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Wechselnde Erinnerung - dauerhafte Monumente

Shifting Memories - Manifest Monuments

Johann Heiss (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/L609
  • Förderprogramm Translational-Research-Programm
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2009
  • Projektende 30.06.2013
  • Bewilligungssumme 269.799 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (30%); Geschichte, Archäologie (20%); Soziologie (50%)

Keywords

    Monuments, Cultural Heritage, Turks, Identity, Memory, Ceremonies

Abstract Endbericht

Ziel des Projekts ist es, einen neuartigen Zugang zu einer Art von Denkmalen zu schaffen, die wie kaum eine andere in den Mittelpunkt politischer Propaganda und Auseinandersetzungen geriet: die "Türkendenkmale". Gerade das Feindbild der "Türken" entpuppte sich als eines, das für verschiedenste Zwecke verwendbar war. "Der Türke" wurde zum Symbol so widersprüchlicher Feindbilder wie "Aufklärer", "Bolschewiken" und "Nationalsozialisten". Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die systematische Aufarbeitung der Geschichte der Inbesitznahme des öffentlichen Raums durch Denkmal setzende Instanzen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Analysiert werden - vor allem anhand von archivalischen Quellenbeständen - die Entstehungszusammenhänge der zahlreichen "Türken"-Monumente, ihre Umdeutung und die mit ihnen verbundenen Feierlichkeiten, hauptsächlich Jahrestage (1783, 1883, 1933, 1983). Untersuchungsgebiet ist der von den sogenannten Türkeneinfällen betroffene ostösterreichische Raum (die heutigen Bundesländer der Republik Österreich: Wien, Burgenland, Steiermark, Niederösterreich), der Analysezeitraum im Wesentlichen das 19. und 20. Jahrhundert, die Zeit des "Denkmalkultus". Die Komplexität des Vorhabens bedingt ein transdisziplinäres Forschungsdesign, was seinen Ausdruck in mehreren Kooperationen findet. Träger des Projekts sind die Forschungsstelle für Sozial-anthropologie und die Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte (ÖAW). Innovativ ist das Vorhaben in so ferne, als es in der Analyse die Ebene der Verwendung der Denkmale in der Vergangenheit überschreitet und von dem so gewonnenen kritisch distanzierten Standpunkt eine reflexive Auseinandersetzung ermöglicht. Reflexiv bedeutet, dass nicht die Feindbilder unreflektiert wirken sollen, sondern die Vorgänge, die zu ihrer Ausbildung führen, sichtbar gemacht werden. Dieses Projekt liefert daher einen wissenschaftlichen Beitrag zum Abbau von Feindbildern, der in allgemein verständlicher Form als interaktive DVD und als Website verbreitet wird. Denkmale haben eine in- und exkludierende Funktion. Sie wirken Identitäts- stiftend und -bewahrend. Ausgangspunkt des Forschungsvorhabens sind neuere theoretische Ansätze, die dynamische Wandlungsprozesse, was diese Funktionen betrifft, als grundlegend miteinbeziehen. Das Wiener Liebenbergdenkmal, von der liberalen Stadtverwaltung für ihren Bürgermeister 1883 in Auftrag gegeben, wurde zum Beispiel 1933 erneut benutzt, diesmal jedoch von den Nationalsozialisten, deren Anhänger ein Nachkomme des Helden von 1683 war. Derartige Instrumentalisierungen werden auf der Grundlage von vorwiegend aus Archiven gewonnenen Daten zu "Türken"-Denkmal setzenden Institutionen, Biographien einzelner Akteure und zu Diskursen mit Hilfe von drei methodischen Werkzeugen analysiert: durch Vergleich, historische Diskursanalyse und Netzwerkanalyse. Der Vergleich lässt Unterschiede im diachronen Verlauf erkennen, die historische Diskursanalyse zeigt, unter welchen Voraussetzungen solche Akteure vorgingen und wie sie jene selbst mitgestalteten. Die Netzwerkanalyse verdeutlicht das Machtspiel kooperierender und konkurrierender Kräfte, welche die "Türken" für ihre Zwecke gebrauchen. Die Bedeutung des Projekts liegt darin, dass es die vergangene Funktion der Denkmale als Orientierung für bewusstes Handeln in der Gegenwart für Multiplikatoren wie LehrerInnen, PolitikerInnen, DenkmalschützerInnen auf doppelte Weise verfügbar macht: einerseits, was den Umgang mit "ungeliebten" Denkmalen (z. B. von Diktatoren) betrifft, anderseits verleihen gerade die Diskussionen um den EU-Beitritt der Türkei dem Projekt seine besondere Aktualität und Relevanz.

Die Untersuchungen im Verlauf des Projekts waren auf Gedenkfeiern und Denkmale konzentriert, die an die Einfälle der Osmanen (gemeinhin Türken genannt) erinnern. Dabei erwiesen sich die Absichten von Financiers und Ideenlieferanten auch von Gedenkfeierlichkeiten als vielversprechende Forschungsbereiche. Die Untersuchungen gingen davon aus, dass Ereignisse einer weit entfernten Vergangenheit (330 Jahre) nur erinnert werden können, wenn wir an sie erinnert werden von jemandem, der Zugang zu wirkungsvollen Medien hat. Zumindest im östlichen Österreich bestand die Funktion des Türkengedächtnisses in der Verwendung zur Konstruktion von Bedrohungen und zur Ankündigung einer Hoffnung auf Sieg über einen bedrohlichen Feind. Es wurde damit ein ideales Werkzeug für die Konstruktion deutlicher Grenzen zu jeweils aktuellen Feinden (u.a. Liberale, Konservative, Bolschewiken oder Nationalsozialisten). Zugleich wurde das Türkengedächtnis dazu eingesetzt, den Zusammenhalt unter den angesprochenen Menschen zu stärken. Für diese Aufgaben musste das Türkengedächtnis weitgehend von den Geschehnissen des Jahres 1683 befreit werden, es musste reduziert werden, um die Türken als Folie für andere, aktuelle Feinde einsetzen zu können. Diese Verwendung der Türken begann Ende des 18. Jahrhunderts, als klar geworden war, dass die Osmanen keine direkte Bedrohung mehr waren. Bis heute kann diese ständig angepasste und aktualisierte Verwendung der Türken besonders in Zeiten politischer Wahlen festgestellt werden: Mitglieder von Familien, die aus der Türkei nach Österreich migrierten, werden auch wenn sie österreichische Staatsbürger sind mit den Türken von 1683 in direkte Verbindung gebracht oder mit ihnen identifiziert und werden so zu einer Bedrohung gemacht. Daraus ergibt sich folgende Frage: warum sind es gerade die Türken, die diese Rolle einer Folie für angebliche Bedrohungen spielen, und keine anderen Feinde wie Schweden oder Franzosen. Die Erinnerung an die Bedrohung durch die Schweden während des 30-jährigen Krieges war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch lebendig, hat jedoch seit damals ihre Funktion völlig verloren. Um ein Feindbild in der beschriebenen Art verwenden zu können, müssen gut erkennbare Unterschiede konstruiert werden, die leicht erklär- und vermittelbar sind. Diese Eigenschaft haben die Türken dadurch, dass sie Muslime sind, und dass zusätzlich noch durch sie Bedrohungsszenarios hergestellt, aber auch Siege versprochen werden können. Andere Feinde hatten diese Eigenschaften nicht. Absicht des Projekts war es, die Motive hinter dem vergangenen und gegenwärtigen Feindbild, das die Türken in den Augen von Teilen der österreichischen Bevölkerung darstellen, herauszuarbeiten. Indem die Absichten der politischen Akteure in der Vergangenheit aufgezeigt werden und der Sinn einer vielverwendeten Folie für andere, aktuelle Feinde untersucht wird, bietet die Ergebnisse des Projekts einen ersten Schritt zu einer überlegt-kritischen Haltung in Gegenwart und Zukunft.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Gabi Dolff-Bonekämper, Technische Universität Berlin - Deutschland
  • Michael Falser, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich - Schweiz
  • Gabor Gyani, Central European University Private University - Ungarn

Research Output

  • 21 Publikationen
Publikationen
  • 2009
    Titel Berichterstattung vom letzten österreichischen Türkenkrieg.
    Typ Book Chapter
    Autor Feichtinger J
  • 2009
    Titel Wiener 'Türkengedächtnis' im Wandel. Historische und anthropologische Perspektiven.
    Typ Journal Article
    Autor Feichtinger J
    Journal Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (ÖZP)
  • 2008
    Titel Die 'Helden von 1683'. Türkengedenken im 19. und 20. Jahrhundert.
    Typ Journal Article
    Autor Dallinger S
    Journal Die Maske. Zeitschrift für Kultur- und Sozialanthropologie
  • 2012
    Titel Konjukturen einer verflochtenen Geschichte. Islam und Türken in Österreich.
    Typ Book Chapter
    Autor Amena Shakir/Gernot Galib Stanfel/Martin M. Weinberger (Hg.): Ostarrichislam. Fragmente Achthundertjähriger Gemeinsamer Geschichte
  • 2012
    Titel Der Kopf des Feindes. Zum Umgang mit Türkenköpfen in Wien.
    Typ Journal Article
    Autor Feichtinger J
    Journal Austriaca. Cahiers universitaires d'information sur l'Autriche
  • 2013
    Titel 'Türkenbelagerungen' in der Schule? Zur Vermittlung von Geschichtsbildern über 1683 im Wiener Pflichtschulunterricht.
    Typ Book Chapter
    Autor Geschichtspolitik Und 'Türkenbelagerung'; Feichtinger
  • 2013
    Titel Die 'Türkenbelagerung' in österreichischen Zeitungen.
    Typ Book Chapter
    Autor Geschichtspolitik Und 'Türkenbelagerung'; Feichtinger
  • 2013
    Titel Was macht ein Pascha auf einem Esel? Die zweite Wiener 'Türkenbelagerung' als gegenwärtige Vergangenheit.
    Typ Book Chapter
    Autor Dallinger S
  • 2013
    Titel Die 'Türken' als Stellvertreter für neue Feinde.
    Typ Book Chapter
    Autor Geschichtspolitik Und 'Türkenbelagerung'; Feichtinger
  • 2013
    Titel Die Ereignisse zum hundertjährigen Jubiläum 1783.
    Typ Book Chapter
    Autor Geschichtspolitik Und 'Türkenbelagerung'; Feichtinger
  • 2013
    Titel Maria Hilf! 'Türkengedächtnis' und Marienkult in Wien.
    Typ Book Chapter
    Autor Feichtinger J
  • 2013
    Titel Politik und Erinnerung. Polnisch-österreichische Verflechtungsgeschichten 1883 und 1983.
    Typ Book Chapter
    Autor Geschichtspolitik Und 'Türkenbelagerung'; Feichtinger
  • 2013
    Titel Denkmäler im weitesten Sinne. Eine Spurensuche im Burgenland.
    Typ Book Chapter
    Autor Geschichtspolitik Und 'Türkenbelagerung'; Feichtinger
  • 2013
    Titel Einleitung.
    Typ Book Chapter
    Autor Feichtinger J
  • 2013
    Titel Helden, Verteidiger, Opfer. Beispiele lokaler Erinnerung in Niederösterreich.
    Typ Book Chapter
    Autor Geschichtspolitik Und 'Türkenbelagerung'; Feichtinger
  • 2013
    Titel Der Türk bricht wieder ein. Erinnerungen an die osmanischen Einfälle im steirischen Mur- und Mürztal.
    Typ Book Chapter
    Autor Geschichtspolitik Und 'Türkenbelagerung'; Feichtinger
  • 2013
    Titel Der erinnerte Feind. Kritische Studien zur 'Türkenbelagerung'.
    Typ Book Chapter
    Autor Feichtinger J
  • 2013
    Titel Der erinnerte Feind und nationale Integration. Zentraleuropa im langen 19. Jahrhundert aus gedächtnishistorischer Perspektive.
    Typ Book Chapter
    Autor Feichtinger J
  • 2010
    Titel Auf dem Zauberhaufen. Der Burgravelin und die Funktionalisierung des Gedächtnisses an den Entsatz Wiens von den Türken 1683.
    Typ Journal Article
    Autor Feichtinger J
    Journal Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege
  • 2010
    Titel Feindbild Türke: Das wandelbare Gedächtnis. Bericht über ein Forschungsprojekt an der Akademie der Wissenschaften.
    Typ Journal Article
    Autor Feichtinger J
    Journal Historische Sozialkunde. Geschichte - Fachdidaktik - Politische Bildung (Interview von Michael Wengraf)
  • 0
    Titel Geschichtspolitik und 'Türkenbelagerung'. Kritische Studien zur "Türkenbelagerung'.
    Typ Other
    Autor Feichtinger J

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