Camera Caucasica
Camera Caucasica. Networks of Photographic Practices
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
-
Caucasus,
Photography,
Networks,
Imperial History
Historiker der frühen Fotografiegeschichte haben sich zumeist auf Kategorien und methodische Zugänge aus der Kunstgeschichte gestützt und dabei (einzelne) Bilder auf ihre ästhetischen Qualitäten als Resultat eines individuellen fotografischen Genies untersucht. Derlei Zugänge vernachlässigen allerdings die Bedeutung einer Vielzahl von weiteren Akteuren und Instanzen in der Produktion von Fotografien. Dolmetscher:innen und Unternehmer:innen, akademische und kulturelle Institutionen, aber auch der technologische Fortschritt im Bereich der verwendeten Kameras und Chemikalien haben allesamt eine Rolle in der Entwicklung fotografischer Praktiken gespielt. Die Untersuchung der Rolle dieser Akteure erlaubt es dabei, Fragestellungen bezüglich Absicht, Kontext und Produktion zu berücksichtigen und in weiterer Folge die Netzwerke, welche hinter einer Fotografie stehen, sichtbar zu machen. Wissenschaftler:innen, die sich über traditionelle kunsthistorische Ansätze hinausbewegt haben, konnten zu einem besseren Verständnis für das Verhältnis zwischen lokalen bildlichen Traditionen und globalen Prozessen beitragen ein Verständnis, das wir daher für verschiedene Teile der Welt haben, aber noch nicht für die Kaukasusregion. Dieses Projekt wird diese Lücke schließen und die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Dimensionen in der Fotografiegeschichte einer Region erforschen, deren historische Komplexität und Dynamik nur von wenigen Weltregionen erreicht wird. Viele Studien der Fotografiegeschichte bauen außerdem auf einem Verständnis von Nationalität als bestimmendem Merkmal auf und legen nahe, dass die untersuchten Bilder ein Spiegelbild des nationalen Charakters einer bestimmten Gruppe seien. Dieses Projekt stellt dem einen Fokus auf transimperiale und transnationale Verbindungen entgegen und wird einen starken Einfluss auf das Verständnis nehmen, wie lokale fotografische Praktiken in einen globalen Kontext gesetzt werden können. Es eröffnet damit auch Raum für Dialog über verflochtene Geschichte(n) in einem national umfochtenen Gebiet. Das Projekt stellt die erste individuelle Studie dar, die sich der Verflechtung fotografischer Praktiken in den regional angrenzenden Russischen, Osmanischen und Kadscharischen Reichen im 19. und frühen 20. Jahrhundert annimmt und diese in eine globale Fotografiegeschichte einordnet. Für diesen Zweck hat sich Dr. Dominik Gutmeyr-Schnur dem Zentrum für Nahoststudien an der University of California, Los Angeles angeschlossen, das mit Prof. Ali Behdad von einem der renommiertesten Fotohistoriker für den Nahen Osten geleitet wird.
Das Projekt untersucht die Netzwerke fotografischer Praxis im Kaukasus am Schnittpunkt der Macht- und Herrschaftsbereiche der russländischen, osmanischen und iranischen Reiche des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wie in dem gleichnamigen Buch ("Camera Caucasica: Networks of Photographic Practices in the Transimperial Caucasus", 2026, Academic Studies Press) nachlesbar, wurden dabei nicht nur zahlreiche, bislang wenig beachtete, Facetten der lokalen Geschichte der Fotografie im Kaukasus erschlossen, sondern diese in eine weltumspannende Geschichte der Technik integriert, wodurch eine vermeintlich periphere Region in das Zentrum eines globalen Forschungsfeldes rückt. Das Projekt zeigt, wie globale Einflüsse und lokale Traditionen zusammentreffen und in Kombination letztlich in regionale Variationen fotografischer Praxis mündeten. Denn auch wenn die Kamera weitgehend als Gleichmacherin wirkte, insofern die technologischen Voraussetzungen größtenteils weltweit ident und gleichzeitig verfügbar waren, konnte das Projekt aufzeigen, dass Fotografien letztendlich das Ergebnis komplexer und verflochtener Netzwerke aus kulturellen Traditionen, politischen Entwicklungen und wirtschaftlichen Prozessen sind - Netzwerke, die in jeder Region der Welt kontinuierlich und unterschiedlich neu zusammengesetzt werden. Das Projekt erzählt u.a. von italienischen Alpinisten, österreichischen Kunsthistorikern, schwedischen Ölbaronen, georgischen Krankenschwestern, armenischen Hoffotografen und russischen Anthropologen, die im Zusammenspiel die Entwicklung der Fotografie im Kaukasus prägten. In den Projektpublikationen kann der oder die Leser:in dabei die Geschichte des lokalen Eisenbahnbaus im späten 19. Jahrhundert, die Weltausstellungen zwischen Paris und Chicago, Großprojekte der fotografischen Selbstdarstellung an den Höfen von St. Petersburg und Istanbul, die Ölfelder vor Baku, mittelalterliche Ruinen im östlichen Anatolien und die höchsten Gipfel des Kaukasusgebirges entdecken und nachvollziehen, warum ebendort wann welche Fotografien angefertigt wurden. Daraus leitet sich eine innovative Herangehensweise für die Geschichte der Fotografie als auch der Geschichte des Kaukasus ab, diese nicht über nationalgeschichtliche Ansätze, sondern über grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Verflechtung darzustellen. "Camera Caucasica" setzt dabei auch neue Akzente in der Dezentrierung etablierter Forschungsfelder wie der Osteuropäischen Geschichte und stellt ein Plädoyer dar, Globalgeschichte von vermeintlichen Peripherien, wie der Kaukasusregion, ausgehend zu schreiben.
Research Output
- 2 Publikationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
-
2026
Titel Camera Caucasica. Networks of Photographic Practices in the Transimperial Caucasus Typ Book Autor Gutmeyr-Schnur D Verlag Academic Studies Press -
2024
Titel Camera Caucasica. Networks of Photographic Practices in the Transimperial Caucasus. Typ Other Autor Gutmeyr-Schnur D
-
2025
Titel Appointed to the Editorial Board of the Journal "Balkanistic Worlds" Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International