Die Pluralität des Selbst in der Welt
The Selves in the World
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (15%); Philosophie, Ethik, Religion (65%); Sprach- und Literaturwissenschaften (20%)
Keywords
- Anthropocentrism,
- Contemporary Indian Philosophy,
- Humanism,
- Intercultural Philosophy,
- Postcolonial Philosophy,
- Self
Forschungskontext: Die zeitgenössische indische Philosophie stellt ein einzigartiges hybrides Genre dar, da sie in englischer Sprache mit Sanskrit-Begriffen geschrieben wird und europäische und indische Traditionen miteinander verbindet. Anders als die jüngste Entwicklung postkolonialer, interkultureller und vergleichender Philosophien hin zu eigenständigen Disziplinen bleibt die anglophone indische Philosophie der Zeit nach der Unabhängigkeit in den Lehrplänen eher abwesend und wird allgemein nicht als Forschungsgebiet innerhalb und außerhalb Indiens anerkannt. Sie bleibt weitgehend unerforscht. Ziel und Hypothese: Das erste Ziel dieses Projekts besteht darin, das Feld der zeitgenössischen indischen Philosophie zu vermessen. Zu diesem Zweck stelle ich die Hypothese auf, dass die zunehmende Verwendung der Begriffe Humanismus und Anthropozentrismus in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eine unbemerkte philosophische Verschiebung offenbart, um die herum ein kohärentes Bild des Feldes gezeichnet werden kann. Während die moderne neo-Vedantische Reduktion der indischen Philosophie auf eine transzendentale, nicht-dualistische Konzeption des Selbst (atman) noch heute im Verständnis der indischen Philosophie vorherrscht, haben zeitgenössische indische Philosophen diese Reduktion kritisch hinterfragt, indem sie plurale Selbste in die Welt reintegrieren. Herangehensweise: Dieser Wandel zeigt sich auch in der postkolonialen Entwicklung der indischen Philosophie, die ich in drei Ansätzen analysiere. Erstens untersuche ich, wie die postkoloniale Hybridität der indischen Philosophen, die unvereinbare Systeme aus verschiedenen indischen und westlichen Traditionen integrieren mussten, einen epistemologischen Pluralismus förderte. Indem ich mich auf Dharma und Intersubjektivität konzentriere, hinterfrage ich zweitens die Brüche und die Kontinuität der klassischen indischen Traditionen in der heutigen Zeit, mit der Notwendigkeit einer kritischen Neuinterpretation klassischer Sanskrit-Begriffe, um die politische und moralische Philosophie von heute zu begründen. Drittens untersuche ich durch die Hervorhebung eines Dialoges zwischen neo- Vedantischen und zeitgenössischen Philosophen, wie diese die Befreiung von der Welt (moka) durch die Freiheit mit anderen in der Welt ersetzen und dadurch die klassischen und antikolonialen, spiritualistischen Ansätze der indischen Philosophie herausfordern. Innovation: Die spürbare Vernachlässigung der zeitgenössischen indischen Philosophie in der globalen akademischen Welt lenkt die Aufmerksamkeit auf die verbleibenden Lücken innerhalb der interkulturellen und postkolonialen Philosophien. Sie weist auch auf die Notwendigkeit für letztere hin, über die kritische Auseinandersetzung mit dem Eurozentrismus im westlichen Kanon hinauszugehen. Die Wiedereingliederung der Stimmen zeitgenössischer indischer Philosophen in eine fortlaufende Geschichte der Weltphilosophie unterstreicht eine unterrepräsentierte Kontinuität zwischen der Klassik, der Moderne und der Gegenwart und arbeitet die Konzeption der indischen Philosophie als dynamisch, kreativ und dialogisch auf, gleich jeder anderen Tradition. Die wichtigsten beteiligten Forscher*innen: Nalini Bhushan und Jay Garfield (Smith College), Bhagat Oinam (Jawaharlal Nehru University), A. Raghuramaraju (IIT Tirupati), Georg Stenger (Universität Wien).
Zeitgenössische indische Philosophie ist ein einzigartig hybrides Genre, da sie auf Englisch (und in Regionalsprachen) mit Sanskrit-Begriffen verfasst ist und europäische und indische Traditionen verbindet. Anders als postkoloniale, interkulturelle und vergleichende Philosophien fehlt die anglophone indische Philosophie nach der Unabhängigkeit weitgehend in den Lehrplänen und gilt innerhalb wie außerhalb Indiens nicht als Forschungsfeld. Ihre Materialien sind oft vergriffen und verstreut. Das erste Ziel war, das Feld der zeitgenössischen indischen Philosophie zu kartieren. Ich verbrachte zwanzig Monate in Delhi, arbeitete in Bibliotheken in Varanasi, Kolkata, Mysore und Chennai und beobachtete eine im zunehmenden Gebrauch von 'Humanismus' und 'Anthropozentrismus' nach der Unabhängigkeit erkennbare Verschiebung des Schwerpunkts, die ich eine weltliche Wende nenne (in der 'menschlich' nicht der Natur, sondern dem 'Jenseitigen' entgegengesetzt wird). Während die moderne neo-vedntische Reduktion der indischen Philosophie auf eine transzendentale Auffassung des Selbst (tman) im heutigen Verständnis indischer Philosophie vorherrscht, stellen die Philosophen dieser Wende sie in Frage, indem sie die pluralen Selbste in die Welt zurückholen: eine Rückkehr zur geschichtlichen, relationalen und leiblichen Person, ohne das klassische Vokabular aufzugeben, in dem sie auch denken. Ich analysiere diese Verschiebung in drei Dimensionen. Erstens brachte die postkoloniale Hybridität, unvereinbare Systeme indischer und westlicher Herkunft zusammenzuhalten, einen epistemischen Pluralismus hervor, der das Denken geschichtlich macht: Positionen ruhen auf Voraussetzungen, die aus den Systemen, die sie begründen, nicht hinterfragbar sind. Kalidas Bhattacharyyas Logik der Alternation trifft Daya Krishnas Einwand, dass jeder Rahmen, der die Alternativen enthält, selbst singulär ist, und Ramchandra Gandhis Gegeneinwand, dass die Tilgung der Singularität die Pluralität tilgt. Zweitens macht Intersubjektivität die Person relational: Gegen das isolierte cartesische Ich wie gegen den advaitischen tman ohne Gegenüber nahmen Philosophen wie N. V. Banerjee als letztes Gegebenes nicht das 'Ich', sondern das 'Wir' und bestritten die Trennung von 'Ich' und 'Du' samt der Erkenntnistheorie dahinter. Drittens macht ein kaum untersuchter Dialog mit ihren neo-vedntischen Vorgängern die Befreiung leiblich: Freiheit wird nicht mehr als Unabhängigkeit (svarj) oder Befreiung (moka) von den anderen gedacht, sondern als Freiheit mit anderen in der Welt, was klassizistische und antikoloniale spiritualistische Ansätze herausfordert. Dem Weltentsagenden, der Befreiung allein sucht, steht das klassische jvanmukti gegenüber, das Banerjee als Entdeckung der eigenen Verbundenheit mit anderen umdeutet. Die Abwesenheit dieser Philosophie markiert auch eine Grenze interkultureller und postkolonialer Philosophie, die mehr tun muss, als den Eurozentrismus zu kritisieren. Diese Stimmen in eine fortlaufende Geschichte der Weltphilosophie zurückzuholen, hebt eine unterrepräsentierte Kontinuität zwischen Klassischem, Modernem und Gegenwärtigem hervor und gewinnt die indische Philosophie als dynamisch, kreativ und dialogisch zurück, wie jede andere. Erschienen sind eine frei zugängliche Studie zu R. Sundara Rajan sowie Kapitel über Pluralität, das Verstehen anderer und die Grenzen der Vernunft. Die Monographie The Selves in the World ist in Vorbereitung.
- Jawaharlal Nehru University , 19 Monate, Bhagat Oinam
- Smith College , 5 Monate, Jay Garfield
- Universität Wien , 27 Monate
Research Output
- 7 Publikationen
- 10 Disseminationen
- 6 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen
-
2026
Titel Intuition Against Reason? Krishnachandra Bhattacharyya's Spiritual Discipline of the Theoretic Reason; In: The Handbook of Intuitions Perspectives from global philosophy Typ Book Chapter Autor Coquereau-Saouma Verlag Springer Link Publikation -
2025
Titel Witnessing and realising plurality in twentieth-century Indian philosophy; In: Witnessing and realising plurality in twentieth-century Indian philosophy. Typ Book Chapter Autor Coquereau-Saouma Verlag Bloomsbury Academic Seiten 391-414 Link Publikation -
2025
Titel Can We See through Others' Eyes? Imaginative Identification, Empathic Understanding, and Ecological Knowledge with Amin Maalouf; In: Thinking without Borders: Essays in Honor of Arindam Chakrabarti Typ Book Chapter Autor Coquereau-Saouma Verlag Bloomsbury Academic Seiten 207-230 Link Publikation -
2025
Titel The Humanization of Transcendence and Ricœur’s Second Copernican Turn in R. Sundara Rajan’s Philosophy DOI 10.1007/s11841-025-01072-y Typ Journal Article Autor Coquereau-Saouma E Journal Sophia Seiten 445-466 Link Publikation -
0
Titel Between the Cosmic and the Concrete: Otherness, Desire and Liberation in Vaddera Chandidas Typ Conference Proceeding Abstract Autor Coquereau-Saouma Konferenz Reading Group on Vaddera Chandidas "desire and liberation. The Fundamentals of Cosmicontology" -
0
Titel "I am Thou" and "I with Others = We": nondual figures of the Other in Ramchandra Gandhi and N. V. Banerjee Typ Conference Proceeding Abstract Autor Coquereau-Saouma Konferenz Resisting Othering: Reimagining the Self-Other Relationship Globally -
0
Titel Review of V. Eltschinger & I. Ratié, Qu'est-ce que la philosophie indienne? Typ Journal Article Autor Coquereau-Saouma Journal Wiener Zeitschrift für die Kunde Südasiens Link Publikation
-
2025
Titel Workshop (organized, presented): Contemporary Indian Philosophy: a Collaborative Reading Workshop Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2022
Titel Lecture for the Centre for Philosophy, JNU Typ A talk or presentation -
2023
Titel Weekly Reading Group Typ A talk or presentation -
2022
Titel Talk Humanism in Contemporary Indian Philosophy - N. V. Banerjee Typ A talk or presentation -
2023
Titel JNU PhD course - "The Concept of Philosophy in Contemporary Indian Philosophy" Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2022
Titel Introduction to the Philosophy of Daya Krishna and to the Philosophy of Krishna Chandra Bhattacharyya Typ A talk or presentation -
2022
Titel Workshop on K. C. Bhattacharyya Typ Participation in an activity, workshop or similar -
2025
Titel Panel organisation and talk Typ A talk or presentation -
2023
Titel Introduction to Contemporary Indian Philosophy Typ A talk or presentation -
2025
Titel "Can we see through Others' eyes?" workshop talk, University of Vienna Typ Participation in an activity, workshop or similar
-
2026
Titel Personal invitation as a speaker in the Ring-Vorlesung (180053 VO-L): "Das Selbe und das Andere, das Eigene und das Fremde, the West and "the Rest" (2026S)" University of Vienna Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Regional (any country) -
2025
Titel Vice-President, Gesellschaft für interkulturelle Philosophie (GIP) Typ Prestigious/honorary/advisory position to an external body Bekanntheitsgrad Continental/International -
2025
Titel Personal invitation to deliver a lecture in the ICPR Study Circle on Contemporary Indian Philosophy, JNU Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad National (any country) -
2023
Titel Personal invitation at an International Seminar at the University of Rajasthan Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2023
Titel Personal Invitation at the International Conference on Paul Ricoeur, New Delhi Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2022
Titel Invitation as a Speaker to SOAS World Philosophies Lecture Series Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International
-
2022
Titel Anthropology of Ecological Responsibility: Beyond Science and Politics Typ Travel/small personal Förderbeginn 2022 Geldgeber National Research Foundation of Korea