugrunde, welche von unserem Verhalten, unserem Wissen, unseren Emotionen und unserem soziokulturellen Hintergrund abhängig sind. Entrainment zu Musik beschreibt eine ganze Reihe unterschiedlicher Prozesse, wie die Synchronisation zwischen einem Rhythmus und 1) dem Wechsel zwischen Phasen hoher und niedriger neuronaler Aktivität (neuronales Entrainment), 2) gleichmäßigen Bewegungen von Teilen unseres Körpers (physiologisches Entrainment) und 3) Bewegungen von zwei oder mehreren Personen in einer Gruppe (soziales Entrainment). Ziel dieses Forschungsprojekts ist die empirische Untersuchung der neuronalen, physiologischen und sozialen Ebenen von Entrainment, die Überprüfung der Zusammenhänge dieser Formen von Entrainment innerhalb eines Mehr-Ebenen- Modells und die kritische Beurteilung der Grenzen eines solchen Modells. Zwei eng miteinander verbundene Perspektiven werden die empirischen Untersuchungen leiten: Auf einer Mikro- Perspektive werden schnelle, räumlich klar lokalisierte Entrainment Prozesse, wie neuronale und physiologische Reaktionen auf musikalische Rhythmen, im Detail beschrieben. Auf einer Makro-Ebene wird untersucht, wie sich langsam entwickelnde Prozesse, wie musikalische Ausbildung oder soziokulturelle Hintergründe, auf Entrainment auswirken. Im Rahmen einer zweijährigen Auslandsphase werden am Center for Music in the Brain der Universität Aarhus behaviorale und bildgebende Verfahren zur Messung der Hirnaktivität angewandt, um physiologisches und neuronales Entrainment vor und nach eines 12-wöchigen musikalischen Trainings zu erfassen. Zusätzlich werden zwei Online-Experimente mit weltweiter Reichweite durchgeführt, um den Einfluss des kulturellen Hintergrunds auf soziales Entrainment zu beurteilen. Die Zusammenhänge der resultierenden Ergebnisse werden während einer einjährigen Rückkehrphase am Institut für Psychologie der Universität Graz untersucht. Das Forschungsprojekt wird zum einen dazu führen die Unschärfe des Begriffs Entrainment im musikalischen Kontext zu verringern und zum anderen wertvolle Befunde zur Diskussion von aktuellen Themen der Neurowissenschaft, musikunterstützten Rehabilitation und Sozialwissenschaften liefern. Die Synchronisation von Phasen hoher und niedriger neuronaler Aktivität zwischen unterschiedlichen Gehirnregionen ist nicht nur für die Wahrnehmung und Verarbeitung von musikalischen Rhythmen relevant, sondern spielt auch für Aufmerksamkeit, zeitliche Vorhersagen und langanhaltende plastische Veränderungen im Gehirn eine entscheidende Rolle. Der Vergleich zwischen behavioralen und bildgebenden Daten vor und nach dem mehrwöchigen musikalischen Training wird wichtige Erkenntnisse zur Wirksamkeit musikunterstützter (Bewegungs-)Therapien beisteuern. Des Weiteren werden die Ergebnisse der Experimente zu sozialem Entrainment Schlüsse darüber zulassen, wie sich kulturelle Umgebungen und Kenntnisse über musikalisch-kulturelle Hintergründe auf soziale Verbundenheit auswirken und Vorurteile reduzieren können.
Musik zieht uns in ihren Bann. Auf direktestem Weg spricht uns Musik über Rhythmus und Bewegung an. Manche Rhythmen lassen unsere Füße fast automatisch im Takt mitklopfen oder inspirieren uns zum Tanzen mit anderen Menschen. Meine Forschung am Center for Music in the Brain in Aarhus, Dänemark und der Karl-Franzens-Universität in Graz, Österreich beschäftigte sich mit dem Zusammenspiel von auditorischen und motorischen Gehirnarealen, welches es uns ermöglicht, Rhythmus in Bewegung zu übersetzen, und mit prosozialen Aspekten von gemeinsamer Bewegung zu Musik mit anderen Menschen. Einer der Gründe, warum es uns überhaupt möglich ist, Musik in Bewegung umzusetzen ist vermutlich, dass gemeinsame Bewegungen zu Musik soziale Verbindungen stärken. Soziale Verbundenheit wird seit langem mit mentaler und körperlicher Gesundheit in Verbindung gebracht. Wie sehr sich eine Person mit anderen Menschen verbunden fühlt, hängt unter anderem von ihrem kulturellen Hintergrund, individuellen Geschmack und dem Kontext einer Situation ab. Musik bietet einen einzigartigen sozialen Kontext, indem sie einen zeitlichen und affektiven Rahmen für Gruppen von Menschen schafft und somit gemeinschaftliches Verhalten verstärkt und Emotionen harmonisiert. In einer Reihe von Studien untersuchten wir wie diese zeitlichen und affektiven Aspekte zusammenhängen und wie soziale Verbundenheit in Interaktionen mit Musik von kultureller Vertrautheit, persönlichem Musikgeschmack und Empathie beeinflusst werden. In allen Studien konnten wir zeigen, dass synchrone Bewegungen zu stärkerer sozialer Verbundenheit führen als asynchrone Bewegungen. Wir zeigen zudem, dass der Einfluss von synchronen Bewegungen auf soziale Verbundenheit stärker davon abhängt wie sehr wir die Musik mögen, die den Kontext der Situation ausmacht, und weniger stark davon abhängt wie bekannt uns diese Musik ist. Des Weiteren fanden wir heraus, dass sich Menschen mit mehr Empathie stärker mit anderen verbunden fühlen, wenn der gemeinsame Rhythmus von Musik angegeben wird, jedoch nicht wenn der Rhythmus von einem simplen Metronom angegeben wird. Zusammenfassend zeigen unsere Studien auf, dass einer der Gründe, warum Musik Menschen verbindet, darin liegt, dass Musik synchrone körperliche Bewegungen und positive Emotionen vereint. Zukünftige Forschungsprojekte könnten sich mit körperlichen und psychologischen Vorteilen von sozialen musikalischen Aktivitäten mit synchronen Bewegungen für Personen mit sozialen oder körperlichen Schwächen, wie beispielsweise Autismus oder Parkinson-Krankheit beschäftigen.
- Universität Graz - 100%
- Aarhus University - 100%
Research Output
- 150 Zitationen
- 14 Publikationen
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2020
Titel Learning Music From Each Other: Synchronization, Turn-taking, or Imitation? DOI 10.1525/mp.2020.37.5.403 Typ Journal Article Autor Schiavio A Journal Music Perception Seiten 403-422 Link Publikation -
2020
Titel Cultural Familiarity and Individual Musical Taste Differently Affect Social Bonding when Moving to Music DOI 10.1038/s41598-020-66529-1 Typ Journal Article Autor Stupacher J Journal Scientific Reports Seiten 10015 Link Publikation -
2022
Titel A brief and efficient stimulus set to create the inverted U-shaped relationship between rhythmic complexity and the sensation of groove DOI 10.1371/journal.pone.0266902 Typ Journal Article Autor Stupacher J Journal PLoS ONE Link Publikation -
2022
Titel Swinging the Score? Swing Phrasing Cannot Be Communicated via Explicit Notation Instructions Alone DOI 10.1525/mp.2022.39.4.386 Typ Journal Article Autor Corcoran C Journal Music Perception Seiten 386-400 Link Publikation -
2021
Titel Higher empathy is associated with stronger social bonding when moving together with music DOI 10.1177/03057356211050681 Typ Journal Article Autor Stupacher J Journal Psychology of Music Seiten 1511-1526 Link Publikation -
2021
Titel A replication of the inverted U-shaped relationship between rhythmic complexity and the sensation of groove with a small stimulus set DOI 10.31234/osf.io/n3yhq Typ Preprint Autor Stupacher J Link Publikation -
2021
Titel Diurnal fluctuations in musical preference DOI 10.1098/rsos.210885 Typ Journal Article Autor Heggli O Journal Royal Society Open Science Seiten 210885 Link Publikation -
2022
Titel The sweet spot between predictability and surprise: musical groove in brain, body, and social interactions DOI 10.3389/fpsyg.2022.906190 Typ Journal Article Autor Stupacher J Journal Frontiers in Psychology Seiten 906190 Link Publikation -
2021
Titel Beat Perception in Polyrhythms: Time is Structured in Binary Units DOI 10.1101/2021.05.12.443747 Typ Preprint Autor Møller C Seiten 2021.05.12.443747 Link Publikation -
2021
Titel Beat perception in polyrhythms: Time is structured in binary units DOI 10.1371/journal.pone.0252174 Typ Journal Article Autor Møller C Journal PLOS ONE Link Publikation -
2021
Titel Musical novices perform with equal accuracy when learning to drum alone or with a peer DOI 10.1038/s41598-021-91820-0 Typ Journal Article Autor Schiavio A Journal Scientific Reports Seiten 12422 Link Publikation -
2021
Titel Supplementary Table 1 from Diurnal fluctuations in musical preference DOI 10.6084/m9.figshare.16884566.v1 Typ Other Autor Heggli O Link Publikation -
2021
Titel Supplementary Figure 1 from Diurnal fluctuations in musical preference DOI 10.6084/m9.figshare.16884563.v1 Typ Other Autor Heggli O Link Publikation -
2021
Titel Supplementary Figure 2 from Diurnal fluctuations in musical preference DOI 10.6084/m9.figshare.16884560.v1 Typ Other Autor Heggli O Link Publikation