Körperliche Präsenz in der Generativen Musik
Embodied Generative Music
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Keywords
-
Computer music,
Performance research,
Intermediality,
Embodiment,
Aesthetics
Durch welche Qualitäten ist körperlicher Ausdruck mit musikalischem verbunden? Das vorliegende Projekt soll Generative Musik durch tänzerische Expertise interpretierbar machen, um jene Frage systematisch zu untersuchen: mittels eines Verbunds neuer Technologien (Computergenerierte Komposition, Software-Körpermodell und Motion-Tracking-System) wird ein weites Spektrum von Aspekten körperlicher Präsenz (Gesten, Bewegung, Haltung, Berührung, Raum) in einen laufenden Computerkompositionsprozess einbezogen. Somit hinterlässt der tänzerische Ausdruck Spuren im sich fortlaufend entwickelnden Klanggeschehen (sowohl auf der Ebene des Klangs selbst, wie auch auf struktureller Ebene), dieses interpretierend. Der zwischen Aktion und Reaktion, improvisierend und choreographiert agierende Tanz spannt einen neuen, hybriden Raum intermedialen Ausdrucks auf, welcher der Generativen Musik körperliche Präsenz verleiht - eine Idee, die Gerhard Eckels Konsequenz aus umfangreicher Forschungsaktivität und künstlerischen Projekten im Bereich der Computerkomposition, Klangsynthese und wissenschaftlicher Sonifikation darstellt. Durch Ästhetische Ideen im Sinne von Deniz Peters` Dissertation (Graz, 2005) wird jener musikalisch-körperliche Ausdrucksraum als ästhetische Erfahrung beredt: Peters` Theorie nicht-symbolischer, d.h. musikimmanenter bzw. medienimmanenter, ideenauslösender Strukturen soll hier angewandt und ausgeweitet werden, indem sie die sich artikulierende Körperlichkeit im Vergleich mit klassischer und zeitgenössischer Kunstmusik zu fassen und in Ihrer Rolle für das menschliche Musikverstehen zu erhellen versucht. Das anvisierte Ziel ist eine Theorie intermedialen Ausdrucks, deren Sinnfälligkeit in einem Katalog interaktiver Fallstudien hybrider Ausdrucksbeispiele erreicht werden soll. Hauptziele des Projekts: 1) die Entwicklung einer Softwareumgebung für elektronische Musik, die körperliche Präsenz in musikalischen Ausdruck zu transformieren vermag, und 2) das Einbringen und Testen von Hypothesen über die Analysierbarkeit von Körperlichkeit in bestehender und entstehender Musik. In seiner Verschränkung musikwissenschaftlicher und musikalischer Fragestellungen will dieses Projekt Maßstäbe für Kunsterschließung und künstlerische Forschung setzen.
Das Projekt Körperliche Präsenz in der Generativen Musik (engl. Embodied Generative Music, EGM) verfolgte einen interdisziplinären, wissenschaftliche und künstlerische Forschung verbindenden Ansatz mit dem Ziel, ein erweitertes Verständnis musikalischer Erfahrung aus Sicht der Musikphilosophie zu erlangen und, gemäß dem Anwendungscharakter der TRP-Linie, neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten im Bereich der Komposition und Aufführung von Computermusik zu entwickeln. Als eines seiner Hauptergebnisse etablierte das Projekt ein Ästhetisches Labor, das eine konzeptuelle, pragmatische und technologische Infrastruktur darstellt, in der Phänomene des Embodiment von einem interdisziplinären Team, in dem ExpertInnen aus den Bereichen Tanz, Komposition, Philosophie, Choreographie und Interaktionsdesign vertreten waren, kollektiv exploriert werden konnten. Dabei wurden folgende Positionen zur Rolle des Embodiment in der musikalischen Erfahrung im Laufe des Projekts entwickelt und in hochwertigen Publikationen dokumentiert: (1) musikalische Erfahrung ist tief in unserer körperlichen Erfahrung verwurzelt, die bei der Wahrnehmung aktiv zum Tragen kommt, (2) musikalischer Ausdruck basiert auf einem kollektiven und intersubjektiven Körperwissen, und (3) musikalischer Ausdruck findet in jenem Bereich statt, in dem sich die körperliche Präsenz von KomponistInnen, MusikerInnen und ZuhörerInnen überschneiden. Beim Versuch, Embodiment in der Aufführung von generativer Musik zu erreichen, stellte sich heraus, dass sich der Körper der Performer in analoger Weise in den generativen Prozess erstrecken können muss, wie das beim Instrumentalspiel in Hinblick auf die Klangproduktion zu beobachten ist. Im Rahmen des Projekts wurde dafür als Teil des Ästhetischen Labors die Open-Source-Software EGM Toolkit entwickelt. Auf der Basis dieser Software konnten bereits einige über das Projekt hinausgehende Anwendungen realisiert werden. Dazu zählen Motion-Enabled Live Electronics (eine neue Variante der Komposition und Aufführung von Live- Elektronik), eine Pilotstudie zur Bewegungssonifikation als intuitives und motivierendes Feedback im Bereich der Physiotherapie (PhysioSonic) und die künstlerischen Forschungsprojekte Rebody und Transbody am Orpheus Research Centre in Music in Gent. Letztere bauen auf der EGM-Fallstudie Bodyscapes auf, einer intermedialen (Tanz/Musik) Soloperfomance, die im Rahmen des Projekts öffentlich präsentiert wurde. Die in EGM gewonnen Erkenntnisse wurden im Kontext des vom Projekt veranstalteten internationalen Symposiums Bodily Expression in Electronic Music präsentiert und diskutiert. Überarbeitete Versionen der Symposiumsbeiträge werden 2011 unter dem Titel Expression in Electronic Music: Perspectives on a Reclaimed Performativity bei Routledge erscheinen. Das Ästhetische Labor bildet eine wichtige methodologische Grundlage für das Nachfolgeprojekt Die Choreographie des Klanges, das im PEEK-Programm des FWF gefördert wird. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Ergebnisse von EGM weiteren Forschungsarbeiten in den Bereichen Musikphilosophie, Computermusik und Sonifikation als Basis dienen werden.
- Norbert Schnell, Centre Georges Pompidou - Frankreich